Es ist zu erwarten, dass Lou Jeanmonnot auf ihr exquisites Medaillen-Sandwich noch eine Scheibe drauflegen wird. Die französische Biathletin postete auf Instagram ein Foto, das schon mehr als 360.000 Menschen gefiel – ihr mit Abstand beliebtester Beitrag auf dem Kanal.
Das Bild zeigt Jeanmonnot mit aufgerissenem Mund bei einem symbolischen Biss in ein Brötchen. Statt aus Wurst- und Käsescheiben besteht der Belag aus dem Edelmetall, das sie bei den Olympischen Spielen bisher gewonnen hat: zweimal Gold, einmal Silber, einmal Bronze.
Im Massenstart an diesem Samstag (14.15 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zu Olympia 2026, in der ARD und Eurosport) zählt die Führende des Gesamtweltcups abermals zu den Favoritinnen auf einen Podiumsplatz. So wie Julia Simon, die bisher drei Goldmedaillen in Antholz gesammelt hat, so wie Océane Michelon, Zweite im Sprint, und so wie Justine Braisaz-Bouchet. Fünf Medaillen hatte die Sport-Tageszeitung „L’Équipe“ den Französinnen vor den Spielen zugetraut. Vor dem Finale sind es schon sechs.
Der Massenstart stellte die Trainer jedoch vor ein Luxusproblem: Vier Plätze haben sie, aber fünf Weltklasse-Athletinnen. Obwohl ihre Leistungen im Vergleich zu den Teamkolleginnen bei diesen Winterspielen weit abfallen, fiel ihre Wahl auf Braisaz-Bouchet, die Goldmedaillengewinnerin im Massenstart von Peking 2022, und gegen die Staffel-Olympiasiegerin Camille Bened.
Eine mutige Entscheidung. Doch verständlich: Bened hatte in der Staffel eine Strafrunde geschossen, Braisaz-Bouchet, die für die Staffel nicht aufgestellt worden war, wirkte im Training nach mehreren Ruhetagen wieder frisch.
Medaillen für AIN werden im Medaillenspiegel nicht aufgeführt. Aufgrund der Dopingmanipulationen, eines in manchen Ländern nicht oder nur unzureichend existierenden Kontrollsystems und der teilweise bislang nicht nachweisbaren verbotenen Substanzen übernimmt die Redaktion keine Gewähr für die Richtigkeit der Angaben. Eingefrorene Proben dürfen zehn Jahre lang nachkontrolliert werden. Mit dem endgültigen Ergebnis ist erst nach Ablauf der Verjährungsfrist 2036 zu rechnen.
Wer die Französinnen beim gemeinsamen Jubel auf dem Podium sieht, ahnt nichts von alldem. Die Siege in Antholz, aber auch bei den Weltmeisterschaften vergangener Jahre haben gezeigt, dass die Athletinnen trotzdem „funktionieren“, Spitzenleistungen in der Loipe und am Schießstand bieten, wenn es darauf ankommt.
Das funktioniert offenbar auch, weil sich die psychologische Arbeit der Trainer und Betreuer im Hintergrund bewährt. Julia Simon wird nicht müde, sich nach ihren Rennen bei jenen zu bedanken. Sie zahlt es mit Medaillen zurück. Der Norweger Johannes Thingnes Bö, der erfolgreichste Biathlet des vergangenen Jahrzehnts, nannte sie jüngst „die beste Staffelläuferin aller Zeiten“.
Zweimal lief Simon in Antholz auf dieser Position, erst im Mixed, dann im Frauen-Quartett. Sie als Schlussläuferin aufzustellen, an der Stelle, wo meistens der größte Druck ausgehalten werden muss, spricht ebenfalls für eine mutige Entscheidung. Immer wieder heißt es im Biathlon, das Schießen vor Tausenden Zuschauern, mit rasendem Puls und ratternden Gedanken, sei das ultimative „mental game“, eine Höchstbelastung für die Psyche.
Simon könnte sich Zeit lassen, in Ruhe das Gewehr vom Rücken holen, es in den Anschlag nehmen, atmen, zielen, abdrücken. Mais non. Sie brauchte für all das nur 44 Sekunden. 18,7 davon, um alle fünf Scheiben zu treffen. Kein Zögern, kein Abwarten, nur Treffen. Auch das erfordert Mut, das Risiko eines Fehlschusses in Kauf zu nehmen. Vielleicht ist dies der Schlüssel zum Teamerfolg der Französinnen: Courage.
