Julia Riedler inszeniert „Hamlet“ in Freiburg

In Shakespeares „Hamlet“ wird gestorben wie nicht recht gescheit. Es geht nur um den Tod. Am Ende ist kaum einer mehr übrig. Die fatale Handlung der versuchten Rache für einen dänischen Königs- und Bruder- und Gattenmord, über der sich ein Geliebtenselbstmord, die versehentliche Tötung des Geliebtenvaters wie die absichtliche Tötung verräterischer Jugendfreunde zuträgt, bevor zuletzt König und Gattin und Rächeranwärter ins Gras beißen, wurde dabei von einem Geist, Hamlets Vater, ausgelöst.

Also, schließt die Schauspielerin Julia Riedler in ihrer ersten Regiearbeit, werden in Dänemark aus Toten Gespenster und also zieht sie das Stück am Schauspiel Freiburg von seinem Ende her auf. Drei Tote und ein Überlebender stehen anfangs vor dem grauen Bühnenvorhang und versuchen, das schreckliche Geschehen zu erinnern, es nachzuspielen. So müssen die „Drolls“ gewesen sein, die wegen der Schließung der Theater während des puritanischen Interregnums in England nach 1649 arbeitslose Schauspieler als kurze Variationen berühmter Szenen aufführten. In Freiburg sind es vier Spieler in acht Rollen, auf die das Stück kondensiert wurde.

„What happens in Hamlet?“ Wir wissen es nicht

Noch sind sie ganz aufgebracht und mitgenommen von dem, was soeben geschah, außerdem unsicher, was genau es denn war. Horatio, der Freund Hamlets, soll von dessen Schicksal Zeugnis ablegen, das war der Wunsch des sterbenden Prinzen: „Erkläre mich und meine Sache den Zweifelnden“. Ist also Shakespeare ein Horatio? Schön wär’s, aber das Stück erklärt wenig. In seinem Buch „What happens in Hamlet?“ hatte der große Shakespeareforscher John Dover Wilson schon 1935 geantwortet: Wir wissen es nicht. In Freiburg schaut Julia Riedler diesem Umstand furchtlos ins Gesicht. Sie lässt ihre Schauspieler über das erstaunen, was sie da vortragen sollen. Sie lässt sie Unterstützung suchen im Publikum, als führten sie das Stück in einem Pub auf, wo einem die gemeinsame Situation und gemeinsames Pfeifen oder das Singen von Liedern – „Wonderwall“, „Pass This On“, „Can’t Get You Out of My Head“ und Tom Rosenthals anrührendem „It’s OK“ – über die Zumutungen des Abends und die Rätsel des Textes hinweghelfen können.

Hat beispielsweise Hamlet Ophelia geliebt? Sie glaubt es, aber nur, weil sie es glauben will, und da ihr das schwant, glaubt sie es auch nicht wirklich. Tatsächlich war sein liebesbriefliches Bekenntnis, das sie vorliest, das Papier nicht wert, auf dem es steht. Wenn Ophelia sagt „Mir geht’s richtig schlecht“, liegt das Unwohlsein nicht nur an ihrem unlebendigen Zustand. Zurecht fühlt sie sich verraten von einem, in dessen Vorhaben sie nicht passte.

„So waren die nicht“

„Wie geht es euch?“, werden kurz darauf die Zwillingsverräter Rosencrantz und Guildenstern gefragt, und sie versetzen: „Ja, normal“. Die Personen sind überfordert von dem, was das Stück mit ihnen anstellt und ihnen an gespielten Gefühlen abverlangt. Sie kommen sich als Witzfiguren vor, verlieren überm Spiel im Spiel und über den höfischen Verstellungen das Wirklichkeitsgefühl.

Wenn Lebendige Tote sind und Tote lebendig, wenn jeder zwei Rollen gibt, Hamlet sein Freund Horatio ist und Ophelia ihr eigener Vater, wenn alles einen doppelten Boden hat, hat dann auch der doppelte Boden einen? „So waren die nicht“, wird das Spiel von König und Königin kritisiert. „Du hast Hamlet schon gut durchdrungen“, zollt Ophelia der Schauspielerin des Dänenprinzen höhnisch Anerkennung, denn sie will sagen: Du bist genauso ein Arsch wie er. Als gegen Ende des Stückes die Seitenausgänge des Zuschauerraums kurz einen Blick auf den Parkplatz vor dem Schauspielhaus freigeben, ist man erleichtert: mindestens der scheint echt.

Zwei pausenlose Stunden kommentiert die Spiellaune der Akteure das Stück. Das Quartett, das in trashigen Klamotten auftritt, ist hinreißend. Der Hamlet von Nadine Geyersbach hat nichts vom Intellektuellen, der sich mit Melancholie parfümiert hat. „Nie wieder Laurence Olivier“ scheint sie sagen zu wollen und tut durch ihr raues, ruppiges Spiel alles, um Bewunderung von der kalten Selbstbezogenheit des Prinzen fernzuhalten. Vor lauter Wille, bedeutend zu sein, dringt er nicht zur Leidenschaft durch. „Wenn meine Pflicht zu groß ist“, tönt er über sein Größen-Ich, „bemüht sich meine Liebe schlecht“. Dabei wirkt die Pflicht, den Vater zu rächen, wie vorgeschoben, um nicht der Liebe folgen zu müssen. Die Inszenierung stellt deutlich heraus, dass Hamlet die am wenigsten liebevolle, am wenigsten passionierte Hauptfigur in Shakespeares Schaffen ist.

Wem der größte Jubel gilt

Viel virtuoser darf Urs Peter Halter, im Nebenberuf Rosencrantz, den König Claudius anlegen, der mit Rüschenhalskrause den Staatsmann gibt, dessen Rhetorik alles an sich abperlen lässt. Seine Gattin, in B-52s-Perücke und einem Kleid mit der Aufschrift „Sit by me“ gespielt von Hale Richter, ist die reine Anpassung, die zu jedem Spiel gute Miene macht. Von allen Dreien unterscheidet sich das Ereignis des Abends, Emma Petzet als Ophelia in Schnürhose und Knieschonern, verunsichert an Hamlet wie an den eigenen Möglichkeiten leidend, dem Arsch zu widerstehen, als Polonius hingegen fast auf die gelben, armlangen Gummihandschuhen reduziert, die er sich überstreift, als ginge alles darum, beim Wühlen im Schmutz sich nicht die Hände schmutzig zu machen. Vier wunderbare Schauspieler, denen das Publikum lange zujubelt.

Unser größter Jubel gilt der Regie von Julia Riedler, die sich so viele Freiheiten gegenüber dem Stück erlauben konnte, weil sie ihm zusammen mit der Dramaturgin Anna Goyer den Puls gefühlt hat. Trotz großer Striche, bei „Hamlet“ unausweichlich, foltern sie den Text nicht, überziehen ihn nicht mit Einfällen oder banalen Aktualisierungen. Sondern haben ihn aufmerksam genug gelesen, um weder in die langweiligen Bahnen eines Standard-Hamlet einzubiegen noch affektiert Originalität anzustreben.

Bemerkenswert an der in Bühnenbild, Kostümen und Ensemble sparsamen Inszenierung – es hängen ein paar Glühbirnen herab, es gibt eine Zauberkiste, um den König scheinbar zu zersägen, Polonius wird mit einem Feuerlöscher getötet, das war es im großen Ganzen schon – ist ihre Nähe zum Spielgeist Shakespeares. Ihm stellten sich alle Fragen als solche von Sein und Schein, Redensart und Herzensregung. Und er konnte solche Unterscheidungen fast beliebig verkomplizieren. Die gespielte Herzensregung kannte er ebenso wie die Wirklichkeit des Scheins, in der sich diejenigen verfangen, die meinen, mit anderen ein Spiel spielen zu können. Die Lebendigkeit der Toten war ihm so bewusst, wie die Fatalität des Einflusses von Geistern auf die Gegenwart.

„Sein oder Nichtsein“ ist insofern eine unvollständige Unterscheidung. Der Freiburger „Hamlet“, der die im berühmtesten Monolog der Theatergeschichte gestellte Frage, wofür man sich entscheiden soll, als „bescheuert“ bezeichnet, tut das mit guten Gründen. Er nimmt sich heraus, dem Titelhelden zu widersprechen. Denn Schein ist Sein und Nichtsein zugleich, wie das Spiel, wie die Geister. Wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, Shakespeare hätte das erfreulich gefunden. Denn er war selbst von dieser unverfrorenen Art, die nicht Respekt mit Textgehorsam verwechselt. Für ein Debüt war Julia Riedlers so nachdenkliche wie spielerisch gewinnende Inszenierung durch ihren souveränen Umgang mit dem Stoff erstaunlich. Womöglich haben wir den Beginn einer großen Regiekarriere gesehen. Wir können jedenfalls nur dringend empfehlen, sich diesen Hamlet und das fabelhafte Spiel des Freiburger Quartetts anzusehen.