Es ist der erste große Auftritt des deutschen Basketballs in diesem Jahr, nach den vielen Erfolgen, zuletzt dem EM-Triumph. Am Wochenende wird in München der erste Titel der Saison vergeben, der FC Bayern ist Gastgeber im Pokal-Top-Four-Turnier. Dann stehen sich am Samstag im 11 500 Zuschauer fassenden SAP Garden die Münchner und die Bamberg Baskets (16 Uhr) im ersten Halbfinale gegenüber, ehe Rekordpokalsieger Alba Berlin auf die Baskets Oldenburg trifft. Die beiden Sieger werden am Sonntag (16.30 Uhr) um die große silberne Vase kämpfen.
In München und Berlin sind die beiden Top-Platzierten im aktuellen Ranking der Bundesliga (BBL) dabei. Bamberg darf man als derzeitigem Tabellensiebten Überraschungspotenzial zurechnen, die Oberfranken standen im vergangenen Jahr im Pokalfinale und schalteten nun im Achtelfinale den Titelverteidiger aus, den Mitteldeutschen BC. Die Oldenburger kassierten am Mittwoch noch eine deftige 72:101-Pleite in Ulm und sind der klare Außenseiter.
Der turmhohe Favorit ist der Gastgeber. Der FCB ist der Liga meilenweit entrückt, führt das Klassement mit acht Punkten Vorsprung vor Berlin an und zeigt Parallelen zu den Fußballern. An Weihnachten sah das allerdings noch ganz anders aus, da waren die Bayern in eine veritable Formkrise gerutscht, neun Euroleague-Niederlagen in Serie beraubten den deutschen Meister aller Playoff-Chancen, das Team taumelte von einer schlechten Leistung zur nächsten. Trainer Gordon Herbert fehlte in dieser Zeit krankheitsbedingt, Co-Trainer T. J. Parker hatte den Klub verlassen, der groß angekündigte NBA-Import Spencer Dinwiddie brachte Unruhe ins Gefüge – die Mannschaft agierte kopflos.
Einen Tag vor dem Weihnachtsabend zogen die Münchner die Reißleine und präsentierten zur Überraschung vieler einen Altbekannten: Svetislav Pesic. Der war nach dem frühen EM-Aus mit Serbien als Nationaltrainer zurückgetreten und somit frei. Trotz seines Alters von 76 Jahren hat Pesic wenig von seinem Feuer verloren, aus dem Stand küsste er die schwächelnden Profis wach. Vereinfacht wurde die Aufgabe durch Pesics Vergangenheit: Der Serbe hatte den Verein bereits von 2012 bis 2016 sportlich verantwortet und 2014 zur ersten deutschen Meisterschaft geführt. Pokalsiege in Deutschland feierte er bisher allerdings nur mit Alba Berlin (1997 und 1999), ein Versäumnis, das er am Wochenende zu korrigieren gedenkt.
Im vergangenen Jahr scheiterte der FCB überraschend in der kleinen Halle in Weißenfels im Halbfinale am Gastgeber MBC
Der schwer erkämpfte 85:76-Sieg vom Dienstag gegen Außenseiter Frankfurt auf eigenem Parkett darf als Beleg gelten. Ging der holprige Sieg bei den Spielern als gerade noch gelungene Generalprobe durch, wütete Pesic ob einer zu schlampigen Herangehensweise seines Personals wie in besten Zeiten am Spielfeldrand. Er schimpfte, gestikulierte, legte sich mit den Referees an, brüllte Spieler nach Fehlern an und zeigte sich keineswegs erfreut über den Erfolg. Disziplinlosigkeiten, eine schlampige Einstellung oder Missachtung seiner Anweisungen waren dem Serben schon immer ein Gräuel. Pesic versteht es nicht, dass Spieler im Angesicht einer deutlichen Überlegenheit einen Gang zurückschalten.
Das ist die Grundlage seiner langen Erfolgsgeschichte, viel konnte er in der kurzen Zeit ohnehin nicht im Gefüge ändern. Aber ein paar sehr wirkungsvolle Details: Pesic schärfte dem Team eine aggressivere Defensivarbeit ein. Wer Fehler macht oder unaufmerksam verteidigt, sitzt auf der Bank. „Wenn wir über Defense sprechen, ist es die erste Aufgabe, gut organisiert zu sein.“ Bei Angriffen des Gegners gelte es für das gesamte Team, sofort in die Verteidigungsposition zu kommen: „Der Gegner darf keine Möglichkeit haben, daraus einen Vorteil zu ziehen, das kann er nicht, wenn wir fünf gegen fünf spielen.“ Die Transition, also das schnelle Umschalten von Abwehr in Angriff, ist ein Hauptbestandteil der Offensivtaktik von Pesic, noch wichtiger aber ist ihm, genau das beim Gegner zu unterbinden.
Zudem hat der Serbe das Reboundspiel als Schwäche ausgemacht. Erster Profiteur ist Center David McCormack. Der muskelbepackte 2,08-Meter-Hüne war bereits vor dem Absprung, unter Pesic hat er sich einen Platz in der Startformation erkämpft. Auch Andreas Obst, schon zu Krisenzeiten einer der wenigen Lichtblicke, zeigte eine signifikante Leistungssteigerung. „Wir spielen für ihn, ich vertraue auf ihn“, sagt Pesic, doch das sei zweitrangig: „Viel wichtiger ist, dass die Teamkollegen ihm vertrauen, sie spielen für ihn, so entwickelt sich auch ein Teamspirit.“
Dinwiddie ist in den USA geblieben, Pesic hat der Mannschaft Struktur und Ordnung gegeben, das sieht auch der Hochgelobte so: „Für uns als Mannschaft ist alles klarer, wir wissen, was wir spielen sollen, für wen wir es spielen, und das zeigt sich auf dem Feld“, sagt Obst. Die klaren und einfacheren Vorgaben helfen den Spielern, erklärt Obst, „das ist unsere Philosophie, unser Ablauf, dann finden wir unsere Stärken aus dem System heraus“.

Obst ist nicht nur wegen seiner starken Leistungen ein Thema, er hält den Dreierrekord in der Euroleague und hat kürzlich mit 37 Punkten eine neue Bestmarke für einen deutschen Spieler aufgestellt. Aber sein Vertrag läuft im Sommer aus, derzeit häufen sich die Gerüchte um millionenschwere Angebote. „Obst muss bleiben“, sagte Pesic lapidar, Präsident Herbert Hainer erklärte ihn gar zum Gesicht des FC Bayern – wohlgemerkt des Gesamtvereins. Dass die Münchner an die finanzielle Schmerzgrenze gehen werden, hat der Präsident bereits angekündigt, der 28-Jährige fühlt sich geehrt, hält sich aber bedeckt: „Das bedeutet mir sehr viel. Es ist meine fünfte Saison hier, ich habe mich immer unglaublich mit dem Verein identifiziert. Es macht mich sehr stolz mit dem Logo auf der Brust zu spielen.“ Es gebe aber keinen Zeitplan bezügliche einer Entscheidung, so Obst: „Natürlich läuft nebenbei ein bisschen was, aber ich habe gesagt, Leute lasst mich doch erst mal ein bisschen Basketball spielen. Dann werden wir sehen, was passiert.“
Davon, was am Wochenende passieren soll, hat der FC Bayern eine klare Vorstellung, zumal Präsident Hainer dem FCB-Anhang versprochen hat, den Fauxpas der vergangenen Saison zu korrigieren. In der Weißenfelser Stadthalle, dem kleinsten Bundesliga-Standort, an den die BBL nicht ohne Kritik das Finalturnier vergeben hatte, war sein Team überraschend im Halbfinale am späteren Pokalsieger MBC gescheitert.
Die Liga indes tut gut daran, sich neuerlich in die Hände der Münchner zu begeben, denn der FC Bayern ist nicht nur sportlich die Lokomotive, die die BBL zieht. Der brandneue SAP Garden ist der derzeit wohl schmuckste Sporttempel hierzulande, beide Tage sind so gut wie ausverkauft, und auch das Rahmenprogramm ist meisterlich. Unter anderem gibt es im Umlauf der Halle das „BBL-Museum“, eine Historienschau rund um den Basketball und dessen Legenden. Ein weiteres Kapitel wollen die Bayern am Sonntag schreiben.
