
Kurz vor halb vier am Nachmittag. Achim See macht sich bereit für den Kirchgang, da meldet sich sein Smartphone. See stutzt kurz, dann weiß er beim Blick auf das Display: Es wird nichts aus dem Festtagsgottesdienst mit fröhlichen Gesängen und feierlicher Stimmung. Es geht um Leben oder Tod. Sein erster Einsatz als Katretter steht an. Der Bad Vilbeler hat diesen besonderen Ersthelfer-Dienst im Wetteraukreis mit auf den Weg gebracht – nun soll er selbst zu einem Notfall in seinem Viertel eilen. So teilt es ihm seine Katretter-App mit. Sie schlägt ihm gleich eine Route vor und schätzt gleichzeitig die Zeit bis zum Unglücksort ab.
„Zu Fuß wären es sieben Minuten gewesen, mit dem Fahrrad sollten es drei Minuten sein“, erinnert sich der Brillenträger mit den kurzgeschnittenen silbergrauen Haaren an den zwei Monate zurückliegenden Vorfall. Er radelte kurzerhand zum Ziel. Dort war ein Mann ohne Vorerkrankung unvermittelt an Heiligabend in seiner Wohnung zusammengebrochen, die Ehefrau meldete sich über den Notruf. Die in Friedberg ansässige Leitstelle des Wetteraukreises schickte einen Rettungswagen los und alarmierte über die App die Katretter in der Gegend. Außer See nahmen zwei andere von ihnen den Einsatz an, wozu ihnen grundsätzlich 30 Sekunden bleiben.
Eine Viertelstunde lang das Herz massiert
Achim See traf fast gleichzeitig mit den beiden weiteren Helfern am Unglücksort ein. Mit einem Helfer wechselte er sich bei der Herzdruckmassage ab, um den Patienten ins Leben zurückzuholen. Beide behandelten den Mann eine Viertelstunde lang, dann übergaben sie ihn dem herbeigeeilten Rettungsdienst. Feuerwehrleute halfen mit, den Patienten aus der Wohnung zu holen. Im Rettungswagen, der einer Intensivstation auf Rädern gleicht, stabilisierten ihn die Helfer und fuhren ihn nach Bad Nauheim in die auf Herzkranke spezialisierte Kerckhoff-Klinik. Damit war für Achim See und seine beiden Mitstreiter der erste Katretter-Einsatz beendet.
Katretter – dieses Wort trägt den Begriff Katastrophe in sich. Und das nicht von ungefähr. Die Leitstelle alarmiert Katretter, wenn sich bei der Abfrage des Notrufs der Verdacht auf einen Herz-Kreislauf-Stillstand ergibt. Sie schickt nur ausgewiesene Fachkräfte zu Notfällen. Dies können Feuerwehrleute oder Mitarbeiter von Hilfsorganisationen mit einer Sanitätsausbildung sein, Arzthelferinnen, Pflegekräfte oder Mediziner. Mit 150 solchen Ersthelfern hat der Wetteraukreis vor einem Jahr diesen Dienst eingeführt, gleichzeitig mit dem Hochtaunuskreis. Mittlerweile haben sich 479 Männer und Frauen zwischen Butzbach und Büdingen, Wölfersheim und Rosbach registriert. Ein Wert, auf den See durchaus stolz ist. Auf 1000 Einwohner des Landkreises kommt statistisch gesehen mehr als ein Katretter. Die App funkt Ersthelfer in einem Umkreis von rund einem Kilometer um den Unglücksort an.

Als er gesagt habe, nach etwa einem Jahr um die 500 Katretter in der Kartei haben zu wollen, sei er von Kollegen aus anderen Landkreisen durchaus belächelt worden. Nun lächelt er, der sein Geld in leitender Position in der Fachstelle Rettungsdienst und Zentrale Leitstelle des Wetteraukreises verdient. Der unter anderem über den Instagram-Auftritt des Landkreises beworbene Ersthelfer-Dienst habe sehr geholfen, die Katretter-Idee zu verbreiten und Mitstreiter zu gewinnen, gerade unter Jüngeren.
Marburg-Biedenkopf früher mit Katrettern am Start als die Wetterau
Mit dem Katretter-Dienst zählt der Landkreis in Hessen und Deutschland nicht zur Avantgarde. Das verhehlt See ebenso wenig wie Jürgen Nickel als Leiter des Fachdienstes Gesundheit und Gefahrenabwehr. Der Kreis Marburg-Biedenkopf hatte einen solchen Ersthelfer-Dienst schon vor der Corona-Pandemie eingeführt, der benachbarte Landkreis Gießen folgte alsbald. Auch in Friedberg beschäftigten sich die Fachleute um See und Nickel schon vor der Pandemie mit den Katrettern. Aber der Ausbruch von Corona und die zahlreichen Folgen für die Rettungsdienste drängten das Thema in den Hintergrund. Als Corona seinen Schrecken verloren hatte, nahmen sie den Gedanken wieder auf und stellten Mitte Januar vergangenen Jahres gemeinsam mit Landrat Jan Weckler (CDU) das neue Angebot vor. Motto: „Zur Stelle, wenn’s zählt.“
Hinter dem Katretter-Dienst steht nach den Worten von See eine über Jahre gewonnene Erkenntnis: „Uns war klar, es hat etwas gefehlt, das Quäntchen, um noch schneller am Unglücksort zu sein.“ Denn Minuten könnten über Leben und Tod entscheiden. Er spricht aus Erfahrung. Fast sein gesamtes Leben lang gehört er zur Blaulicht-Familie. Er fing bei der Jugendfeuerwehr an, wechselte zu den erwachsenen Rettern, machte seinen 15 Monate währenden Zivildienst im Rettungsdienst des Arbeiter-Samariter-Bunds in Karben und ließ sich zum Rettungsassistenten und Sanitäter ausbilden. Die 2014 eingeführte Ausbildung zum Notfallsanitäter setzte See obendrauf. Seit der Jahrtausendwende steht er in Diensten des Wetteraukreises und ist auch mit der Organisation der Leitstelle und der Rettungsdienste bestens vertraut.

Er weiß: Ein Rettungswagen kann nur so schnell sein, wie es die Verkehrslage erlaubt. Im Zweifel ist ein Katretter die entscheidenden Minuten schneller am Unglücksort, das ist jedenfalls das erklärte Ziel. Wobei ein Grundsatz lautet, die Helfer keiner Gefahr auszusetzen. Zu Verkehrsunfällen und Unglücken auf Baustellen werden diese Ersthelfer ebenso wenig geschickt wie zu Suizidgefährdeten. Auch in Altenheimen werden sie nicht tätig, denn dort sollte geschultes Personal jeweils zur Belegschaft gehören. Katretter kommen also ins Haus oder helfen in der Öffentlichkeit, wenn jemand kollabiert und in Lebensgefahr schwebt. Der Wetteraukreis gibt ihnen eine kleine Ausrüstung mit auf den Weg. In der Bauchtasche finden sich eine FFP2-Maske, Desinfektionsmittel und eine Maske zur Beatmung des Patienten. Blaue Einmalhandschuhe nicht zu vergessen. „Ich habe mittlerweile immer welche einstecken“, sagt See und pult sie wie zum Beweis aus einer Tasche seiner Hose. Um im Einsatz erkennbar zu sein, gibt es eine hellblaue Warnweste mit Katretter-Schriftzug auf dem Rücken dazu.
Über eine solche Ausrüstung verfügen mittlerweile Männer und Frauen in allen 25 Städten und Gemeinden in der Wetterau, wie Nickel und See sagen. 206 Einsätze haben die Katretter seit dem vergangenen Februar hinter sich gebracht. „Diese Zahl entspricht in etwa dem, was wir ausgerechnet hatten“, sagt der stellvertretende Leiter der Fachstelle Rettungsdienst und Zentrale Leitstelle. Dabei gebe es in den größeren Kommunen wie Bad Vilbel, Bad Nauheim und Friedberg, aber auch in Butzbach dank der regen Feuerwehren mehr solcher Ersthelfer als andernorts in der Wetterau. Allerdings komme es dort auch jeweils zu mehr Einsätzen als in den kleineren Kommunen.
Im Rückblick auf seinen ersten Katretter-Einsatz sagt See, er habe sich in den ersten Minuten keinerlei Gedanken gemacht – „ich habe funktioniert“. So wie er es in 27 Jahren im Rettungsdienst gelernt habe. Im Nachgang sei ihm aber klar geworden: „Solche Einsätze sind nicht ohne.“ In weiser Voraussicht haben er und seine Mitstreiter davon abgesehen, auch Laien mit einer Ersthelfer-Ausbildung im Führerschein-Kursus mit in die Kartei aufzunehmen. Denn nicht nur im Zweifel sei jede auch noch so schnelle kundige Hilfe vergebens. Mit bis zu drei Prozent Überlebenden nach Wiederbelebung und anschließendem Krankenhausaufenthalt und Rehabilitation kommen die Katretter in der Wetterau auf eine sehr gute Quote, wie er hervorhebt.
Sein Einsatz in der Zusammenarbeit mit den anderen Helfern hat zu dieser Quote erfreulich beigetragen. Der Patient durchläuft gerade noch seine Reha, wie See berichtet. Der Mann habe sich schon mehrfach bei ihm bedankt: „Besonders bewegend war eine Videobotschaft aus dem Krankenbett.“
