Kaum ein Foto wirkt so harmlos wie das eines schlafenden Kindes. Genau dort beginnt für viele Kinder eine digitale Biographie, über die sie selbst nie entschieden haben. Vielmehr sind es Eltern und Sorgeberechtigte, die die digitalen Spuren ihrer Kinder prägen, gestalten und lenken.
Fotos vom Planschen, Videos vom ersten Schultag, intime Einblicke in Krankheiten, Wutanfälle oder Familienkonflikte werden jeden Tag zu Tausenden auf Social-Media-Plattformen veröffentlicht. Was einst als harmloses Teilen persönlicher Momente begann, hat sich längst zu einem profitablen Geschäftsmodell entwickelt.
Ein wirtschaftlicher Faktor
Unter Begriffen wie „Sharenting“ oder „Family Influencing“ ist Kindheit für viele Accounts zu einem wirtschaftlichen Faktor geworden. Und das meist, ohne dass ausreichend bekannt ist, wie weitreichend und schwerwiegend diese Veröffentlichungen sind.
Die Zahlen sind alarmierend: Bereits 2018 wurde geschätzt, dass bis zum 13. Lebensjahr durchschnittlich rund 1300 Fotos eines Kindes im Internet landen. Heute, im Zeitalter professioneller Family-Influencer, dürfte diese Zahl weitaus höher sein.

Gleichzeitig wächst der Markt für Influencer-Werbung stark. Reichweitenstarke Familienaccounts erzielen monatliche Einnahmen im fünfstelligen Bereich, Spitzenverdiener liegen deutlich darüber. Das erhöht den Anreiz, Kinder regelmäßig zu inszenieren – oft in Situationen, die allein dem familiären Schutzraum vorbehalten sind.
Kinder und Jugendliche können sich gegen diese Form der medialen Vereinnahmung nur selten wehren. Eltern, die vorrangig für ihre Kinder sorgen, unterschätzen oft, wie schwerwiegend digitale Spuren das spätere Leben ihrer Kinder beeinflussen.
Missbrauch der kindlichen Privatsphäre
Gerade der systematische Missbrauch der kindlichen Privatsphäre zur Reichweitensteigerung und Monetarisierung belastet das natürliche Gefüge innerhalb von Familien und gefährdet die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Daher muss gesellschaftlich wieder ins Bewusstsein gerufen werden: Kinder sind keine Werbefläche.
Kinder sind keine Ressource für Einkommen.
Kinder sind keine Klicks.
Unsere Rechtslage ist dieser digitalen Realität bislang nicht gewachsen. Weder das Kunsturhebergesetz noch die Datenschutz-Grundverordnung oder das Familien- und Jugendschutzrecht bieten derzeit ein kohärentes Schutzkonzept.
Anders als Kinderdarsteller in Film und Fernsehen unterliegen Kinder auf Social-Media-Kanälen keinem geregelten Aufsichts- oder Sicherheitsrahmen. Plattformen, Werbetreibende, Agenturen, aber auch Eltern profitieren, tragen bislang aber kaum Verantwortung. Die Folgen werden allein von den Betroffenen getragen.
Der bestehende Kinderschutz greift zu kurz
Der bestehende Kinderschutz greift hier erkennbar zu kurz. Wir dürfen nicht zulassen, dass im digitalen Umfeld rechtsfreie Räume entstehen. Wenn der Schutz der Eltern nicht ausreicht, braucht es einen handlungsfähigen Staat, der seiner Schutzverantwortung auch im digitalen Raum gerecht wird. Kinder und Jugendliche müssen wieder konsequent vor Ausbeutung geschützt werden: analog und digital.
Daher braucht Deutschland endlich moderne und präzise Regeln. Die Kinderkommission des Deutschen Bundestages hat sich des Themas angenommen und mit Experten die bestehenden Handlungsoptionen besprochen.
Für einen effektiven Schutz braucht es neben einer klaren Altersgrenze für Darstellungen von Kindern auf monetarisierten Accounts auch ein Verbot besonders sensibler Inhalte wie Nacktheit oder Krankheit. Die Betroffenenrechte müssen effektiv durch stärkere Lösch- und Widerrufsrechte in enger Zusammenarbeit mit Behörden geschützt werden.
Was es über Verbote hinaus braucht
Gleichzeitig ist klar: Verbote allein genügen nicht. Wir brauchen eine gesellschaftliche Debatte und Diskussion über digitale Selbstbestimmung, familiäre Schutzräume im digitalen Zeitalter und die Risiken der Nutzung von Social Media. Begleitet werden muss die gesellschaftliche Debatte von Landesmedienanstalten, Schulen und Jugendhilfeeinrichtungen.
Zugleich müssen Plattformen und Werbetreibende stärker in die Verantwortung genommen werden. Ein praxisnaher Ansatz ist, Werbung mit Kindern nur unter klaren Schutzauflagen zu genehmigen, wie es bei Film- und Fernsehproduktionen bereits gängige Praxis ist.
Dadurch könnten gezielt Werbeagenturen in die Pflicht genommen werden und die Vermarktung von Kindern effektiv unterbunden werden. Monetarisierungsmodelle dürfen nicht länger auf der unkontrollierten Verwertung von Kindheit aufbauen.
Das Teilen von Kinderbildern zu kommerziellen Zwecken ist ein gesellschaftlicher Kipppunkt. Die Art und Weise, wie wir heute digitale Kindheit gestalten, entscheidet darüber, wie frei und selbstbestimmt die nächste Generation aufwachsen wird. Es ist Aufgabe der Politik, dafür zu sorgen, dass Kinder nicht Objekt digitaler Vermarktung werden, sondern Gestalter ihrer eigenen Zukunft bleiben. Es ist Zeit, dass wir ihnen genau diesen Schutz garantieren.
