Die deutschen Basketballer überstehen das knifflige Duell in der WM-Qualifikation gegen Kroatien, weil auch die Spieler aus der zweiten Reihe Verantwortung übernehmen.
Johannes Thiemann bekam seinen großen Auftritt schon vor dem Spiel. Der Deutsche Basketball-Bund ehrte den „Big Man“ für sein 100. Länderspiel. Der 32-Jährige durfte das Team im Anschluss auch als Kapitän aufs Parkett führen, in Abwesenheit der etatmäßigen Spielführer Dennis Schröder und Johannes Voigtmann.
Die Rolle des Anführers übernahm Thiemann dann auch im Spiel gegen die Kroaten: Mit 24 Punkten und 12 Rebounds war er am Ende bester deutscher Spieler beim nervenaufreibenden 91:89-Sieg nach Verlängerung, es war sogar sein Karrierebestwert im DBB-Trikot. Dass er einen Überseeflug aus Japan in den Knochen hatte und zuvor bei seinem Klub Gunma Crane Thunders mehrere Wochen lang wegen einer Gehirnerschütterung pausieren musste, war ihm kaum anzumerken.
Da Silva über Kapitän Thiemann: „Jeder weiß, was er geleistet hat“
„Er ist unser Go-to-Guy mit seinen 100 Länderspielen auf dem Buckel“, sagte sein Teamkollege Oscar da Silva im Anschluss: „Jeder weiß hier, was er für das Land im Nationaltrikot geleistet hat.“
Wie wichtig die Präsenz von „JT“ für das Team war, wurde in dem besonders kniffligen Qualifikatons-Fenster mit den zwei Duellen gegen Kroatien einmal mehr deutlich: Neben den NBA-Stars, die bei Länderspielen während der Saison nicht zur Verfügung stehen, hatte der Bundestrainer mit Isaac Bonga, Andreas Obst und Justus Hollatz weitere Ausfälle aus der Reihe der Welt- und Europameister zu verkraften. Dass die Qualifikation alles andere als ein Selbstläufer ist, wurde spätestens nach der knappen Niederlage am vergangenen Freitag in Zagreb gegen die Kroaten deutlich.
Mit dem Sieg im Rückspiel, nach einem echten Kraftakt nach Verlängerung, ersparte sich das DBB-Team die gewaltige Hypothek, mit zwei Siegen Rückstand auf die Kroaten in die zweite Gruppenphase der Qualifikation zu gehen. Gemeinsam mit Kroatien bildet das DBB-Team dann eine neue Sechsergruppe. Hinzu kommen voraussichtlich Polen und Lettland, zwei ebenfalls unbequeme Gegner, mindestens drei Gegner müssen die deutschen Basketballer hinter sich lassen, um das WM-Ticket zu buchen. „Es wäre sehr bitter gewesen für die weitere Qualifikation, wenn wir verloren hätten“, sagte Kapitän Thiemann und sprach von einer „okayen Ausbeute“.
Thiemann hat alle großen Turniere im Nationalteam seit 2017 mitgemacht – und damit auch die erstaunliche Entwicklung des DBB-Teams: Vom als absoluten Tiefpunkt empfundenen Vorrunden-Aus bei der WM 2019 mit einer Niederlage gegen die Dominikanische Republik, über Bronze bei der Heim-EM 2022, bis zu den Triumphen bei WM und EM.
Delow und Olinde übernehmen Verantwortung
Kapitän Dennis Schröder hatte bei der vergangenen EM vom gewachsenen Anspruch beim DBB-Team gesprochen, als Schlüssel für die jüngsten Erfolge. Dieses Selbstverständnis, eine Top-Nation im Basketball zu sein, überträgt sich inzwischen offenbar auch auf jene Spieler, die bei den Quali-Fenstern während der Saison das DBB-Trikot überziehen und die Verantwortung für die verhinderten Stammspieler aus der NBA und Euroleague übernehmen.
Gegen die Kroaten war dies etwa Malte Delow, der sich bei Alba Berlin über Jahre auf höchstem Niveau, in der Euroleague behauptet hat. Oder Louis Olinde, ein immer schon überdurchschnittlich Talentierter, der wohl in jeder anderen Generation deutscher Basketballer einen Stammplatz im Nationalteam hätte.
Im schwierigen dritten Viertel, als das deutsche Team schon mit 15 Punkten zurücklag, übernahm Delow als Spielgestalter, brachte das Team mit fünf Punkten in Serie wieder heran. Olinde, der schon im Hinspiel in Zagreb kampfstark auftrat und eine blutige Nase davontrug, wurde zum emotionalen Anführer: Der Flügelspieler aus der spanischen Liga verkürzte mit einem Dreier kurz vor der Sirene den Rückstand auf fünf Punkte – und peitschte das Publikum noch einmal für die Aufholjagd im Schlussviertel auf.
Sonderlob für Youngster Kayil
Ein Sonderlob, auch von Bundestrainer Alex Mumbru, verdiente sich der junge Berliner Jack Kayil: Der 20-Jährige trat in der kniffligen Schlussphase auf wie ein erfahrener Spielmacher, der sein Team schon durch viele Nervenschlachten geführt hatte. In der Verlängerung traf er dann selbst, per Dreier und von der Linie, und schraubte den Vorsprung auf fünf Punkte. „Er ist für mich wie ein Sohn“, sagte Mumbru bei Magentasport. „Er kam mit 18 erstmals zum Nationalteam und hat gleich eine große Rolle gespielt. Er spielt mit soviel Intelligenz, ich glaube an ihn.“
Mumbru hatte schon im Vorfeld auf die Bedeutung der Spieler aus der sogenannten zweiten Reihe hingewiesen, auch um den viel beanspruchten Leistungsträgern aus der Euroleague wie Bonga oder Obst eine Pause zu geben, die seit dem Corona-Break praktisch jeden Sommer durchgespielt haben. „Wir haben eine Verantwortung für die Spieler, wir müssen auf ihre Gesundheit aufpassen“, sagte Mumbru vor den Kroatien-Spielen im Podcast bei Magentasport.
Nächste Quali-Spiele im Juli und August – womöglich wieder in Bestbesetzung
Mumbrus Plan ging bislang auf, auch dank junger Hoffnungsträger wie Jack Kayil. Bei den kommenden Quali-Fenstern Anfang Juli und Ende August, wenn alle Ligen pausieren, könnte der Bundestrainer theoretisch wieder auf alle Spieler zurückgreifen. Es soll die nächste Etappe werden, auf dem Weg zur Weltmeisterschaft 2027 in Katar. Und dem womöglich nächsten großen Auftritt von Thiemann und Co..

