taz/afp/dpa | Die Entlassung der Berlinale-Chefin Tricia Tuttle ist vom Tisch – zumindest fürs Erste. Die Trägergesellschaft der Berlinale hat zwar am Donnerstag über Konsequenzen aus israelfeindlichen Äußerungen bei der Filmpreisverleihung am Sonntag beraten. Zu einer Ablösung der Intendantin, über die im Vorfeld spekuliert worden war, kam es nicht.
Die Nachricht, dass Tuttle auf Intervention von Weimer entlassen werden könne, hatte zuvor einen Proteststurm von Filmschaffenden ausgelöst. Einen offenen Brief der Deutschen Filmakademie hatten unter anderem Ilker Çatak und Wim Wenders unterschrieben. Erstere hat bei der aktuellen Berlinale den Golden Bären gewonnen, Letzterer war Präsident der diesjährigen Berlinale-Jury.
Auch mehr als 500 Beschäftigte der Berlinale haben sich in einem gemeinsamen Statement hinter die Festivaldirektorin gestellt. „Wir – das Team der Berlinale, egal ob fest angestellt, auf Vertrag, als Freelancer und kooperierende Institutionen – kommen aus ganz unterschiedlichen Ecken, aber in einer Sache sind wir uns absolut einig: Wir stehen voll und ganz hinter der großartigen Tricia Tuttle als unserer Intendantin“, heißt es darin.
Wie der Streit um die Intendantin ausgeht, ist aber noch offen. „Die Gespräche über die Ausrichtung der Berlinale werden in den kommenden Tagen zwischen der Intendantin Tricia Tuttle und dem Aufsichtsratsgremium fortgesetzt“, sagte am Donnerstag ein Sprecher von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer in Berlin.
Die Gespräche unter Weimers Leitung im Kanzleramt seien „konstruktiv und offen“ verlaufen, verlautete aus Teilnehmerkreisen. „Es wurde in der Aufsichtsratssitzung neben der Ausrichtung der Festspiele auch über die israelfeindlichen Äußerungen bei der Preisverleihung am Sonntag gesprochen.“
Medienberichten, wonach Tuttle deshalb abgelöst werden soll, war der Kulturstaatsminister am Mittwoch im Kulturausschuss des Bundestages entgegengetreten. Nicht alles, was aktuell zu lesen sei, entspreche der Wahrheit.
Doch auf der Entlassung beharrt etwa CDU-Kulturpolitikerin Ellen Demuth auch nach dem Krisengespräch. „Die antisemitischen Ausfälle bei der Preisverleihung in diesem Jahr waren mit Ansage“, sagte Demuth, die für die CDU im Bundestagsausschuss für Kultur und Medien sitzt, am Donnerstag. Der Umgang der Berlinale-Leitung damit sei nicht angemessen gewesen.
Anlass für die Sondersitzung der Trägergesellschaft war der Auftritt des syrisch-palästinensischen Regisseurs Abdallah Alkhatib, der bei dem Filmfestival mit einem Preis ausgezeichnet worden war. Er hatte in seiner Dankesrede der Bundesregierung vorgeworfen, „Partner des Völkermords in Gaza zu sein“. Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) verließ die Veranstaltung deshalb aus Protest.
Der syrisch-palästinensische Regisseur Alkhatib hatte für sein Filmdebüt „Chronicles from the Siege“ einen Preis erhalten. Schneider war nach Angaben seines Ministeriums als einziges Mitglied der Bundesregierung dabei, als Alkhatib seine Rede hielt.
Anm. der Redaktion: Dieser Text wurde im Laufe des Tages mehrfach aktualisiert.
