Aufgeschnappte Gespräche unter Medizinischen Fachangestellten führen zu tieferen Reflexionen über das eigene Leben.
M FA, Medizinische Fachangestellte – das geht mir nur schwer in den Kopf. Ich denke immer noch Arzthelferin oder Sprechstundenhilfe. In dieser Gemeinschaftspraxis sitzen meist vier MFAs hinter dem Tresen, heute nur zwei. Entsprechend drängen sich die Patienten, manche nörgeln. Die Besonnenen weichen in den Gang aus, der die einzelnen Sprechzimmer verbindet.
Ab und zu schieben sich Ärztinnen oder Laboranten mit nach innen gekehrtem Blick vorbei. Plötzlich ruft eine MFA fröhlich: „Ella!“ Es klingt, als hätte sie die Kollegin, die gerade aus dem Labor kommt, schon ewig nicht gesehen. „Ella, ich hab von dir geträumt.“ Jetzt merken die genervten Patienten auf. „Ich hab geträumt, dass du gestorben bist.“ Sie lacht herzlich, während Ella entsetzt um sich guckt, als sei ihr die Begrüßung zu laut und zu intim, zumal einige der Wartenden empört aufgestöhnt haben. Sie winkt mich schnell ins Labor und muss erst mal durchatmen. „Warum träumt die so was?“
In der Berufsschule hätten sie sich immer gut verstanden, und außerdem sei sie kerngesund. Ich erzähle ihr von C. G. Jungs Theorie: Alle im Traum auftretenden Personen stehen für einen Wesenszug der Träumerin. Vielleicht hat die also selbst gerade Angst zu sterben oder sie war kürzlich auf einer Beerdigung. Das gefällt meiner MFA, sie spielt es gedanklich gleich mal am Beispiel der letzten Nacht durch.
Im Traum hatte sie von ihrer Tochter verlangt, bessere Zensuren nach Hause zu bringen – vielleicht, weil sie selbst lieber Ärztin als MFA geworden wäre, fragt sie sich jetzt. Wir sind schon fertig, die Blutabnahme lief ganz nebenbei ab. Ich schiebe mich auf dem Gang zur Garderobe vor und höre, wie Ella ihrer Kollegin zuflüstert: „Ich will nicht, dass du stirbst.“ Jetzt steht das Entsetzen im Gesicht der Träumerin.
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