

Ein neuer Mehrfrontenkrieg – das ist das Szenario, das Israel seit einigen Tagen umtreibt. Die Möglichkeit eines amerikanischen Angriffs auf Iran steht seit Wochen im Raum – und aus der Sicht der Regierung in Jerusalem damit auch die Gefahr eines iranischen Gegen- und Rundumschlags, der Israel einschließen könnte.
Als Ministerpräsident Benjamin Netanjahu Mitte Januar dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump Medienberichten zufolge von einem Angriff abriet, soll der Grund die Besorgnis gewesen sein, dass die eigene Raketenabwehr noch nicht wieder genügend vorbereitet ist. In dem Zwölftagekrieg im vergangenen Juni gab es verheerende Einschläge iranischer Langstreckenraketen.
Noch bedrohlicher ist aus israelischer Sicht die Möglichkeit, dass anders als damals dieses Mal auch Irans wichtigste Stellvertreterkraft eingreifen könnte: die Hizbullah. Die iranischen Revolutionswächter hatten die Miliz mit Raketen und Drohnen aufgerüstet, damit sie im Falle eines amerikanischen und vor allem israelischen Angriffs auf Iran eine Entlastungsfront in Libanon eröffnen kann.
Luftangriffe in der Bekaa-Ebene
Die Hizbullah hat zwar an Schlagkraft verloren, nachdem die israelische Armee ihr im Herbst 2024 hart zusetzte: Das Raketenarsenal wurde massiv dezimiert, fast die gesamte Führung eliminiert. Aber in Israel ist die Erinnerung an die Monate zuvor noch nicht ganz verblasst, als der Norden des Landes regelmäßig aus dem Süden Libanons mit Raketen und Drohnen attackiert wurde und Zehntausende fliehen mussten. Der im November 2024 geschlossene Waffenstillstand wird von Israel regelmäßig verletzt – die Armee begründet das oft damit, sie komme geplanten Hizbullah-Angriffen zuvor.
Jüngst hat Israel sein Vorgehen verschärft – Beobachtern zufolge im Zusammenhang mit Trumps Drohungen gegen Iran. Israel glaube, die Schiitenmiliz bereite sich vor, im Falle eines amerikanisch-iranischen Waffengangs Raketen auf Israel zu feuern, hieß es in Presseberichten. In der libanesischen Presse wird von stärkerer israelischer Luftaufklärung berichtet. Außerdem heißt es, Israel verfüge über eine Liste von etwa 1200 Zielen in Libanon, die angegriffen werden könnten, sollte die Hizbullah in den Konflikt verwickelt werden. Die israelische Armee soll einen umfassenden Angriffsplan ausgearbeitet und zugleich die Verteidigungssysteme verbessert haben.
Raketendepots in der Bekaa-Ebene vermutet
Am Freitag wurden bei einer Reihe von israelischen Luftangriffen auf Ziele in der Bekaa-Ebene im Osten Libanons mindestens zehn Menschen getötet und etwa fünfzig weitere verwundet. In Hizbullah-Kanälen wurden nach der ungewöhnlich massiven Angriffswelle Bilder getöteter Kämpfer verbreitet. In der Bekaa-Ebene werden größere Raketendepots der Organisation vermutet.
Die israelische Armee gab an, sie habe drei Kommandozentren der Raketeneinheit der Hizbullah angegriffen. Dort seien Angriffe auf Israel sowie Terroranschläge vorbereitet worden. Der israelische Radiosender Kan berichtete am Sonntag, Israel habe zuletzt „ungewöhnliche Aktivitäten“ von Hizbullah-Raketeneinheiten wahrgenommen. Manche Beobachter glauben, die Armee habe der Hizbullah mit dem Angriff eine Warnung zukommen lassen wollen: Sie solle sich aus einem möglichen USA-Iran-Israel-Krieg heraushalten, zu ihrem eigenen Besten.
Uneinigkeit in der Hizbullah
In Libanon befördert die Angriffswelle die schon länger gehegte Besorgnis, das Land könne in einen solchen Regionalkonflikt hineingezogen werden. Schon bevor sich die Konfrontation zwischen Washington und Teheran zuspitzte, hatte es die Befürchtung gegeben, Israel könne eine neue Runde im Konflikt mit Iran durch einen massiven Präemptivschlag gegen die Hizbullah vorbereiten.
Dabei herrscht noch Unklarheit darüber, was die Schiitenorganisation im Falle eines Angriffs auf Iran zu tun gedenkt. „Wir werden nicht neutral sein“, drohte ihr Anführer, Naim Qassem, in einer Ansprache Ende Januar. Er ließ aber offen, wie eine Reaktion aussehen könnte. Qassem erklärte lediglich, diese werde sich nach den gegebenen Umständen richten. Das ließ zumindest die Möglichkeit offen, dass die Hizbullah erst einmal abwartet.
Das Verhältnis der Hizbullah zu Iran hat während ihres jüngsten Krieges mit Israel gelitten. Hizbullah-Kader zeigten sich verärgert darüber, dass Teheran die Organisation davon abhielt, ihre schlagkräftigen und präzisen Raketen in großem Stil einzusetzen, um sie für den eigenen Verteidigungsfall zu schonen. Iran habe der Hizbullah „einen Arm auf dem Rücken festgebunden“, sagten Kommandeure. Aus der iranischen Führung kamen wiederum Signale, dass sie unglücklich darüber war, dass die Hizbullah überhaupt eine Libanon-Front gegen Israel eröffnete, um der Hamas im Gazastreifen beizustehen.
Aus Quellen mit Kontakten in die Hizbullah heißt es, in der Organisation herrsche Uneinigkeit. Ein Teil wolle es vermeiden, sich in einen Konflikt ziehen zu lassen, und die Hizbullah wieder stärker als libanesische Kraft mit größerer Unabhängigkeit von Iran positionieren. Naim Qassem wird dazugerechnet. Zugleich gebe es aber Hardliner, die auf ein entschiedenes Eingreifen an der Seite Irans dringen. Die fortgesetzten israelischen Angriffe werden von einigen in der Organisation als Demütigung wahrgenommen, gegen die man sich wehren müsse. Dabei heißt es unter neutralen Beobachtern einhellig: Einen neuen Krieg mit Israel anzuzetteln, käme angesichts des derzeitigen Kräfteverhältnisses einem Selbstmord der Hizbullah gleich.
