

Vordergründig ist im Fernsehen heute von Reinhold Beckmann fast nichts zu sehen – vor der Kamera. Dahinter ist er nonstop präsent. Wer einen deutschsprachigen Kanal einschaltet, ganz gleich welchen, um Fußball zu schauen, hat es nämlich mit dem früheren Sportreporter zu tun. Wer eine Talkshow sucht, ist ebenfalls auf die eine oder andere Weise mit dem Erbe des einstigen Moderators konfrontiert. Beide Genres hat er nachhaltig geprägt.
Als Sportchef des Abokanals Premiere, dann des Privatsenders Sat.1 und anschließend als Rückkehrer in der ARD, bei der er im WDR als Reporter in den Achtzigern angefangen hatte, brachte Beckmann Anfang der Neunzigerjahre Elemente ins Spiel, die für das starre deutsche Fußballfernsehen gänzlich neu waren: Kameraeinstellungen von nah, fern, vorn, hinten und oben, Zeitlupe, Superzeitlupe und Statistiken zu allem und jedem. Heute kann man sich davor im Sportfernsehen nicht retten.
Dabei ist Reinhold Beckmann gar kein Homo Faber. Er ist ein Beziehungsmensch. Er will, wie die von ihm erfundene Fußballsendung hieß – „ran“, und zwar an die Leute. Ihm geht es nicht ums Technische, sondern um diejenigen, die auf den Platz, in die Manege, auf die Bühne treten. Von ihnen will er alles wissen, und deswegen hob er als Talkmoderator auch die Grenze zwischen dem Privaten und dem Politischen auf. Mit diesem persönlich gehaltenen Zugang zum Sport, zur Musik, zu Gesellschaft und Politik eckte Beckmann zuerst an, dann wurde seine Herangehensweise Standard.
„Ich frage mich, wie sie das ausgehalten hat“
Noch einmal kennenlernen konnte man den Medienmacher, der mit Freunden das Sozialprojekt „Nestwerk“ für benachteiligte Jugendliche in Hamburg auflegte und von 2014 bis 2016 für den guten Zweck den „Tag der Legenden“ veranstaltete, an dem einstige Fußballhelden zum Pro-bono-Kick antraten, vor drei Jahren. Da kam sein Bestseller „Aenne und ihre Brüder heraus“, ein Buch über seine Mutter und deren Brüder, die alle im Zweiten Weltkrieg fielen.
Beckmann vergrub sich in der Erinnerung seiner Mutter und in Feldpostbriefen, versucht sich in ihre und die Lage ihrer Brüder zu versetzen, tritt aus der Geschichte heraus, nimmt sich selbst mit hinein und stellt stellvertretend Fragen an die Generation der Eltern, von denen man sich denkt, das sollte jeder tun.
Dabei scheint seine eigene Geschichte – die Kindheit in der katholischen Enklave Twistringen in Niedersachsen – und die seiner Mutter auf, die als junge Frau alle ihre Lieben verloren hatte und, auf sich allein gestellt, loszog, um ein neues Leben zu beginnen. „Ich frage mich, wie sie das ausgehalten hat“, sagte Beckmann in einem Interview zu seinem lesenswerten Buch, in dem er die Antwort sucht.
Mit seiner Firma „beckgrund.tv“ ist der einst vor der Kamera Omnipräsente weiter gut im Geschäft, als Sänger ist er (auf kleinen Bühnen) mit seiner Band und dem Album „Haltbar bis Ende“ unterwegs. Heute wird der ehemalige Ministrant, der sich, was für Medienmenschen nicht unbedingt üblich ist, in den Dienst anderer stellt, siebzig.
