Das weiß ja jeder Mensch, der mit einem anderen Menschen in häuslicher Gemeinschaft lebt und schon mal einen heftigen Streit erlebt hat – also im Grunde jeder: Partnerschaftskonflikte sind meist dyadische Prozesse, die sich hochschaukeln, manchmal zu wüsten Beschimpfungen führen. Und im schlimmsten Fall enden sie mit Gewalt.
Meist ist es hinterher kaum möglich, klar zu sagen, was der Ursprung dieser Eskalation war. Und dennoch gehört es zum Ritual solcher Konflikte, sich auch noch gegenseitig die Schuld zuzuschieben. Das mag menschlich sein. Irritierend ist allerdings, dass es dieses Bedürfnis offensichtlich auch auf gesellschaftlicher Ebene gibt.
Dies zeigt sich jetzt erneut bei der Rezeption der Studie „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag“, die das Bundeskriminalamt in Kooperation mit dem Bundesfamilienministerium und dem Innenministerium vor wenigen Tagen vorgestellt hat. Bei dieser Studie wurden 15 000 Männer und Frauen im Alter zwischen 16 bis 85 Jahren nach ihren Gewalterfahrungen insbesondere im Partnerschaftsbereich befragt. Als Dunkelfeldstudie erfasste sie auch Taten, die nicht polizeilich gemeldet wurden. Sie gilt als die bislang methodisch beste Studie ihrer Art. Eines ihrer zentralen Ergebnisse ist, dass Männer und Frauen von den meisten Gewaltformen ähnlich häufig betroffen sind.
Der konditionierte mediale Reflex lautet: Wir brauchen mehr Frauenhäuser. Doch das reicht nicht als Antwort
Bezogen auf die vergangenen fünf Jahre waren Männer sogar häufiger (6,1 Prozent) als Frauen (5,2 Prozent) Opfer körperlicher Gewalt. Übers ganze Leben gesehen, haben Frauen häufiger Gewalt erlebt. Man beachte: Es geht hier um Partnerschaften, nicht um Straßenschlägereien.
Das ist ein für viele Menschen vermutlich überraschendes Ergebnis. Dennoch muss man lange suchen, um diesen Sachverhalt oder gar die konkreten Zahlen zur Gewalt an Männern in der Berichterstattung zu finden. Man könnte auch sagen: Männliches Leid wird ein wenig missachtet. Der mediale Reflex bei der Kommentierung von Studien zu häuslicher Gewalt ist weiterhin: Wir brauchen mehr Frauenhäuser! Diese Reaktion reicht nicht als Antwort.
Das bedeutet nicht, die Wahrnehmung umzudrehen und jetzt die Männer als die neuen Opfer zu präsentieren. Immer noch gilt, dass Männer härter zuschlagen, Frauen landen sehr viel häufiger mit schweren Verletzungen im Krankenhaus. Jedes Jahr töten Männer ihre Frauen, Frauen hingegen selten ihren Partner. Sie sind auch deutlich häufiger Opfer sexueller Übergriffe, wobei wenige Männer über solche Taten berichten.
Ist Schubsen bereits körperliche Gewalt? Wie verrechnet man Messerstiche gegen Faustschläge?
Auch werden sich Forscher und Forscherinnen weiterhin über die Dunkelfelder und Begriffe streiten: Ist Schubsen bereits körperliche Gewalt? Wie verrechnet man in der Statistik Messerstiche gegen Faustschläge? Doch das sind mittlerweile akademische Fragen. Die neue BKA-Studie reiht sich ein in eine umfassende internationale Studienlage, die belegt, dass beide Geschlechter ein Gewaltproblem haben.
Deshalb reicht es nicht, immer mehr Plätze in Frauenhäusern zu schaffen, um das Problem zu lösen. Das kann nur eine vorübergehende Notlösung sein. Genauso wenig reicht es aus, wenn man jetzt parallele Hilfsstrukturen für Männer schafft, obwohl diese als Opfer weiblicher Gewalt derzeit tatsächlich dramatisch unterversorgt sind.
Im Kern geht es um die Einsicht, dass bei Partnerschaftskonflikten die präzise Trennung zwischen Opfer und Täter oft nicht möglich ist. Wer am klassischen Täter-Opfer-Schema hängen bleibt – Mann böse, Frau gut – vernebelt die Sachlage. Besser wäre es wohl, dass ein Paar ein Problem gemeinsam angeht.
Mag sein, dass einschlägige Paartherapie ein Ansatz ist. Vielleicht sollte man bereits in der Schule lernen, Konflikte gewaltfrei zu lösen. Mehr Zivilisation ist jedenfalls möglich: Wie sonst ist es zu erklären, dass – verglichen mit früheren Generationen – heute kaum noch Eltern guten Gewissens ihre Kinder prügeln?
