Einen Spalt breit war die Tür für Borussia Dortmund geöffnet in dieser Partie, in der der gebeutelte Revierklub dieser Saison noch einmal eine neue Richtung hätte geben können. „Wir haben einen geilen Fight gezeigt, wir haben alles gegeben“, sagte Gregor Kobel nach der 2:3-Niederlage im Klassiker gegen Bayern München, der beste Unterhaltung bot.
Deutlich überlegen war der FC Bayern nicht gewesen, als es 1:1 stand, hatten die Dortmunder sogar Chancen zur Führung. Auch nach dem 2:2 war dieser besondere Zustand zu spüren, der im Fußball oft als „Momentum“ beschrieben wird. Die Bayern wankten defensiv, aber offensiv sind sie schlicht besser als diese Dortmunder.
Harry Kane hatte das 1:1 (54.) und das 1:2 (71.) erzielt, bevor Joshua Kimmich mit seinem linken Fuß der Siegtreffer gelang (87.). „Das ist dann Weltklasse, das ist der Unterschied, der heute ein bisschen zu sehen war“, sagte Dortmunds Trainer Niko Kovac zu Kimmichs vorletztem Pass, mit dem der Nationalspieler das 1:1 einleitete, und zu Kimmichs Schuss zum 2:3.
„Das werden wir nicht mehr abgeben“
Obgleich Jonathan Tah ankündigte, dass der FC Bayern „weiter machen“ werde, ist nicht mehr vorstellbar, dass im Sommer ein anderes Team deutscher Meister wird als die Münchner. „Jetzt haben wir elf Punkte Vorsprung, das werden wir nicht mehr abgeben“, sagte Kimmich.

Als Trost für die Vermarkter der Bundesliga taugt nur, dass zumindest dieses Spiel ein schönes Spektakel gewesen ist, mit fünf Toren und spannend bis zum Schluss. „Meiner Meinung nach war das eine gute Werbung für die Bundesliga. Intensität, Tore, beide Mannschaften haben diesen absoluten Willen ausgestrahlt, nach vorne zu spielen“, sagte der Münchner Trainer Vincent Kompany.
Aber in den entscheidenden Momenten war eben auch zu sehen, dass die Bayern einfach besser sind. Sie gingen geschickter mit dem Ball um, agierten sauberer und waren auch als Kollektiv feiner abgestimmt. Und dennoch gelang es dem BVB nach einer Leidensphase in den ersten 20 Minuten, den Rhythmus zu brechen und die Partie zu einem Zweikampfspiel zu machen. „Das war ein körperliches Spiel mit vielen Fehlern“, sagte Kimmich.
Rund um die Halbzeit lagen immer wieder Dortmunder und manchmal auch Münchner auf dem Boden. Emre Can musste sich in der ersten Halbzeit dreimal behandeln lassen, bevor er schließlich kurz vor der Pause ausgewechselt wurde. Diese Entwicklungen störten das Spiel der Münchner, zumal Nico Schlotterbeck auch noch einen Freistoß von Daniel Svensson zum 1:0 ins Tor geköpft hatte (26.). Tatsächlich wirkte die anfängliche Überlegenheit der Münchner in der Phase rund um die Halbzeit wie eine Scheindominanz.
Der Tabellenführer hatte vor der Pause keine klare Torchance, während die Dortmunder zwei, drei Situationen vor dem Münchner Tor hatten, aus denen auch das 2:0 hätte entstehen können. Der Klassiker war zwischenzeitlich zu einem dieser Spiele geworden, in dem ein Underdog Mittel gefunden hatte, den fußballerisch klar besseren Favoriten irgendwie ins Wanken zu bringen. Die Dortmunder waren gut vorbereitet, sie wussten, wie sie Michael Olises starken linken Fuß verteidigen und die Wucht von Luis Diaz bremsen.

Aber die fußballerischen Schwächen, über die nicht erst seit dem Champions-League-Aus von Bergamo diskutiert wird, waren schon auch an diesem Tag sichtbar. Das änderte sich auch nicht mit dem technisch eigentlich sehr starken Angreifer Fabio Silva, der für Serhou Guirassy in die Startelf befördert worden war.
Beim BVB fehlen Präzision und Ideenreichtum
Im Spiel der Angreifer zeigte sich der Qualitätsunterschied zu den Münchnern besonders deutlich. Beim BVB fehlen Präzision, Handlungsschnelligkeit und Ideenreichtum. Und am Ende trug auch der ansonsten sehr starke Schlotterbeck zu dieser Niederlage bei, weil er durch einen ungeschickt geführten Zweikampf den Elfmeter verursachte, den Kane zum 1:2 verwandelt hatte.
Niko Kovac hat sich damit offenbar arrangiert, jedenfalls war der Trainer des BVB keinesfalls unzufrieden nach dieser Niederlage. „Man sieht, dass wir hier ein bisschen was entwickeln“, sagte er. „Die Stimmung war sehr, sehr gut, und das zeigt auch, dass die Menschen hier sehr zufrieden waren.“
Das waren erstaunliche Worte, denn eigentlich wäre es gut nachvollziehbar gewesen, wenn die Dortmunder sich mächtig ärgern würden, jetzt, wo auch die letzte Titelchance verspielt ist. Schlotterbeck hat die Meisterschaft vor einigen Wochen zum offiziellen Ziel erklärt, und es war eben schon möglich, zu gewinnen und auf fünf Punkte an den ersten Platz heranzurücken. Maxi Beier (53., 55.) und Yan Couto (65.) ließen gute Möglichkeiten ungenutzt, während etliche Chancen gar nicht erst entstanden, weil letzte oder vorletzte Pässe nicht die erforderliche Qualität hatten.
Aber offenbar hat ein emotionaler Paradigmenwechsel stattgefunden bei den Dortmundern: Sie sind in dieser Saison zufrieden mit Platz zwei. „Wir schauen immer noch in den Rückspiegel“, sagte Kovac, wobei dort – genau wie für den FC Bayern – erst mal keine sehr großen Gefahren lauern.
