Im Alter von rund drei Jahren sind die Tiere nur wenige Zentimeter lang, durchsichtig und dünn wie Spaghetti. Was man bei diesem verletzlichen Aussehen kaum ahnt: Sie haben bereits eine lange Reise hinter sich. Tausende Kilometer weit sind sie als Larven mit dem Golfstrom über den Atlantik getrieben, bevor sie jetzt, in dieser Lebensphase, in die Mündungen der westeuropäischen Flüsse schwimmen.
An deren Oberläufen wachsen sie weiter heran, um am Ende als ausgewachsene Aale über den Atlantik an ihren Ursprungsort zurückzukehren, zur Fortpflanzung. Im Laufe dieses komplexen Lebenszyklus sind die Tiere allerlei Gefahren ausgesetzt, sie müssen Staudämme, Kanäle und Wasserkraftturbinen überwinden. Zum Verhängnis wird ihnen allerdings auch, dass sie vielerorts als Delikatesse gelten.
Im Baskenland zum Beispiel sind Glasaale, zubereitet mit Chilischoten und frittiertem Knoblauch, ein traditionelles Weihnachtsgericht – für jene, die sich das noch leisten können. An die 1400 Euro kostet das Kilogramm echter Glasaale mittlerweile, weshalb sie neben Kaviar und Trüffel eher in Sternerestaurants serviert werden als am Familientisch.
„Die Tradition kann die Auslöschung nicht rechtfertigen“
Doch damit soll nun Schluss sein. Das fordern nicht mehr nur Artenschützer, sondern neuerdings auch namhafte Küchenchefs. „Die Tradition kann die Auslöschung nicht rechtfertigen“, argumentieren neun mit Michelinsternen ausgezeichnete spanische Chefköche. Ende Januar haben sie sich mit Spaniens Ministerin für ökologischen Wandel, Sara Aagesen, getroffen. Sie kämpft dafür, dass die Spezies als schützenswerte Art anerkannt wird, was ihren Fang verhindern würde.
„Wir haben uns entschieden, gemeinsam daran zu arbeiten“, verkündete Andoni Luis Aduriz, Chef des bekannten baskischen Zwei-Sterne-Restaurants Mugaritz. Es könne nicht angehen, dass Restaurants die Qualität ihrer Produkte betonen und gleichzeitig zur Dezimierung einer Art beitragen, so der Spitzenkoch, der auch Vorsitzender von Euro-Toques ist, einer internationalen Vereinigung von mehr als 3500 Köchen aus 18 Ländern.
Um das Fangverbot durchzusetzen, müssen allerdings die Regionalregierungen Spaniens zustimmen, und unter diesen herrscht keine Einigkeit. Während Andalusien die Glasaal-Fischerei seit 2010 verbietet, werden die Tiere an der Nordküste der Iberischen Halbinsel noch befischt, zum Beispiel in Asturien und Kantabrien. Das Baskenland, wo die „Angulas“ besonders beliebt sind, hat den Fang immerhin für die aktuelle Saison 2025/26 verboten.
Prompt hat die Vereinigung der baskischen Aalfischer gegen das Verbot Klage eingereicht. Sie wollen weiter fischen, bis die Gerichte entschieden haben. Doch wenn diese ihre Beute aus den Flussmündungen begutachten, merken sie, dass die in den 1960er-Jahren noch reichlich vorhandenen Tiere längst rar geworden sind: In der vergangenen Saison war es baskischen Aalfischern erlaubt, 550 Kilogramm Glasaale zu fangen. Sie fischten ganze 200 Kilo.
Streift man durch die Altstadtgassen von Bilbao oder San Sebastian scheint es, als gäbe es noch jede Menge der Jungaale. Zuhauf liegen sie in den Vitrinen der Bars auf kleinen Häppchen, Pintxos genannt. Tatsächlich sind das jedoch keine „Angulas“, sondern „Gulas“: nachgebildete Aale aus Fischpaste. Die Lebensmittelindustrie hat einen Weg gefunden, die kostbaren Fische täuschend echt nachzumachen. Sogar die Augen sind mit Lebensmittelfarbe aufgetragen.
