
In unserer Kolumne „Grünfläche“ schreiben
abwechselnd Oliver Fritsch, Christof Siemes, Stephan Reich und Christian
Spiller über die Fußballwelt und die Welt des Fußballs. Dieser Artikel ist Teil
von ZEIT am Wochenende, Ausgabe 08/2026.
Ich muss gestehen, dass ich die Olympischen Winterspiele
nur sporadisch verfolge. Ich habe zu Wintersport nie eine Beziehung entwickelt,
weder aktiv, und dann eben auch passiv nicht, und so wehen Sportarten wie
Biathlon oder Skispringen einfach an mir vorüber. Zumal mir in vielen dieser
Sportarten ein im weitesten Sinne Spielgerät fehlt, ein Ball, den man mal
jonglieren kann oder mit dem irgendein besonders begabter Wintersportmaradona
mal etwas macht, was ihm dieses Wunder Intuition eingeflüstert hat. Sportarten
ohne Spielgerät fehlt meiner Meinung nach der Anteil des Spiels, was sie für
mich im weitesten Sinne zu Arbeit macht, und Arbeit habe ich ja genug, ich
meine, genau in diesem Moment beispielsweise (in dem ich für diese Kolumne einspringe,
weil alle anderen Olympia schauen).
Wahrscheinlich ist das unfair, schon klar. Was ich an den
Olympischen Winterspielen aber genieße, sind die vielen kleinen schönen, skurrilen
Geschichten, die diese Sportarten angenehm nahbar machen. Der norwegische
Skirennfahrer Atle Lie McGrath etwa vergeigte seine sicher geglaubte Medaille
und reagierte darauf mit der einzig angemessenen Reaktion: Er stapfte frustriert
und einsam durch den Schnee in den angrenzenden Wald. Selten fühlte ich mich
einem Sportler so verbunden, habe ich doch mehrmals am Tag den Impuls, den
ganzen Scheiß einfach stehen und liegen zu lassen, um in einem Waldgebiet ein
neues Leben als Eremit zu beginnen. Im Curling, diesem ohnehin leicht
enigmatischen Sport, kam es unterdessen zum Skandälchen, weil ein kanadischer
Curler seinen Stein möglicherweise noch mit dem Zeigefinger gestreichelt hat.
Was folgte, war ein Wortgefecht, das der meditativen Natur des Curlings doch eher
konträr gegenüberstand. Eishockey-Star Leon Draisaitl wurde derweil im Spiel
gegen die USA auf der Ersatzbank dabei gefilmt, wie er eine Tüte Senf
auszuzelte. Das sei gut gegen Krämpfe, sagte er später, was ehrlicherweise wie
die Ausrede eines Mannes klingt, der sich ein wenig geniert, weil er manchmal
ganz gerne Senf ohne alles isst.
Der Biathlet Sturla Holm Lægreid wiederum nutzte sein
Interview nach dem Gewinn seiner Bronzemedaille kurzerhand, um der verblüfften
Öffentlichkeit einen Seitensprung zu gestehen. Der Trainer des finnischen
Skisprung-Teams, Igor Medved, betrank sich derweil auf der Medaillenparty des slowenischen Teams und wurde deswegen nach Hause geschickt. Und dann, mein
Favorit: Pünktlich zum Valentinstag waren die zehntausend kostenlosen Kondome,
die die Organisatoren seit 1988 traditionell im Olympischen Dorf auslegen, von
den Athletinnen und Athleten restlos aufgebraucht – nach etwa einer Woche.
Senf, Sex, Seitensprünge, Einsamkeit – den Olympischen
Spielen scheint nichts Menschliches fremd. Und allein deswegen lohnen sich die
Spiele schon für einen Wintersport-Legastheniker wie mich. Zumal sie eine
Erinnerung daran sind, warum Sport überhaupt toll ist. Wegen des Sports, klar,
aber eben auch wegen der ganzen Schleppe an Kuriosem, die er hinter sich
herzieht. Und die mir im Fußball immer häufiger fehlt. Zu gerne würde ich Florian
Wirtz dabei beobachten, wie er auf der Bank der Nationalmannschaft einen
kräftigen Zug aus der Curryketchup-Flasche nimmt, um das später verlegen mit Elektrolyten zu begründen. Wer wollte nicht dabei sein, wenn Joshua Kimmich
die Spieltags-Pressekonferenz kurzerhand in eine Paartherapie umwandelt? Und
man stelle sich vor, der nächste wackelnde Bundesligatrainer würde nach der bitteren Last-Minute-Niederlage einfach am Field-Interview vorbeistapfen, um im
nächstgelegenen Wald allein zu sein. Stattdessen bekommt man Interviewphrasen,
die man schon achttausendmal gehört hat und noch weitere achttausendmal hören
wird. Es ist zum In-den-Wald-Stapfen.
In diesem Sinne sind die Olympischen Spiele auf charmante
Weise erfrischend, nahbar, menschlich. Sport von Menschen, die eben nicht alle
drei Tage vor einem Millionenpublikum erklären müssen, woran et jelegen hat.
Werde ich also auf den letzten Metern der Olympischen Winterspiele doch noch zum Wintersport-Aficionado? Verzichte auf die
Bundesligakonferenz und stelle mich lieber mit Kuhglocke um den Hals und
Milka-Mütze auf dem Kopf an die innere Skischanze und denke laut „Ziiiieeeeh“,
wenn im ZDF der nächste Lebensmüde durch die Luft segelt? Sediere ich beim Langlauf
oder Curling selig von der Couch, während sich vor mir ein Sport vollzieht, den
ich eher im Achtsamkeitskurs an der VHS verorten würde? Lümmel ich mich mit
einem Glas Senf vor den Fernseher, wenn demnächst die Entscheidungen im Bobsport
anstehen?
Wohl eher nicht. Es sei denn, jemand wirft den Athleten
mal einen Ball in den Eiskanal oder auf die Schanze. Unmöglich scheint bei diesen
Winterspielen ja nichts zu sein.
