Dreidimensional: Ivan Fischer mit Vilde Frang im Herkulessaal

Gesangliche Passagen gibt es im zweiten Violinkonzert von Béla Bartók, hämmernd bruitistische, nicht zuletzt szenische, wenn die Geige loslegt wie ein wildgewordener Wirtshausfiedler. Niemand aber entdeckt so bildhaft, wie sehr dieses Spätwerk auf ein besonderes Genre zurückverweist, in dem der junge Komponist einst Aufsehen erregte, wie Vilde Frang: das Tanztheater. Ohne sich dabei in ihrer Körperhaltung sehr zu produzieren, führt sie auf der Bühne des Herkulessaals ein wahres Ballett auf.

Ihre Mittel sind musikalische, und sie beschränken sich nicht auf die Betonung einzelner rhythmischer Zellen. Vielmehr zieht die Norwegerin mit ihrem entspannt ausklingenden, dabei stets gespannten Ton weite Bögen. Alle die vielen Äußerungen, robuste wie spinnwebfeine, sind unter diesen Bögen versammelt und werden durch diese zusammengehalten. Das Einzigartige ist, wie sie die Motive innerhalb solcher Einheiten in einer Choreographie bewegt. Sie springt auf das atemlos zuhörende Publikum zu, zeichnet mit steilen Crescendi und sich plötzlich zurückziehenden Decrescendi Kurven: Vilde Frang projiziert den Solopart dreidimensional in den Raum.

Ivan Fischer und das Symphonieorchester des BR feuern die Solistin an, indem sie das phantastische instrumentale Ballett ausgelassen mittanzen. Der mittlerweile 75-jährige Dirigent beherrscht die Kunst, die einzelnen Gruppen so dicht zu koordinieren, dass sie sich in natürlicher Präzision zusammenfügen, und gleichzeitig die Fülle von Details auszukosten: Die Violinen des Symphonieorchesters formulieren geschmeidig, die Bläser tuten einmal lustvoll wie Autohupen, die Harfe hat Fischer nach vorne geholt, wo sie zu einer zweiten Solistin wird.

Noch sehr jung 2012 in Sochi  beim  5. Winter International Arts Festival:  Vilde Frang.
Noch sehr jung 2012 in Sochi beim 5. Winter International Arts Festival: Vilde Frang.
© imago stock&people (imago stock&people)
Noch sehr jung 2012 in Sochi beim 5. Winter International Arts Festival: Vilde Frang.

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Die slowakischen Volkslieder „Drei Dorfszenen“ seines ungarischen Landsmannes Bartók präsentiert Fischer als eine Art atmosphärischer Einleitung. Der Frauenchor des Bayerischen Rundfunks tönt angenehm dunkel, die Solistin Julia Duscher-Price betört mit ihrem reinen, doch klangreichen Sopran und ihrer feingliedrig anmutigen Phrasierung.

Ivan Fischers Sinn für räumliche Wirkungen setzt sich in der Symphonie Nr. 3 von Mendelssohn Bartholdy fort. Die ersten und zweiten Violinen sitzen sich gegenüber, sodass der elegische Gesang sich zu Beginn aus dem Orchesterbauch heraus bis in die äußeren Glieder ausbreiten kann. Für die abschließende Hymne lässt Fischer erst die Bratschen, dann die zweiten Violinen, die ersten, die Hörner und schließlich Alle aufstehen: ein origineller, starker Effekt. Das Orchester singt die erhabene Melodie aus ganzem Herzen, ohne Worte. Hinreißend.

Ivan Fischer: Hier mit dem Royal Concertgebouw Orchestra in  Amsterdam
Ivan Fischer: Hier mit dem Royal Concertgebouw Orchestra in Amsterdam
© IMAGO/Dingena Mol (www.imago-images.de)
Ivan Fischer: Hier mit dem Royal Concertgebouw Orchestra in Amsterdam

von IMAGO/Dingena Mol (www.imago-images.de)

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