Wopke Hoekstra zum EU-Plan für bezahlbare Energie: „Müssen es wie die Chinesen machen“

EU-Plan für bezahlbare Energie„Machen wir uns keine Illusionen: Genau das tun die Chinesen“

25.02.2026, 12:02 Uhr

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Ein bisschen mehr China würde der EU gut tun. (Foto: picture alliance / AA)

Viele Unternehmen wollen die Klimatransformation bremsen. Ihnen ist die EU zu ambitioniert. Der zuständige EU-Klimakommissar widerspricht: „Die Energiepreise kurzfristig zu senken, ist extrem schwierig“, sagt Wopke Hoekstra bei ntv.de. „Das liegt aber nicht an der Klimapolitik, sondern den Importen von Öl und Flüssiggas.“

Seine Botschaft: Europa muss mehr Nachfrage nach sauberen und grünen Produkten schaffen, die Investitionen in das Stromnetz beschleunigen und die Kapazitäten bei Batterien, Solar- und Windenergie massiv ausbauen. „Das stärkt unsere Unabhängigkeit, ist gut fürs Klima und senkt die Preise.“

ntv.de: Viele Unternehmen beschweren sich: Die Klimatransformation gehe zu schnell, sie sei zu teuer. Was antworten Sie denen?

Wopke Hoekstra: Wir müssen Klima, Wettbewerbsfähigkeit und Unabhängigkeit stärker zusammenbringen und sicherstellen, dass wir beim Klimaschutz voll weitermachen. Gleichzeitig müssen wir dafür sorgen, dass unsere Unternehmen auf europäischem Boden gedeihen können. Das ist das zentrale Ziel dieser Kommission.

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Wopke Hoekstra gehört der christdemokratischen Partei CDA an. Der frühere Außenminister der Niederlande ist seit 2023 EU-Kommissar für Klima, Netto-Null-Emissionen und sauberes Wachstum. (Foto: picture alliance / dts-Agentur)

Viele Unternehmen investieren lieber in den USA oder in Asien, wo die Energiepreise niedriger sind. Inwiefern profitiert die energieintensive Branche von der europäischen Klimatransformation?

Die Energiepreise für Verbraucher und Unternehmen sind zu hoch. Kurzfristig ist es extrem schwierig, sie zu senken. Aber das liegt nicht an der Klimapolitik, sondern daran, dass wir Flüssiggas und Öl importieren müssen. Europa ist ressourcenarm. Wir müssen das ändern – aus finanzieller Sicht, aber auch, weil wir nicht wieder abhängig sein wollen von Russland oder anderen fragwürdigen Regimen. Wir müssen mehr Nachfrage nach sauberen und grünen Produkten schaffen, die Investitionen in das Stromnetz beschleunigen und die Kapazitäten bei Batterien, Solar- und Windenergie massiv ausbauen. Das stärkt unsere Unabhängigkeit, ist gut fürs Klima und senkt die Preise. Diesen Weg müssen Europa, Deutschland und die Mitgliedstaaten einschlagen. Und machen wir uns keine Illusionen: Genau das tun die Chinesen.

Das klingt nach einem langfristigen Versprechen. Unternehmen und Industrien leiden jetzt. Menschen verlieren heute ihre Jobs.

Erstens: Wir müssen diesen Prozess beschleunigen. Das Tempo war in Europa bisher nicht hoch genug. Zweitens: Wir müssen Bürokratie abbauen und das Leben für Bürger und Unternehmen leichter machen. Drittens: Die Energiepreise werden in vielen Mitgliedstaaten nicht nur durch Importe getrieben, sondern durch erhebliche Steuern. Ich weiß aus meiner niederländischen Heimat, dass das ein politisch heikles Thema ist. Aber das ist ein Hebel, den nationale Regierungen nutzen können, wenn sie die Preise kurzfristig senken wollen.

Der europäische Green Deal steht massiv unter Druck, die politische Stimmung ist nicht auf Ihrer Seite. Glauben Sie, dass die Klimaziele, die sich Europa vor einigen Jahren gesetzt hat, noch erreichbar sind?

Absolut. Es läuft nicht perfekt, aber wir machen beeindruckende Fortschritte – nicht nur in Europa. Aber wir müssen sicherstellen, dass die Stahlindustrie, die Automobilindustrie oder die Chemiebranche eine Zukunft in Europa haben. Wenn sie pleitegehen oder unseren Kontinent verlassen, verlieren wir alle. Das wäre schlecht für die Wirtschaft und für die Beschäftigten.

Stehen Industrie und Wirtschaft beim Klimaschutz auch in der Verantwortung?

Wir müssen sicherstellen, dass wir besser zusammenarbeiten und sagen, wie wir Nachfrage nach saubereren Produkten schaffen wollen. Aber noch mal: Diese Industrien sind für unsere europäische Zukunft entscheidend. Sie müssen sauberer werden, aber auch auf europäischem Boden erfolgreich sein können. Wir werden nicht zulassen, dass sie nach China ausgelagert werden. Das kann niemals das Rezept sein. Diese EU-Kommission ist überzeugt, dass es gleichzeitig um Klima, Wettbewerbsfähigkeit und Unabhängigkeit gehen muss.

Ist das in dieser extrem herausfordernden geopolitischen Lage machbar? Viele sagen, die Wirtschaft müsse jetzt Priorität haben.

Genau deshalb gehen diese beiden Dinge (Klima und Wirtschaft) Hand in Hand. Das beste Beispiel ist russisches Öl und russisches Gas: Wir haben uns jahrzehntelang gegenseitig erklärt, dass die Russen verlässliche Partner sein würden. Das stimmte, bis es nicht mehr stimmte. Sie haben uns ein Messer an die Kehle gehalten und gesagt: Ihr müsst aufhören, die Ukraine zu unterstützen. Diese Abhängigkeit haben wir beendet. Jetzt müssen wir sicherstellen, dass wir sie nicht in eine weitere Abhängigkeit abrutschen.

Das ist doch schon passiert. Besonders Deutschland ist jetzt auf amerikanisches LNG angewiesen. Und wenn man sich Grönland anschaut, halten die Amerikaner uns auch immer wieder ein Messer an die Kehle.

Die Situation ist immer noch besser als im Fall Russlands. Was Amerika in Grönland tut, ist beunruhigend, aber: Ich ziehe sie den Russen trotzdem in zehn von zehn Malen vor. Außerdem sind wir stärker diversifiziert. Wir haben nicht nur amerikanisches LNG, sondern auch aus dem Nahen Osten und anderen Regionen.

Einerseits gehen die USA weltweit aktiv gegen Klimaschutzgesetze vor. Andererseits subventioniert China massiv saubere Technologien. Wird Europa in der Mitte zerdrückt?

Wir führen eine Reihe komplizierter Gespräche mit unseren amerikanischen Partnern. Sie haben Grönland erwähnt, dazu kommen schwierige Gespräche über Sicherheit und Handel. Der Rückzug aus dem Pariser Klimaschutzabkommen ist ebenfalls ein großes Problem: Die USA sind die mit Abstand mächtigste Nation. Sie sind die größte Volkswirtschaft und haben die Macht über den Geldbeutel. Und sie sind der zweitgrößte Emittent von Treibhausgasen. China ist für ungefähr 30 Prozent der globalen Emissionen verantwortlich, die USA für etwa 12 Prozent. Es wird unendlich komplizierter, den Klimawandel ohne die USA bewältigen zu wollen.

Grönland ist auch ein Beispiel dafür, wie der Klimawandel geopolitische Muster verändert: Die Insel wird interessant, weil das Eis schmilzt und neue Zugänge zu Bodenschätzen und Schifffahrtsrouten ermöglicht. Welche weiteren Herausforderungen und Gefahren drohen uns, wenn der Klimawandel so weitergeht?

Der Klimawandel trifft nicht nur die Wirtschaft frontal, sondern viele Aspekte der Geopolitik. Das schmelzende Eis verursacht alle möglichen Veränderungen in der Arktis. Gleichzeitig zwingen Dürren in Afrika Menschen dazu, ihre Heimat zu verlassen – das führt zu Migration, die wiederum zu anderen geopolitischen Problemen führt. Wir können versuchen, den Klimawandel eine Weile zu ignorieren, aber ganz ehrlich: Den Planeten kümmert das nicht. Es ist ihm egal, ob wir es für schwierig halten oder verschieben wollen. Das Einzige, was zählt, ist, wie viele Emissionen wir in die Luft pumpen.

Mit Wopke Hoestra sprach Clara Pfeffer. Das Gespräch wurde zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet. Das komplette Gespräch können Sie sich mit Übersetzung im Podcast „Das Klima-Labor von ntv“ anhören.

Quelle: ntv.de