Debatte um abgesagte Lesung: Krah, krah, krah

Es ist natürlich mitnichten ein unpolitisches Buch, wie im Vorfeld vorgebracht, „Die Reise nach Europa“, wäre es auch dann nicht, wenn nicht der Name des rechtsradikalen AfD-Politikers Maximilian Krah auf seinem Cover prangte.

Die Ausgangslage des Romans um einen entwurzelten Juristen ist eindeutig, Dekadenz und Moderne werden aufs Tapet gebracht und ausgerechnet dem aktuell durch Vergewaltigungsvorwürfe etwas in Misskredit geratenen europäischen Adel wird hier nachgetrauert. Sudeten- und Baltendeutsche sprechen, dazu kommen ein paar gut gesetzte Provokationen und langatmige historische Auslassungen. Das lese, wer wolle. Über Krah, der gern mit SS-Verharmlosungen auffällt, sind bereits genügend Abgründe bekannt, als dass die Europareise noch Empörungspotenzial böte.

Krah und sein Protagonist teilen einige biografische Details, daher fühlt sich Ersterer wohl genötigt, auf der ersten Seite festzuhalten: Ich bin das nicht. Schade eigentlich, womöglich wäre Europa besser dran, wäre Krah bloß ein Rechtsanwalt mit Minderwertigkeitskomplex.

Wäre Krah nicht, wer er ist, würde über den Roman allerdings auch kaum jemand reden. Der Wiener Castrum Verlag ist ein Kleinverlag, der bevorzugt Autoren verlegt, die man in der Szene vielleicht als Grenzfälle einstuft. Den Incel-Flüsterer Sebastian Schwaerzel etwa, der die Zuschreibung rechts ablehnt.

Nun hat die Leipziger Buchmesse also die Veranstaltung des Verlags mit Krah abgesagt. Aufgrund von Sicherheitsbedenken – was nicht überrascht, denkt man an die Tumulte am Antaios-Stand auf der Frankfurter Buchmesse 2017 zurück. Auf einige Linke mit Tomaten in der Tasche hätte man auch in Leipzig wohl zählen können.

Krah sieht sich gecancelt, kann so ausgiebig Promo machen für seinen bald erscheinenden Roman. Auch die Rechten können werben für ihre eigene Buchmesse, die im November erstmals in Halle stattfand und wo auftreten durfte, wer nur verschmitzt genug den Holocaust infrage stellte.

Man kann das ironisch finden, dass Rechtsradikale wie Krah die Beschneidung ihrer Rechte beklagen, während sie in ihren Parteiprogrammen die Beschneidung der Rechte von Millionen fordern. Vor allem tut sich in der Causa jedoch das alte journalistische Problem auf: Auch schlechte Werbung ist Werbung.