Wer Ratschläge für seine Altersvorsorge sucht, kommt an ihnen im Moment kaum vorbei: Exchange Traded Funds (ETFs) sind seit einigen Jahren der wohl größte Trend unter deutschen Sparern. Und die große Nachfrage hat den Markt für diese Fondsprodukte schnell wachsen lassen. Einer aktuellen Studie der Honorarberatung und Vermögensverwaltung VZ Vermögenszentrum zufolge standen Anlegern auf der größten deutschen Handelsplattform Xetra Ende vergangenen Jahres 2784 verschiedene ETFs zur Auswahl, dreimal so viele wie noch vor 15 Jahren, 429 Produkte kamen erst 2025 neu auf den Markt. Die Studie, die der Süddeutschen Zeitung vorab vorlag, kommt zu dem Schluss: ETF-Sparen ist komplizierter geworden.
Nicht nur, dass es immer mehr Produkte werden, viele weichen inzwischen auch von der Ursprungsidee der ETFs ab und sind schwieriger zu verstehen. „Die Kunden sehen manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr“, sagt Thomas Wolff, Leiter der VZ-Niederlassung Berlin und Mitautor der Studie. Allerdings habe die wachsende Konkurrenz auch Vorteile, denn sie zwingt viele Fondsanbieter, ihre Gebühren niedrig zu halten.
Einem klassischen ETF liegen zwei Ideen zugrunde, die im vergangenen Jahrhundert in den USA entwickelt und später mit einer Reihe von Wirtschaftsnobelpreisen gewürdigt wurden. Zunächst die Erkenntnis, dass eine breit diversifizierte Geldanlage statistisch gesehen über längere Zeiträume eine höhere Rendite abwirft als der Versuch, „den Markt zu schlagen“, etwa indem man Aktien zum richtigen Zeitpunkt kauft und verkauft. Dieses sogenannte „Market Timing“ ist die Spezialität von Fondsmanagern, die gegen Gebühr das Geld ihrer Kunden zu mehren versuchen. Langfristig erwirtschaften sie dabei vielen Untersuchungen zufolge aber meist weniger Rendite als der Börsenindex. Geboren war der Indexfonds, der sein Vermögen einfach passiv über die Werte eines Index wie des Dow Jones verteilt und liegen lässt, egal wie einzelne Aktien sich entwickeln, und ohne teure Fondsmanager und Gebühren. Irgendwann kam jemand auf die Idee, Indexfonds-Anteile zu handeln wie Aktien. Vorteil für die Anleger: Sie können jederzeit an ihr Geld, ohne komplizierte Laufzeiten oder Verkaufsregeln, der Vertrieb lässt sich einfach über die Börse organisieren. Geboren war der Exchange Traded Fund, der seitdem von den USA aus einen Siegeszug um die Welt angetreten hat.
Statt einfach nur einen klassischen Index wie den Dax, S&P 500 oder den MSCI World abzubilden, begeben sich ETFs heute allerdings auch in Nischen. Viele Produkte bieten Anlagen in einzelne Branchen oder Sektoren. Man kann mit ETFs inzwischen sogar auf fallende Aktienkurse oder Kryptowährungen setzen. 2025 lagen der VZ-Studie zufolge besonders Themen wie Verteidigung oder Quantentechnologie im Trend. Deutlich zugenommen hat auch die Zahl der sogenannten aktiven ETFs, bei denen wieder ein Fondsmanager die Anlageentscheidung steuert. 386 aktive ETFs waren 2025 bei Xetra zu finden, mehr als viermal so viele wie noch 2023. „Im vergangenen Jahr erzielte auf Basis des MSCI World kein aktiver ETF eine Mehrrendite gegenüber vergleichbaren passiven Produkten“, heißt es allerdings in der Studie. Das sei zwar nur eine Momentaufnahme, bestätige aber das bekannte Bild, dass es solchen Fonds schwerfällt, besser abzuschneiden als der Markt. Aktive ETFs haben zudem oft höhere Gebühren als passive Produkte. Positiv sieht Wolff die wachsende Vielfalt im Bereich der Anleihe-ETFs. Diese bieten sicherheitsbewussten Anlegern eine gute Alternative zum Kauf einzelner Unternehmens- oder Staatsanleihen. „Mit einem ETF können sie das Risiko etwa für den Ausfall eines einzelnen Schuldners gut streuen.“
„Als grobe Orientierung nennen wir: 100 Millionen Euro Fondsvolumen.“
Es werden im Moment nicht nur viele ETFs neu aufgelegt, es verschwinden auch immer mal wieder welche vom Markt, 2025 wurden der Studie zufolge 60 Produkte geschlossen. Sparer erhalten in so einem Fall ihr Anlagevermögen zurück. Steht der Kurs zum Zeitpunkt der Schließung aber ungünstig, kann es zu ungewollten Verlusten kommen, eventuell drohen auch steuerliche Nachteile. Wer langfristig investiert, sollte darum darauf achten, stabile Fonds auszuwählen. Wolff rät dazu, zu kleine Fonds nicht ins eigene Depot zu legen. „Als grobe Orientierung nennen wir: 100 Millionen Euro Fondsvolumen.“ Verwalte ein Fonds weniger Vermögen, könne es sein, dass sich der Betrieb für den Anbieter irgendwann nicht mehr lohne. Denn bei jedem Fonds fallen Fixkosten an, etwa für Lizenzkosten des zugrunde liegenden Indexes, die Verwahrung der Wertpapiere und den Wirtschaftsprüfer.
ETFs haben in den vergangenen Jahren vielen Anlegern einen einfachen und kostengünstigen Zugang zum Aktienmarkt und noch dazu erfreuliche Renditen verschafft. Daran dürfte auch die wachsende Produktvielfalt nichts ändern. Natürlich bestehe die Gefahr, dass Anleger zu Fehlentscheidungen verleitet werden, sagt Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Die beste Strategie sei immer noch, langfristig und breit zu investieren. Dafür brauche man viele der neuen Mode-ETFs nicht, die nur auf einzelne Branchen wie Rüstung oder KI setzen. Bislang, so Nauhauser, ließen sich die meisten Verbraucher aber von den vielen Angeboten nicht irritieren und hielten an ihrer langfristigen Strategie fest, die er so zusammenfasst: „Kaufen und liegen lassen. Das funktioniert immer am besten.“
