Konflikt mit dem Vatikan: Die Piusbrüder vor dem Schisma

Es gibt einen Passus in dem Schreiben vom 18. Februar, ja eigentlich nur eine Wendung, genau genommen zwei Worte bloß, die den Vorhang der Förmlichkeiten zerreißen und an der wunden Stelle des Konfliktes rühren. Diese zwei Worte lauten: „Wir beide“. „Wir beide“, heißt es in dem Schreiben des Generaloberen der Piusbruderschaft an den vatikanischen Glaubenspräfekten, „wir beide wissen im Voraus, dass wir uns auf lehrmäßiger Ebene nicht einigen können, insbesondere bezüglich der grundlegenden Orientierungen, die seit dem II. Vatikanischen Konzil eingeschlagen wurden“.

Wir beide heißt: der lehrmäßige Dissens, wie das Nicht-mehr-miteinander Können in schonender Abstraktion so schön genannt wird, dieser bestehende Dissens in der Sache ist längst persönlich geworden. Lehrentwicklung versus das Festhalten an einem starren Traditionsbegriff – dieser über die sogenannte Alte Messe weit hinausreichende Grundkonflikt lässt sich tatsächlich auch als persönliche Zerrüttungsgeschichte zwischen den jeweils beteiligten Protagonisten erzählen. Zu oft hat man in den vergangenen Jahrzehnten mit wechselndem Personal zusammengesessen, die Piusbruderschaft und der Vatikan, um sich auf „Mindestanforderungen für die volle Gemeinschaft mit der katholischen Kirche“ zu einigen, wie es auch jetzt wieder der Glaubenspräfekt Kardinal Víctor Manuel Fernández dem obersten Piusbruder Pater Davide Pagliari andiente.

Meister im Sklavensprech

Fernández bekam daraufhin nun einen Korb. Demnach halten die Piusbrüder an den für Anfang Juli geplanten Bischofsweihen ohne päpstliches Mandat fest und möchten sich von weiteren Dialoginszenierungen, wie sie es nennen, im übrigen nichts mehr versprechen, auch wenn Pagliari höflich bleibt und gleichsam systemtherapeutisch zu verstehen gibt, dass es natürlich immer gut ist, über die jeweiligen Anteile am Strittigen gesprochen zu haben, ist doch Strittiges gerade deshalb strittig, weil beide Streitparteien, quasi naturrechtlich, einander triggern: „Denn auch wenn man zu keiner Übereinkunft gelangt, ermöglicht der brüderliche Austausch, einander besser kennenzulernen, die eigenen Argumente zu präzisieren und zu vertiefen sowie den Geist und die Absichten besser zu erfassen, die hinter den Positionen des Gesprächspartners stehen.“

Die Piusbrüder sind auch linguistische Meister im römischen Sklavensprech, das Zitat hier verhöhnt ja gerade den Geist und die Absichten, die nach piusbrüderlicher Erfahrung hinter den offiziellen vatikanischen Dialogpositionen stehen. Was Pater Pagliarani in seinem Schreiben wirklich sagt, ist dies: Die coolen Piusbrüder machen weiterhin ihr Ding. Sie haben nicht Jahrzehnte lang ihr Ding gemacht, um nun für das Linsengericht einer hinhaltenden Dialogverheißung der biologischen Untergangslösung zu willfahren, welche auch Kardinal Fernández als Geist und Absicht hinter seinen Worten im diplomatischen Gepäck verstaut hat.

Man meint sich zu kennen

Und so verhält es sich natürlich genau andersherum, als Pater Pagliarani seinerseits diskursethisch glauben machen möchte: In Wahrheit ist es zwischen den Konfliktparteien so, dass man sich immer schon zu kennen meint, bevor man sich ins Wellenspiel der Worte begibt, die nicht etwa selbsterklärend zur Verfügung stehen, sondern mit privaten Semantiken aufgeladen, um nicht zu sagen: vergiftet sind. Warum verstehen sich diese Beiden bloß nicht, so fragt man im sozialen Umfeld von Zerrütteten in der Annahme, es wäre doch ein leichtes, sich in einem rationalen Verständigungsprozess wieder die Hand zu reichen. Nur leider macht sich das soziale Umfeld der Wohlmeinenden auch in dieser kirchlichen Sache keinen Begriff von den Verstrickungen und Verletzungen, die für die Beteiligten auch von ganz nüchtern erscheinenden Worten ausgehen, eben weil hinter jedem dieser Worte ein mutmaßlicher Geist und mutmaßliche Absichten stehen, emotionale Hintergrundgeräusche, welche die krachend sachlich scheinenden Begriffe als himmlisches Verständigungsmittel untauglich machen, ja diesbezüglich ein Totalausfall sind. Das muss ich mir nicht geben, heißt es dann, kurz bevor man sich als geschiedene Leute betrachtet.

In den Worten des Generaloberen Pagliarani an sein vatikanisches Gegenüber Kardinal Fernández: „Tatsächlich begleitet die ausgestreckte Hand der Dialogbereitschaft leider eine andere Hand, die schon bereit ist, Sanktionen zu verhängen. Es ist die Rede vom Bruch der Gemeinschaft, von Schisma und von ,schwerwiegenden Konsequenzen‘. Zudem ist diese Drohung nun öffentlich, was einen Druck erzeugt, der schwer mit einem echten Wunsch nach brüderlichem Austausch und konstruktivem Dialog vereinbar ist.“ Und solcherlei Druck und Drohung will Pagliarani sich so wenig geben wie Fernández sich Druck und Drohung geben möchte, welche er wiederum der Ankündigung kanonisch unerlaubter, aber sakramental nichtsdestotrotz gültiger Bischofsweihen seitens der Piusbrüder entnimmt.

Wo Ende Gelände ist

Sagen wir es frei heraus: Auch bei den Piusbrüdern tickt die biologische Uhr. Ohne Bischöfe, derer es in ihren Reihen noch zwei im vorgerückten Alter gibt, keine piusbrüderlichen Priesterweihen, und ohne letztere ist der Hort der Alten Messe schon naturalistisch ein Auslaufmodell, nicht erst ideologisch, also nicht erst dort, wo die Kritiker der weltweit agierenden Traditionalisten aus dem schweizerischen Econe ihr „Ende Gelände“ sprechen: nämlich bei der piusbrüderlichen Ablehnung von angeblich „modernistischen“ Mitteilungen und Lesarten des Zweiten Vatikanischen Konzils, dem Öffnungskonzil in den Sechzigern des vorigen Jahrhunderts, das die Piusbrüder in zentralen Passagen (Ökumeneverständnis, Verhältnisbestimmung zu anderen Religionen, liturgische Abwrackprämien) in Frage stellen.

Pater Pagliarani, tunlichst vermeidend, als „wir beide“ grundsätzlich werden zu wollen nach dem Motto: „Rom oder Econe: Wer sind die Schismatiker?“ – Pagliarani, schismatische Antriebe von sich weisend und lediglich auf den nackten Überlebensnotstand seiner Bruderschaft pochend. Pagliarani möchte den Ball flach halten, ohne steile Dialogpässe, die er, wie gesagt, für Rohrkrepierer hält. In seinem Schreiben heißt es dazu: Aus „intellektueller Redlichkeit“ könne er „weder die Perspektive noch die Ziele akzeptieren“, die der Kardinal für die Wiederaufnahme des Dialogs vorschlage. Und man vernimmt es hier noch einmal rein von der intellektuellen Sache her: „wir beide“ wissen es doch besser. Denn: das zweite Vatikanische Konzil stelle nun einmal „kein Ensemble von frei interpretierbaren Texten dar: Es wurde seit sechzig Jahren von den aufeinander folgenden Päpsten nach präzisen lehrmäßigen und pastoralen Orientierungen aufgenommen, entwickelt und angewandt.“

Geschmeidige Formelkompromisse

Da sind, so versteht man Pagliarani, im Blick auf den hermeneutischen Spielraum der Konzilstexte via autoritativer Rezeption Grenzen gesetzt worden, über die sich Fernández, jedenfalls qua Amt der Glaubenswächter, nun mal nicht mit seiner privaten Passion für geschmeidige Formelkompromisse hinwegtäuschen möge. Die vatikanische Rezeptionsgeschichte des Konzils zeige, „dass der lehrmäßige und pastorale Rahmen, in den der Heilige Stuhl jede Diskussion stellen möchte, bereits festgelegt ist“. Fernández möge mal bitte nicht so tun, anders gesagt, als habe er keinen Begriff von den hierarchischen Aussageweisen der katholischen Kirche, ehrlicher als die Vorspiegelung von Diskursoffenheit ist so gesehen allemal das Eingeständnis: „Roma locuta“ auch in Sachen Konzilsrezeption, was nicht nur traditionalistisch von rechts, sondern natürlich auch progressistisch von links in der Kritik steht.

Doch gerade wenn es um das Notstands-Argument im Sinne eines institutionellen Überlebens der Traditionalisten geht, scheint die Rede des Piuspaters nur die halbe Wahrheit zu sein. „Die Bruderschaft ist eine objektive Realität. Sie existiert.“ Das ist die eine Seite der Wahrheit, die positivistische, wenn man so will: Es braucht Bischöfe, um den Fortbestand einer objektiven Realität zu sichern, ergänze: egal, in welcher kirchenrechtlichen Outcast-Form. Aber werden namentlich die tausenden kirchentreuen Laien in der wachsenden Anhängerschaft weiter bei der Stange bleiben, wenn sie sich auf einmal im zementierten Schisma wiederfinden? Dieser Aspekt des Notstands-Arguments wird von Pagliarani und seinem Generalrat gerade nicht ausbuchstabiert. Vorausschauend wird man das nicht nennen wollen.

Bei den geplanten Bischofsweihen, die nun durchgezogen werden sollen („wir beide wissen es“), gehe es bloß „um ein konkretes kurzfristiges Bedürfnis für das Überleben der Tradition“ (Pagliarani). Hier spricht eine sektiererische Strategie, die langfristig auf Abwehr setzt.