Man muss vorwegschicken: Es ist nicht zweifelsfrei belegt, welche konkreten Motive Jeffrey Epstein mit seinen Millionenspenden an Universitäten und Wissenschaftler tatsächlich verfolgt hat. Legt man alle Bausteine zusammen, kann man jedoch mit gewisser Klarheit sagen, dass jemand, der Millionen US-Dollar in den Wissenschaftsbetrieb gepumpt hat, dort auch handfeste Interessen verfolgt hat.
Und Epstein hatte Geld. Viel Geld. Er wollte sich damit mutmaßlich Zugang zu der gefährlichsten Währung im Wissenschaftsbetrieb erkaufen: Das sind nicht Daten, sondern das ist Einfluss. Epstein verteilte seine Millionen offenbar auf unkomplizierten Wegen und umgab sich in illustren Runden mit Forschern. Er ließ sich dort beim Plaudern zuhören, auch wenn dabei verstörende Ideen aufkamen – laut Berichten etwa die Vorstellung, auf einer „Baby-Ranch“ den menschlichen „Genpool“ zu „verbessern“.
Heute, viele Jahre später, stellt sich im Zuge der Aufarbeitung um die Epstein Files die Frage, welche Konsequenzen die aus diesen gewonnenen Erkenntnisse für den Wissenschaftsbetrieb haben sollten. Besonders in den Vereinigten Staaten ist es alles andere als unüblich, dass Forscher externes Geld annehmen, auch von Privatspendern.
Man sollte die Nähe zu Geldgebern nicht als Chance verstehen
Es ist illusorisch, zu glauben oder sich einzureden, Forschung und Lehre könnte man im Kopf frei und unabhängig gestalten, wenn im Hintergrund ein Mäzen den Geldbeutel öffnet. Selbst dann, wenn es wirklich stimmt, dass man in Harvard, Yale und Stanford nicht wusste, was in den Massageräumen auf Epsteins Karibikinsel Little Saint James wirklich passierte.
Wer aber Geld annimmt, muss dafür Sorge tragen, dass seine Reputation und seine Forschung möglichst nicht für andere Zwecke missbraucht werden. Viele Wissenschaftler geben heute öffentlich an zu bereuen, Geld von Epstein akzeptiert zu haben, etwa der Kognitionswissenschaftler Joscha Bach. Er sagte in einem Interview mit der Zeit, dass es in den Augen vieler Menschen „moralisch grundfalsch war“, von Epstein Unterstützung anzunehmen – angesichts der Vorwürfe, „die später gegen ihn bekannt wurden“.
Aber was ist, bevor Vorwürfe laut werden? Der Epstein-Fall zeigt: Das Kernproblem sind nicht Spenden an sich. Sondern das Problem ist, dass Hochschulen und Wissenschaftler die Nähe zu Geldgebern als Chance verstehen, nicht als Risiko. Ein Risiko, das strikt begrenzt, geprüft und transparent gemacht werden muss. Sich auf den moralischen Kompass Einzelner zu verlassen, reicht nicht.
Es geht hier nicht nur um die Verbindungen einzelner Wissenschaftler zu einem einflussreichen, kriminellen Spender. Sondern es steht auch das Ansehen des Wissenschaftsbetriebs in Gänze auf dem Spiel. Die Fallhöhe könnte nicht größer sein, besonders in den USA, aber auch in Deutschland steht die Wissenschaft gehörig unter Druck. Sogenannte alternative Fakten, Verschwörungserzählungen und anekdotische Evidenz, also unzulässig verallgemeinerte Einzelfälle, haben in den vergangenen Jahren dank Social Media einen direkten Weg in die Hirne von Millionen Menschen gefunden.
Kippt das Bild von der Wissenschaft, wird sie nicht mehr als aufrechtes Bestreben der Wahrheitsfindung wahrgenommen, sondern als korruptes Elitennetzwerk, in dem einflussreiche Männer einander Geld, Macht und Einfluss zuschieben, dann geht das heute schon brüchige Vertrauen in Fakten vollends kaputt. Die Autokraten dieser Welt dürften sich schon in Vorfreude die Hände reiben. Wer umgekehrt an die freie Wissenschaft als einen Grundpfeiler der Demokratie glaubt, sollte nicht erst im Nachhinein sein Bedauern bekunden, wenn Akten geöffnet werden. Sondern er sollte vorher die Augen öffnen.
