Reliquie des Franz von Assisi: Warum so ein Massenandrang für ein paar alte Knochen? – Panorama

Seit Samstag pilgern Hunderttausende Gläubige in den italienischen Ort Assisi, um die Gebeine des Heiligen Franz von Assisi zu sehen, der vor 800 Jahren starb. Etwa 400 000 Menschen haben sich angemeldet. Oliver Wintzek ist Professor für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der Katholischen Hochschule Mainz. Er war selbst schon mehrfach in Assisi. Die Schlange vor dem Plexiglassarg würde er sich trotzdem sparen.

SZ: Herr Wintzek, seit Samstag sind die Gebeine von Franz von Assisi in einem Plexiglassarg öffentlich zu sehen. Was geht Ihnen durch den Kopf?

Oliver Wintzek: Ehrlich gesagt: Befremden. Ich kann nachvollziehen, warum Reliquienverehrung früher plausibel war. Aber dass das heute noch so gehypt wird, irritiert mich. Ich war selbst schon mehrfach in Assisi und habe die Grabstätte des heiligen Franziskus besucht, dort auch eine Kerze angezündet. Aber ich glaube nicht, dass mir das Anschauen seiner Knochen etwas geben würde.

Warum werden die sterblichen Überreste gerade jetzt gezeigt?

Der offizielle Anlass ist der 800. Todestag des heiligen Franziskus. Aber das ist natürlich auch ein Event. Die Kirche weiß: Wer heute Aufmerksamkeit will, muss etwas bieten. Und das tut sie.

Also doch auch Marketing?

Natürlich. Die Kirche kämpft ja seit jeher mit einer ganz grundsätzlichen Frage: Wie zeigt man etwas, das man nicht sehen kann? Reliquien sind eine Antwort darauf. Sie sollen den Glauben anfassbar machen. In einer Zeit, in der Religion ohnehin um Aufmerksamkeit ringt, passt eine solche Inszenierung natürlich gut ins Bild. Dass die Gebeine des heiligen Franziskus gezeigt werden, finde ich fast noch nachvollziehbar. Es gibt da wirklich Absurderes.

Zum Beispiel?

Ein Beispiel ist Carlo Acutis, der Teenager, der 2006 starb, der als erster Millennial heiliggesprochen wurde und dessen Herz dann auf Deutschlandtournee ging. Es gibt auch Schädelreliquien, die von Johannes dem Täufer stammen sollen, als er zwölf Jahre alt war. Johannes wurde laut Bibel als Erwachsener enthauptet. Einen Kindheitskopf kann es also gar nicht geben. Darauf muss man erst mal kommen. Es gibt noch viele weitere Beispiele.

Oliver Wintzek hat an der Päpstlichen Universität Gregoriana promoviert und sich an der Universität Freiburg habilitiert. Im Jahr 2000 wurde er in Rom zum Priester geweiht.
Oliver Wintzek hat an der Päpstlichen Universität Gregoriana promoviert und sich an der Universität Freiburg habilitiert. Im Jahr 2000 wurde er in Rom zum Priester geweiht. (Foto: KH Mainz)

400 000 Menschen haben sich vorab angemeldet. Was zieht die Menschen zu Franz von Assisi?

Franz von Assisi hat auf alles verzichtet – auf Reichtum, auf Besitz, auf ein bequemes Leben. Diese Radikalität fasziniert bis heute. Viele sehen in ihm ein Vorbild, gerade wenn es um soziale Gerechtigkeit oder die Frage geht, wie wir als Gesellschaft oder Kirche leben wollen. Immerhin war Franz von Assisi ein Revolutionär für das kirchliche Establishment. Und der Wunsch, einer verehrten Person irgendwie nah zu sein, etwas von ihr zu berühren – das ist zutiefst menschlich.

Ist das ein rein religiöses Phänomen?

Nein, so was findet man überall. Eine Art Reliquienkult gibt es ja auch im Sport oder in der Popkultur. Etwa bei Fanartikeln von Stars wie Taylor Swift oder bei Auktionen, bei denen Instrumente berühmter Bands versteigert werden. Selbst das Grab von Jim Morrison in Paris funktioniert heute wie eine Pop-Wallfahrtsstätte. Die Kirche ist davon gar nicht so weit entfernt.

Die Reliquie als eine Art christlicher Fanartikel?

In gewisser Weise, ja. Reliquien sind im Grunde so etwas wie heilige Souvenirs der Kirche. Sie sollen greifbar machen, was sich eigentlich nicht anfassen lässt. Das Bedürfnis dahinter verstehe ich gut. Aber ob man Gott durch das Anschauen alter Knochen näherkommen kann – da habe ich meine Zweifel.