USA werden zum Auswanderungsland: Trumps Abschiebe-Schock schadet US-Arbeitern

USA werden zum AuswanderungslandTrumps Abschiebe-Schock schadet US-Arbeitern

22.02.2026, 13:40 Uhr image (2)Von Hannes Vogel
Beds-are-shown-inside-the-living-quarters-for-farmer-workers-at-a-blueberry-farm-in-Hammonton-N-J-Thursday-July-25-2019-Jose-F-Moreno-The-Philadelphia-Inquirer-TNS-USA-EDITORIAL-USE-ONLY-Copyright-xx-1386329-JOSExF
Unterkunft für Saisonarbeiter auf einer Blaubeerfarm in New Jersey. (Foto: IMAGO/Newscom World)

Seinen Wählern versprach Donald Trump mehr bezahlte Jobs, günstigere Wohnungen und niedrigere Lebenshaltungskosten dank massenhafter Abschiebungen. Doch die erhofften Segnungen stellen sich nicht ein. Selbst Trumps Regierung zweifelt inzwischen heimlich an der eigenen Migrationspolitik.

Laut Zahlen der US-Zensusbehörde sind die USA dank Trumps Abschiebepolitik auf dem Weg zu einer historischen Wende: Erstmals seit 50 Jahren könnte die Nettomigration – der Saldo aus Zuwanderung und Abwanderung – bald negativ werden. Das heißt, mehr Menschen wandern aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten aus als ein. Nach einem Rekord von 2,7 Millionen im Jahr 2024 sank der Wert im vergangenen Jahr auf 1,3 Millionen Menschen. Sollte der Trend anhalten, könnten es in diesem Jahr nur noch 316.000 sein.

Da die offiziellen Zensus-Daten jeweils zur Mitte jedes Jahres erhoben werden, hinken sie der Realität inzwischen hinterher: Trumps Abschiebekampagnen in US-Metropolen wie Los Angeles, Chicago oder Minneapolis durch die Nationalgarde oder Truppen der Abschiebepolizei ICE nahmen erst im zweiten Halbjahr 2025 Fahrt auf. Der liberale Thinktank Brookings schätzt daher, dass die Nettomigration bereits im vergangenen Jahr bei bis zu minus 300.000 Menschen gelegen haben könnte. Bis Ende 2026 könnten die USA demnach sogar bis zu 925.000 Einwohner verlieren.

Einwanderung-in-die-USA-Schaetzungen-zur-Nettomigration-der-US-Statistikbehoerde-2020-2026-Prognose-fuer-2026
Einwanderung in die USA: Schätzungen zur Nettomigration der US-Statistikbehörde 2020–2026 (Prognose für 2026). (Foto: U.S. Census Bureau, Vintage 2025 Population Estimates)

Dieser Umbruch von Ein- zum Auswanderungsland entspricht dem Programm von Trumps MAGA-Bewegung. „Das größte Abschiebeprogramm in der US-Geschichte“, so die Idee, soll zu einem Wohlstands- und Jobwunder führen: Einheimischen Arbeitern winken angeblich mehr freie Stellen, höhere Löhne und geringere Wohn- und Lebenshaltungskosten, sobald Millionen von Einwanderern nicht länger mit ihnen um Job, Wohnungen, Lebensmittel oder medizinische Dienste konkurrieren. Das Weiße Haus stellt in einer Pressemitteilung die Gleichung auf: „Massenabschiebungen gleich geringere Wohnkosten, höhere Löhne, mehr Jobs, weniger Verbrechen.“

Doch in der Realität geht diese populistische Formel nicht auf. Schon die Prämisse stimmt nicht: Die Zahl der Abschiebungen ist zwar gestiegen. Aber die von Trump versprochene Abschiebung von Millionen Menschen wird bei weitem nicht erreicht. Bis Ende dieses Jahres will Trump die Plätze in Abschiebegefängnissen auf fast 100.000 erhöhen und dafür rund 40 Milliarden Dollar ausgeben. Das erwartete Minus in der Nettomigration geht in erster Linie nicht auf mehr Ausweisungen, sondern vor allem auf den Einbruch bei der Zuwanderung zurück. Illegale Übertritte an der Grenze zu Mexiko etwa liegen auf dem niedrigsten Stand seit 50 Jahren. Die brutalen Bilder der ICE-Einsätze im Fernsehen, der verstärkte Grenzschutz, Trumps Einreiseverbote und der Stopp aller Asylverfahren dürften dazu beitragen.

Wenn Migranten gehen, nehmen sie weitere Jobs mit

Die versprochenen wirtschaftlichen Effekte für die amerikanischen Arbeiter haben sich auch nicht eingestellt. Ein Einbruch der US-Häuserpreise auf breiter Front ist nicht in Sicht. Die geringfügigen Rückgänge in einzelnen Städten, die das Weiße Haus anführt, gehen auf völlig andere Faktoren zurück: vor allem den zunehmenden Käuferstreik angesichts stark gestiegener Preise, hoher Hypothekenzinsen und immer weniger Angebote. Im Januar sanken die Verkäufe um über acht Prozent im Vergleich zum Vormonat – der größte Einbruch seit fast vier Jahren. Der Großteil der Amerikaner kann sich keineswegs plötzlich ein Haus leisten, weil keine Migranten mehr drin wohnen.

Verheerend wirkt sich Trumps Migrationspolitik auf den Arbeitsmarkt aus. Dort ist nicht nur kein Job-Wunder zu spüren: Der Stellenzuwachs im vergangenen Jahr war einer der schwächsten seit Jahrzehnten. Die USA erlebten „Wirtschaftsboom ohne Jobs“, zitiert CNN die Chefvolkswirtin einer US-Sparkasse. Am Arbeitsmarkt zeigten sich sogar „rezessionsartige Bedingungen“, warnt ein anderer Finanzökonom gegenüber dem US-Sender.

Die abgeschobenen Migranten fehlen dem Arbeitsmarkt. Besonders im Niedriglohnsektor ist das ein großes Problem. Denn dort, wo man sich die Hände am schmutzigsten macht, arbeiten die meisten von ihnen. Sie stellen über 40 Prozent aller US-Beschäftigten in der Landwirtschaft, 30 Prozent in der Lebensmittelproduktion und im Bau, über 20 Prozent im Service-Sektor. Generell arbeiten sie in Jobs, die US-Bürger nicht machen wollen.

Und wenn die Migranten gehen, bleiben ihre Stellen oft unbesetzt. Oder schlimmer noch: Sie nehmen die Jobs von Amerikanern noch mit. Das gewerkschaftsnahe Economic Policy Institute schätzt, dass durch Trumps geplante Massenabschiebungen auch 2,6 Millionen US-Jobs verschwinden werden. Denn wenn eingewanderte Maurer und Dachdecker weniger Häuser bauen, haben auch amerikanische Elektriker und Klempner weniger zu tun.

„Keine spürbaren Lohnsteigerungen“

Auch wenn Arbeitgeber fehlende Migranten ersetzen, stellen sie kaum US-Bürger an ihrer Stelle ein. Stattdessen könnte der Arbeitskräftemangel die Automatisierung vorantreiben. In Amerikas Milchbetrieben etwa waren bislang fast die Hälfte aller Arbeiter Migranten. Viele wurden abgeschoben. Sie durch modernste Melkautomaten und andere Maschinen zu ersetzen, braucht jedoch Zeit. „Trump versucht, die existierenden Landarbeiter viel schneller aus dem Land zu jagen, als automatische Systeme sie realistisch ersetzen können“, berichtet die „New York Times“.

Die bisherigen Daten sprechen auch in diesem Bericht dagegen, dass Trumps Abschiebeplan aufgeht. „Es gibt keinerlei Beleg dafür, dass heimische Arbeiter diese Jobs besetzen, keinen Boom bei den Automatisierungsinvestitionen oder spürbare Lohnsteigerungen in diesen Sektoren“, schreibt etwa das Peterson Institute of International Economics.

Die Preise in allen Branchen, in denen besonders viele Migranten arbeiten, dürften über kurz oder lang steigen, wenn es nicht mehr genug Arbeiter gibt. Lebensmittel, Häuser, Kinderbetreuung, medizinische Versorgung werden teurer – und treffen damit ausgerechnet die Amerikaner am empfindlichsten, die Trump und seinen Abschiebe-Masterplan aus Sorge um explodierende Lebenshaltungskosten gewählt haben.

Trumps Wähler bekommen den Abschiebe-Schock zu spüren

Schon bis Ende des Jahres könnte die US-Inflation – anders als bislang erwartet – deutlich auf über 4 Prozent zulegen, warnt das Peterson Institute. Aktuell liegt sie unter 2,5 Prozent. Der wichtigste Grund, neben Trumps Zöllen und dem explodierenden US-Haushaltsdefizit: „ein engerer Arbeitsmarkt als Folge der verschärften Einwanderungspolitik“.

Was den USA mit Trumps historischer Migrations- und Zollwende droht, ist heute schon in Großbritannien zu beobachten. Die dortige Erfahrung mit dem Brexit ist ein ökonomisches Testlabor für die US-Wirtschaft. Denn dabei wurden ähnliche Rezepte ausprobiert, die Trump nun in Übersee anwendet: die Flucht hinter hohe Handelshürden und eine massive Begrenzung der Migration. Ergebnis: Großbritanniens jährliche Wirtschaftsleistung liegt heute sechs bis acht Prozent niedriger, als sie ohne den EU-Austritt gewesen wäre, wie eine Studie des National Bureau of Economic Research kürzlich gezeigt hat. Drei bis vier Prozent aller Jobs gingen verloren.

Selbst die Trump-Regierung hat diese Realität inzwischen stillschweigend anerkannt. Dort, wo der Arbeitskräftemangel am heftigsten ist, hat sie bereits umgeschwenkt: Im Sommer brüstete sich Trumps Agrarministerin Brooke Rollins noch, das Ziel seien „100 Prozent amerikanische Arbeitskräfte“ auf US-Farmen. Inzwischen allerdings hat nicht nur die Abschiebepolizei ICE faktisch alle Einsätze in der Landwirtschaft gestoppt.

Im vergangenen November legte die Regierung sogar ein neues Programm zur Anwerbung von ausländischen Erntehelfern auf. Im Stillen zweifelt sie ihre eigene Abschiebepolitik an. Man glaube nicht, dass sich „qualifizierte, berechtigte und willige amerikanische Arbeiter […] in ausreichender Zahl finden lassen, um die vielen Ausländer zu ersetzen, die nun nicht mehr ins Land kommen“, gab Trumps Arbeitsministerium im US-Amtsblatt zu – ohne es an die große Glocke zu hängen.

Quelle: ntv.de