
Ein vorletztes
Mal Curling bei diesen Winterspielen. Am Samstagabend steigt im 1955 erbauten Eisstadion von Cortina das Finale der Männer. Am Sonntag folgt das der Frauen, dann war’s das für diese Olympischen Spiele, wie schade.
Denn alle vier
Jahre entdeckt die Welt ihre Liebe fürs Steineschieben. Und wenn nicht alles
täuscht, war bei diesen Winterspielen die Liebe für Curling besonders groß
(sogar in der Fußballmonokultur Deutschland). In den vergangenen beiden Wochen
wurden Menschen zu Curlingfans, die bis eben noch nicht mal wussten, dass das
Recht des letzten Steins „Hammer“ heißt. Weil man mitfieberte, wie diese
Schachspieler auf Eis curlten, wie sie Corner Guards spielten, wie sie nach
einem Double jubelten – auch wenn man absolut gar nicht verstand, was genau das bedeuten
sollte. Ein Berliner Curlingverein meldete sogar, sein Postfach sei explodiert. Und dann ist dieser Sport ja auch noch so fair,
dass die Schiedsrichter eigentlich nur eingreifen, wenn die Teams sie rufen. Das
meiste regeln sie auf dem Eis selbst. Curlingspieler, ein Vorbild für alle.
Wo wir bei
den Kanadiern wären. Denn die ersten Teilnehmer dieses Finals haben dem unschuldigen
Gentleman-Sport Curling in den letzten Tagen doch einen gewaltigen Knacks
verpasst. Manche schrieben, Curling habe seine Unschuld
verloren. Tagelang diskutierte man über
die Schummelkanadier, wie sie bald getauft wurden.
Vorwürfe gegen Kennedy
Schuld war
Marc Kennedy, einer der besten Curlingspieler der Welt, Olympiasieger von 2010.
Vor einer Woche beschuldigten die Schweden Kennedy des Betrugs. Später sah man
auf Videoaufnahmen, worum es ging. Kennedy war mit seinem Stein nach vorn gerutscht, ließ den Griff los, gab dem Stein dann aber mit seinem Zeigefinger
noch einen Stups mit. Damit hatte er gleich gegen zwei Regeln verstoßen: Er
hatte den Stein zweimal berührt und er hatte ihn am Granit angefasst – beides
ist verboten.
Der Schwede
Oskar Eriksson konfrontierte Kennedy auf dem Eis. Der leugnete. „Noch nie habe
ich das gemacht“, schrie Kennedy. „You can fuck off.“ Das war nun völlig gegen
die Curlingetikette, zumal man im Video sah, dass er log. Später entschuldigte
sich Kennedy für die Wortwahl, aber da gingen die Memes mit seinem langen
Finger schon um die Welt. Auch wenn er dem Curling noch mal mehr Aufmerksamkeit brachte,
einige Spieler und Trainer waren doch ganz schön sauer.
Diese Curlingganoven
spielen nun im Finale gegen Großbritannien, genauer: gegen das Mutterland des
Curlings. Die Schotten haben das Spiel gegründet, in Schottland wurde 1716 der
erste Curlingverein gegründet, jeder einzelne der knapp 20 Kilogramm schweren Steine
wird auf der schottischen Insel Ailsa Craig produziert – ausschließlich da. Das
noch junge britische Team um den Kapitän (im Curling Skip genannt) Bruce Mouat
hat schon viel gewonnen, vor vier Jahren allerdings das Olympiafinale gegen
Schweden verloren. Das würden sie gerne nicht noch mal erleben.
Eisschach auf höchstem Niveau
Man sieht
in diesem Finale sofort, weshalb so viele diesen Sport liebgewonnen haben. Weil
etwa mit einem Stein vier andere bewegt werden, alles durcheinanderfliegt, am
Ende aber die eigenen Steine am besten liegen. Eisschach auf höchstem Niveau,
bei dem sich die Steine allerdings in den wildesten Kurven bewegen können.
Schon nach
zwei von zehn Ends, wie die Durchgänge heißen, sind die Wischer schwer am
Schnaufen und Schwitzen. Curling hat sich in den vergangenen Jahren enorm
entwickelt. Auch dank der Kanadier um Skip Brad Jacobs. Anfangs wurden sie
schief angesehen für ihre Muskeln, das kannte man nicht im Curling, doch dann wurden
die Kanadier 2010 und 2014 Olympiasieger. Und die anderen erkannten: Athletik
schadet auch im Curling nicht. Seitdem wird noch mehr gewischt als davor, und
seitdem müssen die Spieler fünfmal die Woche ins Fitnessstudio. Vielleicht hat
auch das dazu beigetragen, dass der Sport, der lange belächelt wurde, jetzt gefeiert
wird.
