Um Borussia Mönchengladbach hat es in den vergangenen Wochen möglicherweise noch schlechter gestanden, als man so von außen den Eindruck hatte. Sieben Spiele nacheinander hatten die Gladbacher nicht gewonnen und waren auf den fünftletzten Platz abgestürzt, als sie am Samstag durch einen Elfmeter in der Nachspielzeit mit 1:0 gegen Union Berlin gewannen und der Sportchef Rouven Schröder hinterher sagte: „Das Wichtigste ist, dass wir dem Druck standgehalten haben und nicht daran zerbrochen sind.“
Der Sauerländer Schröder mag zwar gelegentlich zum Pathos neigen, jedoch erscheint glaubhaft, dass der Traditionsklub vom Niederrhein in einer verkorksten Saison, in der man bereits den Trainer und den Sportchef ausgetauscht hat, mit den personellen Patronen und teils auch seinem fußballerischen Latein ein wenig am Ende war. „Die letzten Wochen mit den ganzen Niederlagen waren schon sehr hart für uns“, sagte nach dem Sieg der Innenverteidiger Kevin Diks. Der 29 Jahre alte Niederländer mit indonesischen Wurzeln umschrieb die Partie aufgewühlt als „emotionale Achterbahnfahrt“, weil nämlich er es war, der binnen 98 Minuten Gladbachs Unvermögen, Gladbachs Pech und Gladbachs Erlösung personifiziert hatte.

:Ein Solidaritätspakt führt zur Erlösung
Werder Bremen beendet seine fürchterliche Serie und erreicht im Abstiegskampf ein klitzekleines Etappenziel. Von Rettung zu sprechen, wäre eindeutig verfrüht – doch der Glaube kehrt zurück.
Diks hat kurz vor der Pause erst einen Kopfball auf das leere Tor über die Latte gedrückt, dann wurde ihm in der 65. Minute ein bereits heftig umjubeltes Tor nach elend langem Videocheck wegen einer weit vorangegangenen Abseitsstellung wieder aberkannt – bevor er in der vierten Minute der Nachspielzeit einen Foulelfmeter zum 1:0-Siegtor verwandelte. Den Druck, da ganz am Ende unbedingt treffen zu müssen, habe er gespürt in diesem Moment, gestand er hinterher und fügte das psychologisch erschwerende Detail hinzu: „Ich habe mich noch schuldig gefühlt wegen meiner vergebenen Kopfballchance kurz vor der Pause.“
Trainer Eugen Polanski zeichnete derweil nicht das Bild des zweifelnden Schützen, sondern das des eiskalten Superhelden: „Wenn es Elfmeter gibt, nimmt Kevin Diks sich den Ball und schießt ihn rein, der ist nervenstark, der pinkelt Eiswürfel.“
Dabei pinkelt bei Gladbach in dieser Saison nun wirklich niemand Eiswürfel. Es ist bezeichnend für die unverändert brenzlige Situation, dass Abwehrmann Diks mit vier Bundesligatreffern der zweitbeste Gladbacher Torschütze in dieser Saison ist – und es ist noch bezeichnender, dass er diese vier Treffer alle per Elfmeter erzielen musste. Zieht man von den 27 Gladbacher Saisontoren die vier Diks-Elfmeter ab und die elf Treffer vom Mittelstürmer Haris Tabakovic sowie zwei gegnerische Eigentore, bleiben für alle anderen Spieler zusammen nur noch zehn Tore übrig. Abgesehen von Tabakovic, der aber in den jüngsten acht Spielen auch nur noch zweimal getroffen hat, ist die Borussia eine der abschlussschwächsten Mannschaften dieser Liga. Ein Grund dafür ist aber auch, dass die verletzten Angreifer Tim Kleindienst und Robin Hack seit Wochen ausfallen.
„Wir werden hier im Borussia-Park noch ganz harte Heimspiele haben“, warnt der Sportchef
Polanski hat in den jüngsten acht Spielen deshalb sechs unterschiedliche Angriffsformationen ausprobiert. Mittelstürmer Tabakovic und Rechtsaußen Franck Honorat waren jedes Mal gesetzt, aber auf der dritten Position kamen in dieser Reihenfolge Jens Castrop, Florian Neuhaus, Shuto Machino, Kevin Stöger, Hugo Bolin und am Samstag Wael Mohya zum Einsatz. Mohya ist mit seinen 17 Jahren und zwei Monaten nun Gladbachs jüngster Bundesliga-Startelfspieler jemals.
Gegen Union haben die Gladbacher mit 60 Prozent Ballbesitz zwölfmal neben und siebenmal auf das Berliner Tor geschossen, aber es bedurfte eines glücklichen Elfmeters in der Nachspielzeit, um das Spiel hauchdünn zu gewinnen. Sie hätten diesen Umstand am Samstag bemängeln können, stattdessen zogen sie verständlicherweise lieber das Positive heraus. „Unsere Mentalität war großartig, und jeder sollte immer daran denken, wie wir spielen können, wenn die Mentalität so gut ist“, sagte Siegtorschütze Diks. Sportchef Schröder lobte den diesmal kollektiven Zug zum Tor: „Schnörkellos nach vorne, den Sechzehner mehr bedrohen, auch mal aus der zweiten Reihe schießen – dann ist auch das Publikum automatisch da.“
Schröder, der im Oktober auf den zurückgetretenen Roland Virkus gefolgt war, hat vom Potenzial des Gladbacher Kaders eine unverändert hohe Meinung. Über die schnörkellose Torannäherung im Branchenvergleich sagte er: „So viele Mannschaften machen das vor, die deutlich mehr Punkte haben als wir, die zwar fußballerisch nicht unbedingt besser sind, die es aber manchmal pragmatischer machen.“
Der Druck bleibt für Gladbach bestehen. „Wir haben noch längst nichts geschafft“, sagte Schröder: „Denn wenn du nach so einem Sieg in die Kabine kommst und die anderen Ergebnisse siehst, dann weißt du, dass die anderen Mannschaften da unten es auch verstanden haben und wieder mit dabei sind.“ Schröder prophezeite: „Wir werden hier im Borussia-Park noch ganz harte Heimspiele haben.“
Bevor es dazu kommt, haben die Gladbacher erst mal ein ganz hartes Auswärtsspiel. Am kommenden Freitag gastieren sie beim FC Bayern. Vor dieser Aufgabe hat zum Beispiel Kevin Diks gar keine allzu große Furcht. Der Druck ist vergleichsweise niedrig, Diks wittert gar Sensationspotenzial. Im Fußball sei alles möglich, findet er: „In den Niederlanden sagen wir: De bal is rond.“
