M it vom Schneeregen und kaltem Ostwind eingefrorenem Gesicht erreiche ich die Wuhlheide. Am vereinbarten Treffpunkt wartet, gestützt auf eine Krücke, bereits ein älterer Herr im Zwiebellook. Na, wenn er mitläuft, werde ich es schon auch schaffen, denke ich und mache mir Mut: Heute begebe ich mich auf meine erste Vogelstimmen-Wanderung.
„Hallo“, sage ich zu einem Typ in wetterfestem Winteroutfit, der ebenfalls mit mir ankommt und den ich, fälschlicherweise, für unseren Tourguide halte: „Ich habe mich nicht angemeldet. Ich habe die Führung heute Morgen erst zufällig im ‚Umweltkalender Berlin‘ entdeckt. Kann ich trotzdem mitkommen?“ „Er macht die Führung“, erwidert der Typ mit spöttischem Lächeln und verweist auf den alten Mann mit Krückstock. „Oh“, sage ich.
Der alte Mann heißt Theodor, ist 82 und immer noch gut zu Fuß: „Ich schaffe locker 20 Kilometer. Aber langsam“, sagt er und fragt, ob wir schon Vorwissen im Bereich der Vogel- oder Baumkunde haben. „Ich kenne Blaumeisen, Tauben, Eichelhäher und Krähen“, sage ich und bin der Meinung, dass das doch schon einiges ist. Aber ich irre, denn ehe ich mich’s versehe, erzählt ein Streberpaar aus Köpenick Theodor von Waldkiefer, Roteiche, Rosskastanie, Bergahorn, Mahonie, Eibe, Kleiber, Gartenbaumläufer, Nebelkrähe und Stieglitz.
„Das war die Amsel“, unterbricht Theodor ihren Humblebrag: „Die singt zur Reviermarkierung.“ Das Streberpaar zückt umgehend die Ferngläser. Theodor leiht mir eines und ich simuliere Verzückung, während ich in Wahrheit am Scharfstellen scheitere. Ich hätte zu Hause bleiben sollen, krächze ich innerlich mit klappernden Zähnen und schlotternden Beinen zwischen dem lauschigen Geschrei und den quietschenden Autoreifen der komischen Käuze der Köllnischen Heide.
