Winterdepression: Wie der Wetterumschwung Körper und Psyche belastet

Wetterfühligkeit und Winterblues sind keine Mythen, wie zahlreiche Studien belegen. Denn wenn das Wetter umschlägt, muss sich der Körper anpassen. Das kann an der Grenze zum Frühling dauern.

Nach wochenlanger Kälte wird es in diesen Tagen in vielen Regionen deutlich wärmer. Doch der ersehnte Umschwung bringt nicht nur Frühlingsgefühle, sondern macht sich bei manchen auch eher unangenehm bemerkbar: Schwindel, Kreislaufprobleme, Migräne, Kopfschmerzen können Symptome dafür sein, dass der Körper mit den veränderten Umweltbedingungen erst einmal klarkommen muss.

„Wetterfühligkeit gibt es wirklich, das ist kein Mythos. Das Wetter beeinflusst viele von uns, wie es uns geht, das kann auch mit wissenschaftlichen Studien belegt werden“, erklärt Katrin Graw, die sich beim Deutschen Wetterdienst mit medizinisch-meteorologischer Forschung beschäftigt.

„Die Studien haben gezeigt, dass bei bestimmten Wetterlagen bestimmte Beschwerden signifikant häufiger auftreten. Nicht nur Kopfschmerzen treten dann auf.“ Andere typische wetterbedingte Beschwerden seien Abgeschlagenheit, Müdigkeit, Unruhe oder auch Schlafprobleme. Auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Atemwegserkrankungen oder Gelenkschmerzen könnten sich bei bestimmten Wetterbedingungen verstärken.

In einer Befragung der Universität München und des Allensbach-Instituts zeigte sich, dass etwa jede zweite Person in Deutschland der Meinung ist, den Einfluss des Wetters auf die eigene Gesundheit zu spüren.

Derzeit könnte sich das etwa in Form von Schwindel zeigen: „Das aktuelle Wetter derzeit kann Beschwerden bei wetterfühligen Menschen auslösen, dadurch, dass wir im Moment eine Warmfront haben, die sich Deutschland nähert“, meint Graw.

Dabei änderten sich sehr viele Wetterfaktoren gleichzeitig: „Die Temperatur nimmt zu. Wir haben eine Änderung des Luftdrucks, weil sich das Tiefdruckgebiet nähert. Wir haben auch Änderungen des Windes, der Sonnenscheindauer und der Feuchte. Und all diese Parameter führen dazu, dass sich der Körper verstärkt anpassen muss an diese verschiedenen Änderungen. Das kann zum Beispiel bei Menschen mit niedrigem Blutdruck zu Schwindel führen oder zu Kreislaufproblemen.“

Der Deutsche Wetterdienst bietet Betroffenen auf seiner Website Unterstützung: Auf Gefahrenkarten können sich Wetterfühlige tagesaktuell darüber informieren, in welchen Regionen Wetterlagen herrschen oder kommen, die für sie bestimmte Belastungen mit sich bringen können. So kann man etwa in Norddeutschland nachschauen, ob in den nächsten Tagen eine Wetterlage aufzieht, die für Betroffene von wetterbedingten rheumatischen Beschwerden relevant ist.

Ansonsten empfiehlt Expertin Graw, sich viel dem Wetter auszusetzen – also sich an der frischen Luft zu bewegen, Fahrrad zu fahren oder Wechselduschen zu nehmen. „Dadurch kann man sich anpassen an das Wetter oder auch die Regulationsfähigkeit trainieren.“

Woher kommt der Winterblues?

Neben dem Wechselwetter erleben jedoch viele Menschen vor Frühlingsanfang zusätzlich einen generellen Winterblues. Manche liegen mit Erkältung oder Grippe flach, andere fühlen sich ausgelaugt, energie- oder motivationslos.

„Nach einigen Monaten mit besonders wenig Tageslicht sind unsere Reserven oft schlichtweg erschöpft“, erklärt Dietmar Winkler von der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Gerade in diesem Jahr, in dem der Winter oft anhaltend kalt war und wenig Sonnenstunden hatte, könnten dafür anfällige Menschen häufiger Symptome spüren. Hinzu kommt die „Erwartungsenttäuschung“: „Wir sehnen uns mental bereits nach dem Frühling, doch die Realität vor dem Fenster bleibt grau und kalt. Das zehrt zusätzlich an der Widerstandskraft.“

Der Schlafforscher und Chronomediziner Dieter Kunz von der Berliner Charité betont: „Der Mensch legt eine Art Mini-Winterschlaf ein. Im Herbst gehen wir in einen Energiesparmodus.“ Der typische Winterblues zeige sich oft erst gegen Ende des Winters. Studien hätten gezeigt, dass der Gehirnumsatz des Glückshormons Serotonin im Laufe des Winters auf etwa 20 bis 30 Prozent falle.

Lange Zeit sei man in der Forschung davon ausgegangen, dass künstliches Licht – weil zu dunkel im Vergleich zum natürlichen Licht – bei Menschen keinen Einfluss auf die innere Uhr und das Energielevel habe. „Das war ein Fehler.“ Kunz und sein Team haben im Schlaflabor erwachsene Menschen in Berlin untersucht und herausgefunden, dass diese im Winter mehr als eine Stunde länger schlafen, wenn man sie ausschlafen lässt.

Arbeit, Schule und sonstige Alltagspflichten sind in der Regel allerdings nicht auf unsere saisonalen Schwankungen eingestellt. Da die meisten Wecker im Sommer wie im Winter zur gleichen Zeit klingelten, schliefen viele im Winter eine Stunde zu wenig, sagt Kunz. „Das ist nicht gesund.“ Man sei weniger leistungsfähig und fühle sich nicht wohl.

Der Tiefschlaf hänge an der Tageslänge, andere Schlafphasen seien jedoch von der Außentemperatur abhängig, erklärt der Schlafforscher. Übersteige die Außentemperatur den Gefrierpunkt, dauere es noch etwa 14 Tage, bis sich die Schlafdauer und der Traumschlaf wieder verkürzten. Mit einem anstehenden Wetterumschwung in Teilen Deutschlands könnte diese Phase nun also für viele zeitnah anstehen.

Neben dem typischen, vielfach bekannten Winterblues gibt es auch schwerere Formen, die als klinisch relevante Depressionen eingestuft werden. Die Forschung spricht dabei von „Seasonal Affective Disorder“ (SAD), also jahreszeitlich bedingten Depressionen. Einer in der Fachzeitschrift „Journal of Psychiatric Research“ veröffentlichten Überblickstudie zufolge leiden – je nach Region und Messmethode – etwa ein bis zehn Prozent der Menschen unter solchen Problemen, Frauen und Jüngere sind besonders betroffen.

dpa/lpi