Winston hat die Ruhe weg. Ganz entspannt steht der Goldendoodle auf dem Tisch, während Daniel Schnell ihm mit einer Schere das Fell im Gesicht stutzt. Selbst als die Schere dicht vor den Augen des Hundes klappert, bleibt der Hund gelassen. Auf zwei anderen Tischen kümmern sich weitere Hundefriseure um den Malteser Fritzi und den West Highland Terrier Mango. In der Backsteinvilla an der Bierstadter Höhe in Wiesbaden herrscht an diesem Samstagmorgen eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre. Hunde und Menschen sind aufmerksam bei der Sache, während Petra Schmieder immer wieder Tipps und Anregungen von zwei italienischen Groomer-Experten ins Deutsche übersetzt.
Das englische Wort „grooming“ wird in mehreren Zusammenhängen verwendet und bedeutet in der Tierbranche die professionelle und fachgerechte Pflege von Hunden und Katzen. Die Groomer haben sich also der Schönheit der Vierbeiner verschrieben. Sie sind Hundefriseure mit einer speziellen Ausbildung. Und was so einfach klingt, scheint ein ganz schön kompliziertes Unterfangen.
Winston bekommt den Bart gestutzt
Die Wiesbadener Groomer-Schule Gordon hat in Zusammenarbeit mit der Industrie- und Handelskammer (IHK) eine Weiterbildung konzipiert, die erfolgreiche Absolventen zu einem von der IHK zertifizierten „Experten für artgerechte Fellpflege aller Rassehunde und Mischlinge“ kürt. Dieses Zertifikat, so versichert Groomer-Lehrerin Kristine Schirmer, Inhaberin des Salons Gordon, sei deutschlandweit bislang einzigartig. Der Erfolg gibt ihr und ihrer ebenfalls als Groomer-Lehrerin tätigen Geschäftspartnerin Petra Schmieder, die einen eigenen Salon in ihrer Heimat Bozen betreibt, recht.
An diesem Tag sollen die Schüler im Salon Gordon von den Meistercoiffeuren aus Italien lernen. Eine Mischung aus Aufregung und Aufbruchstimmung liegt in der Luft. Wer sich hier eingeschrieben hat, der möchte nicht nur seine Schnitttechnik verbessern, sondern womöglich beruflich ganz neue Wege gehen. Die mehrwöchigen Kurse sind bis Ende des Jahres ausgebucht.

Auch Hundefrisör Daniel Schnell will auf sein schon vorhandenes Wissen aufbauen. Während er am Fell des Goldendoodle Winston arbeitet, bekommt er Hilfe von Ilaria Girardelli und Maurizio Benedetti. „Wir haben heute zwei Star-Groomer aus Italien bei uns, die unseren Schülern spezielle Tricks zeigen, die für deren künftiges Geschäft hilfreich sind“, erklärt Schmieder und fügt an: „Im Moment arbeiten wir nur an den Köpfen, das ist beim Grooming so ein bisschen die Schwierigkeit.“ Denn es gibt Schnitttechniken, um die Schönheit eines Hundes besonders zur Geltung zu bringen. Und es gibt das Risiko, genau das Gegenteil zu erreichen. Zwischen Grooming und der Tätigkeit, die ein klassischer Hundefriseur übernimmt, bestehen feine Unterschiede. Während der Friseur vorrangig das Fell schneidet und stylt, wird beim Grooming umfassender auf die professionelle Pflege des Tieres geachtet. Dazu gehört oft auch eine Augen- und Ohrenreinigung, die Haut unter dem Fell wird begutachtet und gepflegt, das Fell wird getrimmt, um die Struktur zu erhalten. Der Unterschied zwischen einem klassischen Hundefriseur und einem Groomer ist fließend und nicht immer trennscharf.
Winston scheint nicht zu interessieren, ob nun ein Groomer oder ein Hundefriseur an ihm arbeitet. Der Goldendoodle steht auf dem Tisch und wird von zwei locker sitzenden Schlaufen in Position gehalten. So hat auch der Hundefriseur beide Hände frei, um akkurat zu arbeiten. „Winston bekommt jetzt einen schönen Schnitt am Kopf“, sagt Schmieder. In der Tat sieht es so aus, als bekäme der Hund von einem Barbier, in diesem Fall Daniel Schnell, den Bart gestutzt.
Petra Schmieder ist für die praktische Ausbildung zuständig. Sie ist eigentlich ausgebildete Mediatorin und hat das Grooming ursprünglich nur erlernt, um mit ihren eigenen Hunden nicht immer auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein. Schmieder stammt eigentlich aus Bozen in Südtirol, ihre Tochter hat es zum Studium nach Wiesbaden verschlagen. Bei einem Besuch in der hessischen Landeshauptstadt hat Petra Schmieder ihre spätere Geschäftspartnerin Kristine Schirmer kennengelernt. Dass die beiden Frauen den Ausbildungsmarkt im Bereich der Hundefriseure einmal kräftig aufwirbeln würden, hätten sie damals sicher nicht gedacht.
Groomer-Schule mit deutschlandweit einzigartiger Ausbildung
Die beiden Hundeliebhaberinnen beschlossen, gemeinsam die Groomer-Schule zu eröffnen. Für die Lehrgänge reist Schmieder immer wieder nach Wiesbaden. Dass sie sich selbst zur Hundefriseurin ausbilden ließ, war indes eher ein Zufall. „Ich saß bei meinem Hundefriseur am Gardasee und sah zu, wie meine Hunde gemacht wurden“, sagt sie. Irgendwie habe die Szene eine beruhigende Wirkung auf sie gehabt. „Ich hatte zu der Zeit schwierige Mediationsfälle, die sehr anstrengend waren, und dachte mir: Das ist ein cooler Job. Da spricht niemand.“ Sie sei da einfach „reingerutscht“.
Gesprochen wird an diesem Tag trotzdem. Denn wer lehren will, der muss erklären. Star-Groomer Benedetti tritt zu Daniel Schnell und Petra Schmieder an den Tisch. Zu dritt werden die nächsten Schritte detailgenau besprochen, um Winston den optimalen Schnitt zu verpassen. Spätestens jetzt wird klar: Grooming ist weit mehr als nur ein bisschen schnipp, schnapp, Haare ab. „Jede Hunderasse hat ihre eigene Fellstruktur, jedes Fell ist anders“, erklärt Schmieder. „Manche Rassen schaffen es nicht, das tote Fell abzustoßen, da muss man helfen.“ Da nach Angaben der Fell-Expertin einige gezüchtete Rassen regelrecht „zuwuchern“, spielen beim Grooming auch gesundheitliche Aspekte eine Rolle.

Die Groomer-Lehrgänge im Salon Gordon richten sich ausdrücklich an Berufsumsteiger und Quereinsteiger. Aus Bad Kreuznach ist Lisa Brück mit ihrem Vater gekommen. Sie überlegt, eine Ausbildung als Groomer zu machen, um in einem zweiten Schritt selbst einen Hundefriseursalon zu eröffnen. „Ich habe schon früher viel mit Hunden gemacht und kann mir das gut vorstellen“, sagt sie. Ihr Vater begleitet sie – und er hat viele organisatorische Fragen im Gepäck. Auch – oder besonders – diese Aspekte sollen während der Seminare Platz finden, wie Kristine Schirmer sagt.
Unternehmerisches Handeln ist Teil der Ausbildung
Die Unternehmerin führt seit vielen Jahren ihren eigenen Hundesalon. „Ich möchte aber nicht nur gute Hundefriseure ausbilden, sondern auch Unternehmer“, sagt die ehemalige Bankerin und erklärt Vater Brück ihre Motivation: „Ich kann einen Hund noch so gut schneiden, aber wenn ich nicht weiß, wie ich mit meinen Finanzen umgehe, Marketing mache und meine Steuern zahle, dann funktioniert das nicht.“
Als Schirmer und Schmieder vor zwei Jahren ihre Schule gründeten, haben sie die Ausbildung in Zusammenarbeit mit mehreren Experten und der Handelskammer daher um wichtige wirtschaftliche Aspekte erweitert. Neben der Praxis vermitteln sie in Vorträgen nun auch Grundlagen im Steuerrecht, der Kalkulation und Planung, das Wissen über professionelle Werkzeuge und den Umgang mit Waren- und Produktgruppen. Hinzu kommt das dermatologische Fachwissen, um Haut und Fell des Tieres lesen und entsprechend handeln zu können.

Um diese Fähigkeiten zu vermitteln, stellen die beiden Unternehmerinnen die nötige Expertise bereit und haben ihr Netzwerk aktiviert. So schult die auf Hauterkrankungen spezialisierte Tierärztin Kerstin Wildermuth die Groomer-Auszubildenden darin, worauf sie achten müssen, wenn sie das Fell eines Hundes begutachten. „Man sieht ja nicht nur das Fell, sondern auch die Haut selbst, und da kann man Entzündungen erkennen oder auch etwaige Parasiten“, nennt Wildermuth ein Beispiel. Es gehe nicht darum, dass die Schüler selbst zu heilen versuchen. Sie sollen dafür sensibilisiert werden, wann sie dem Besitzer mitteilen, dass er mit seinem Hund besser einen Tierarzt aufsuchen sollte. Auch ein zweiwöchiges Praktikum im Salon ist Teil der Ausbildung.
Knapp 7500 Euro für vierwöchigen Kurs
Nicht alle Hunde sind so kooperationsbereit wie Winston. „Wir haben eine Hundetrainerin, die unseren Schülern zeigt, wie sie mit Hunden umgehen, die nervös oder ängstlich sind“, führt Schirmer ein weiteres Beispiel dafür an, welches Wissen ihre Schüler erwerben sollen. Der Lehrgang sei in enger Abstimmung mit der IHK konzipiert worden. Zertifizierter Experte wird bei Gordon nur, wer die schriftliche und praktische Prüfung besteht. Seitdem sie die Ausbildung anbieten, haben Schmieder und Schirmer 17 Groomer erfolgreich ausgebildet. 15 von denen betreiben mittlerweile ihren eigenen Salon, wie sie mit Stolz berichtet. An jedem Lehrgang können vier Schüler teilnehmen. „Wir nehmen für den vierwöchigen Kurs 7490 Euro“, antwortet sie auf die Frage nach den Kosten.
Namensgeber der Schule ist der erste Hund von Schirmer, der Gordon hieß und im Emblem der Groomer-Schule abgebildet ist. Die früher erfolgreiche Bankerin hatte nach eigener Auskunft einen „super Job und ein komfortables Leben“. Aber irgendetwas habe gefehlt. „Ich habe gedacht, eine Herzensangelegenheit muss noch in meinem Leben hinzukommen“, erinnert sie sich. Ausschlaggebend für den Berufswechsel sei eine Reportage über den mittlerweile verstorbenen Starfriseur Udo Walz gewesen. „Der hat Anfang der Zweitausenderjahre gesagt, dass Hundefriseure im Kommen seien, und wollte selbst einen Salon aufmachen“, sagt Schirmer. Da sie damals keine für sie adäquate Ausbildung in Deutschland fand, ging Schirmer nach Amerika, lernte dort das A und O der Fellpflege und eröffnete dann 2008 ihren eigenen Salon. „Ich habe damals gesagt, ich möchte der Udo Walz der Hundefriseure werden“, sagt sie lachend.
Wer ähnlich hohe Ambitionen in der Hundepflege hat, braucht zumindest bei Gordon ein wenig Geduld. Die nächsten Kurse sind erst einmal ausgebucht.
