Gold für Eileen Gu bei Olympia: Die Frau der großen Dimensionen – Sport

Bis zum finalen Tag der Spiele musste Eileen Gu auf ihren großen Moment warten. Vielleicht war ihr das ganz recht. Die 22-Jährige ist eine Persönlichkeit, die es ausdrücklich genießt, in der Öffentlichkeit zu wirken, nicht im Verborgenen. Und kaum eine bessere Bühne hätte man sich ausmalen können für sie als die gigantische Halfpipe in Livigno am Sonntagmorgen im schönsten Sonnenlicht; als den finalen Wettbewerb der Freestyle-Szene, die hier zwei Wochen lang eine rauschende Party im oberen Valtellina gefeiert hatte.

Gu allerdings trat zu diesem Wettbewerb mit einigem Understatement an. Das Triple zu fahren, aus Slopestyle, Big Air und Halfpipe, ist im Freestyle-Bereich eine Seltenheit, zu verschieden sind die Kombinationen und technischen Herausforderungen der Disziplinen. So ungewöhnlich ist die Kombination, dass das Training für die Halfpipe teilweise gleichzeitig mit dem Wettkampf im Big Air stattfand, worüber Gu sich mehrmals beschwert hatte. Dann aber vollbrachte sie doch das Kunststück, vielmehr: die Kunststücke. Im Slopestyle und auf der großen Schanze im Big Air gewann sie jeweils eine Silbermedaille, nur geschlagen von ihrer ewigen Schweizer Konkurrentin Matilde Gremaud und der Kanadierin Megan Oldham. In der Halfpipe aber flog sie über alle hinweg: Es wurde Gus Meisterstück, mit einem herausragenden Wert von 94,75 von 100 möglichen Punkten gewann sie die Goldmedaille. Und einen neuen Titel.

„Wie sage ich das am besten? Eine Medaille bei den Spielen zu gewinnen, ist ein Lebenswerk für jede Sportlerin.“

„Mein Name ist Eileen Gu, ich bin dreifache Olympiasiegerin und sechsmalige Olympia-Medaillengewinnerin“, stellte sie sich später noch einmal vor. Sechs aus sechs, wohlgemerkt: Sowohl bei ihren drei Wettbewerben vor vier Jahren bei den Winterspielen in Peking (zweimal Gold, einmal Silber) als auch nun in Livigno gewann sie bei jedem Antritt eine Medaille. Eine bemerkenswerte Serie, einmalig im Freeski-Bereich. Eine, die untermauert, dass bei Gu auf Worte auch Taten folgen.

In den vergangenen Tagen war es viel um ihre Worte gegangen, insbesondere jene in Richtung eines Journalisten, der eigentlich nur eine simple Frage gestellt hatte: Ob sie ihre zwei Silbermedaillen als Gewinn sähe oder als zwei verlorene Goldmedaillen, so lautete die Formulierung, auf die Gu mit einem schnippischen Lachen reagierte: „Wie sage ich das am besten? Eine Medaille bei den Spielen zu gewinnen, ist ein Lebenswerk für jede Sportlerin. Es fünfmal zu schaffen, ist exponentiell schwieriger: Es bleibt genauso schwierig für mich, aber die Erwartungen aller anderen steigen.“ Von zwei verlorenen Goldmedaillen zu sprechen, sei daher „einigermaßen lächerlich“. Rumms. Der Clip verbreitete sich schnell in den sozialen Medien, Gu gelang bei diesen Winterspielen nicht nur im Schnee ein Erfolg, sondern auch im Internet.

Eine bemerkenswert kluge Frau ist Gu, die sich wortgewandt selbst verteidigen und Themen setzen kann. Dass währenddessen andere Themen durch die sozialen Medien geisterten, die sich erneut mit ihrem Wechsel von den USA nach China, in die Heimat ihrer Mutter, beschäftigten, wurde kein Thema. Genauso wie manche Zahlen untergingen: Etwa, dass der chinesische Staat sich Gus Loyalität mehrere Millionen pro Jahr kosten lässt. Gu konterte auch Kritiker, die sie mit Alysa Liu verglichen, ebenfalls Amerikanerin mit chinesischen Wurzeln, die allerdings nicht für China, sondern für die USA Gold im Eiskunstlauf gewann: „YEEEEES“, jubelte Gu unter Lius Instagram-Beitrag, damit war auch diese geopolitische Krise frühzeitig bewältigt.

Das sind die Dimensionen, in denen sich Gu bewegt, zwischen China, den USA, sozialen Medien, Studium in Stanford und Goldmedaillen in einer gefährlichen Halfpipe. Manchmal gerät dabei das Menschliche in Vergessenheit: Erst nach ihrem finalen Wettkampf habe sie erfahren, dass ihre chinesische Großmutter gestorben sei. Sie sei zuletzt bereits „sehr krank“ gewesen, sagte Gu, die ihrer Großmutter versprochen hatte, „mutig“ zu sein bei ihren zweiten Olympischen Spielen. Gu sagte: „Mein ganzes Gerede darüber, an mich selbst zu glauben, geht auf sie zurück und auf das Versprechen, das ich ihr gegeben habe.“