Die Aussichten auf ein koffeinhaltiges Saisonende der Fußball–Bundesliga sind am Samstag neuerlich kleiner geworden. Eine Woche vor dem deutschen „Clásico“ in Dortmund erstritt sich der BVB 09 bei RB Leipzig zwar in der Nachspielzeit ein 2:2-Unentschieden nach 0:2-Rückstand und wusste damit die erste Bundesliga-Pleite des laufenden Kalenderjahres abzuwenden. Durch den 3:2-Sieg, den der FC Bayern (ebenfalls am Samstag) gegen Eintracht Frankfurt erzielt hatte, wuchs der Vorsprung der Münchner in der Tabelle aber auf acht Punkte an. Bei zehn ausbleibenden Spielen bleibt damit die Versuchung enorm, das Ende einer Fiktion namens Meisterschaftskampf auszurufen.
Es war eine Partie, die auf jeden Prolog verzichtete und bis zu ihrem Ende intensiv blieb. Zur achten Minute schon hatte es ein paar Situationen gegeben, die nach Krawall rochen – vor allem einen Zweikampf zwischen Brajan Gruda und Ramy Bensebaini vor der Dortmunder Trainerbank. Es folgten: erste Chancen für Leipzigs Rômulo und Dortmunds Maxi Baier; ein paar Halbchancen, die von den Tribünen mit Aaahs und Oooohs quittiert wurden – und schließlich die Führung Leipzigs.
Diese Führung, sie war eine austro-afrikanische Koproduktion. Der Österreicher Nicolas Seiwald verlagerte das Spiel, indem er einen grandiosen Pass aus dem Zentrum auf Linksaußen spielte; kaum, dass dort Yan Diomande mit ein paar Hüftwacklern den Strafraum betreten hatte, landete der Ball schon bei Seiwalds Landsmann Christoph Baumgartner. Vor ein paar Jahren wäre ihm unterstellt worden, in abseitsverdächtiger Position gestanden zu haben. Nun brachte eine kalibrierte Linie Gewissheit: Sein Tor mit dem Außenrist war nicht nur schön, sondern auch nach allen Regeln der modernen Technik legal.
Erst nach der Pause findet Dortmund aus seiner Lethargie
Während die Dortmunder nach einer Struktur fahndeten, die ihnen einen Weg in den Straftraum der Leipziger bahnen könnte, hatten die Leipziger durch das Tor das Muster gefunden, mit dem sie die Dortmunder immer wieder in die Bredouille brachten: diagonale Spielzüge in die linke Spitze, die mit scharfen Pässen in den Fünfmeterraum des BVB abgeschlossen wurden. Immer war es Baumgartner, der sich in den Rücken einer überforderten Abwehr schleichen durfte – und dort konkrete Gefahr heraufbeschwor. Bei seinen Versuchen aus der 28. und 37. Minute verfehlte Baumgartner das Ziel nur knapp; in der 40. Minute traf er ins Netz. Wieder nach Schema F – also wieder über links –, wieder nach Vorarbeit von Diomande. Die einzige nennenswerte Antwort, die Dortmund fand, war ein direkter Freistoß des Ex-Leipzigers Marcel Sabitzer (42.). Maarten Vandevoort, der den am Knie verletzten Stammtorwart Peter Gulacsi auf Wochen hinaus vertreten wird, war bravourös zur Stelle.
Die zweite Halbzeit erweckte die Dortmunder aus der Lethargie. Nach einer Ecke von Julian Ryerson strich der Ball über den Scheitel von Willi Orban und landete auf dem Kopf des desorientierten Rômulo: Der brasilianische RB-Mittelstürmer traf per Kopf ins eigene Tor und verhalf Dortmund damit zum Anschlusstreffer. BVB-Coach Niko Kovac reagierte – und brachte Yan Couto, Julian Brandt und Carney Chukwuemeka für Bensebaini, Felix Nmecha und Maxi Baier. RB-Coach Ole Werner musste verletzungsbedingt wechseln: Xaver Schlager wurde durch Antonio Nusa ersetzt.
Leipzig lässt sich in der Nachspielzeit auskontern
Noch ehe die damit verbundenen Umbauarbeiten umgesetzt sein konnten – bei Leipzig wechselte Diomande auf rechts, Ryerson wanderte in die Dortmunder Innenverteidigung –, hatte sich Nusa schon mit einem Schuss aus kurzer Distanz übers Tor in Szene gesetzt. Kovac nahm einen weiteren Wechsel vor: Fábio Silva kam für den uninspirierten Serhou Guirassy (72.), Karim Adeyemi für Marcel Sabitzer (76.). Doch die frischen Offensivkräfte hatten ihre liebe Mühe, veritablen Druck zu entfalten.
Das lag auch daran, dass Leipzig nicht darauf verzichtete, nach vorn zu verteidigen, aber sich auch darauf verstand, wenn sich die Gelegenheit bot, das Tempo aus dem Spiel zu nehmen. Auch der Dreierwechsel, zu dem sich Werner entschloss, verhieß keinen Schritt zurück: Ezechiel Banzuzi, Conrad Harder und Benjamin Henrichs kamen für Gruda, Rômulo und Ridle Baku. Bezeichnend dafür war ein Konter der Leipziger, den Diomande mit einem Schuss unters Tribünendach abschloss. In der Nachspielzeit ließen sich die Leipziger doch auskontern: Über Julian Brandt landete der Ball bei Adeyemi, der Fábio Silva von rechts mustergültig bediente. Der Portugiese schoss mit dem Innenrist gegen die Laufrichtung des Torhüters zum 2:2 ein. Brandt hatte noch die Chance auf den Siegtreffer – doch ein Dreier für Dortmund wäre in der Gesamtschau vielleicht tatsächlich zu viel des Guten gewesen.
