Er
wollte vorbereitet sein. Am Mittwoch vor der Eröffnungsfeier der
Olympischen Spiele ging Rick Maese in Mailand eine Flasche Wein kaufen.
Einige Minuten zuvor hatte er eine Mail bekommen: Man werde gleich große Veränderungen für die Redaktion verkünden. Mit Les Carpenter, seinem Kollegen, wählt er sich in Zoom ein. Dann geht es los.
Maese und Carpenter sind Sportreporter der Washington Post. Große Häuser wie ihres mieten bei Olympischen Spielen im internationalen Pressezentrum eigene Räume an, mit mehreren Schreibtischen, Stühlen, Bildschirmen. Die meisten Plätze im Raum der Post sind während der Zoom-Konferenz leer. Nur die beiden und ein befreundeter Reporter aus Kanada sind da. Sie erfahren, dass mehr als 350
Stellen gestrichen werden. Besonders betroffen: Fotografen, die
Literaturkollegen und der Sport. Binnen einer Stunde werde jeder eine
Mail bekommen und erfahren, wie es weitergeht.
Maese schenkt sich nach.
Minütlich aktualisieren beide ihr Postfach. Plötzlich, so sagt es Maese, höre er von Carpenter ein „Oh mein Gott“. Da muss er gar nichts weiter fragen. Ihre Chatgruppe mit den Kollegen explodiert:
„Eliminated.“
„Eliminated.“
„Eliminated.“
Einer schreibt: „Ich habe einen neuen Job, ich bin Sportreporter für die Post. Scherz: Eliminated.“
Auch Carpenter ist raus. Maese darf bleiben. „Glückwunsch“, sagt Carpenter zu Maese, der nicht glücklich ist, „überhaupt nicht“. Sein Gedanke die nächsten Stunden: „Shit, was wird aus meinen Freunden?“
Ein beispielloser Kahlschlag
Als Rick Maese die
Ereignisse, die eine der renommiertesten Zeitungen der Welt für immer
verändern werden, eine Woche später erzählt, macht er immer wieder
Pausen, um sich zu sammeln. Er frage sich noch immer: „Ist das wirklich passiert?“ Mehr als 40 Sportredakteurinnen und -redakteure arbeiteten bis zu diesem Februarmittwoch für die Washington Post. Seitdem sind es noch drei.
Amazon-Gründer Jeff Bezos hat die Post vor 13 Jahren für 250 Millionen US-Dollar gekauft. 2017 sagte er noch, man könne eine Zeitung nicht verkleinern und gleichzeitig hoffen, dass sie relevanter wird. Nun hat er seine Zeitung geschrumpft und eine der besten Sportredaktionen der Welt plattgemacht. Offiziell, so heißt es, um danach wieder zu wachsen. Natürlich ist der Autor dieses Textes befangen, aber es ist wohl nicht übertrieben, die Kündigungen bei der Post als einen Kahlschlag zu bezeichnen, der über den Sport und die Medienbranche der USA hinausragt.
Erst hat Bezos verhindert, dass sich die Post vor den Präsidentschaftswahlen für Kamala Harris ausspricht, dann hat er der Meinungsseite Vorgaben gemacht: Künftig werde nur noch über persönliche Freiheiten und freie Märkte kommentiert. Und nun feuerte er fast die Hälfte seiner Redaktion. Es ist ein beispielloser Vorgang, der im Trump-Amerika besondere Brisanz bekommt. Wo weniger Journalisten sind, bleiben kritische Fragen mehr und mehr aus. „In den USA wächst die Sorge, dass die anderen Gewalten ihre Funktion der Checks and Balances nicht mehr wahrnehmen. Aber die vierte Gewalt darf nicht
aufhören damit, die Washington Post darf nicht aufhören damit“, sagt Rick Maese.
„Es wird News geben, wenn ihr in Mailand seid“
Er und die anderen
Sportjournalisten der Post haben die Welt mithilfe des Sports erklärt.
Im Sport werden ja alle gesellschaftlichen Fragen und Geschichten
verhandelt: Erfolg und Drama, Körper und Geist, Gier und Missgunst,
Rassismus und Teilhabe, Migration und Umwelt, Doping und Korruption. Weil der Sport Menschen anders berührt, als es die Zahlen des Dow Jones tun, erwarten Leser des Sportteils Journalisten, die genau hinschauen. Journalisten wie Maese.
Die Gerüchte, dass in der Redaktion Jobs bedroht sind, gibt es seit Oktober. Zwei Wochen vor den Spielen wird ein
Vorbereitungsmeeting abgesagt. Es heißt nun, die Post werde keine
Journalisten zu den Spielen schicken. Ein Schock, Maese und seine
Kollegen wollen sich damit nicht abfinden. „Die Spiele und ihre
Geschichten bedeuten mir etwas“, sagt er zu seiner Frau. Er will auch
deshalb nach Italien,
weil es vielleicht seine vorerst letzten Spiele werden. Sie versteht
ihn, sie arbeitet ebenfalls als Reporterin für die Post. Als sie 2011 in
Japan reisen waren und ein Tsunami auf Fukushima traf, wechselten beide für ihre Zeitung vom Urlaubs- in den Arbeitsmodus.
Ihr
Protest wirkt. Ihr könnt fahren, sagt man ihnen, aber es werde News
geben, wenn ihr in Mailand seid. Alle verstehen den Subtext: Ihr könntet
während der Olympischen Spiele euren Job verlieren. Als es so weit ist, dürfen die vier in Italien wählen, ob sie nach Hause kommen möchten. Maese bleibt. Carpenter, der entlassen wurde, macht ebenfalls in Italien weiter. Ihr Ressortleiter, der bald keiner mehr ist, arbeitet weiter. Andere sind gar nicht erst angereist.
Maese zeigt auf seinem Handy ein Apartment in Bormio mit mehreren
Betten, aber nur einem Koffer: „Falls du wen kennst, der ein Zimmer
braucht, sag Bescheid.“ Obwohl er die Plattform nicht mag, teilt er gerade viele Artikel seiner Kollegen auf X. „Ich will, dass sie neue Jobs finden.“
