Der Mensch liebt Geschichten. Besonders die von Intrigen und Machtkämpfen. Und besonders dann, wenn sie gut erzählt sind. Was könnte da besser sein als Geschichten aus dem echten Leben? Streamingdienste wie Netflix oder Amazon Prime haben das längst erkannt. Alle paar Monate erscheint hier eine neue Doku. Mal geht es um Gier, mal um Machtmissbrauch, mal um toxische Unternehmenskulturen. Manchmal auch um Skandale in großen, börsennotierten Unternehmen. Aufgearbeitet mit Archivmaterial, Interviews und passenden Cliffhangern ziehen sie die Zuschauer unwiderstehlich in ihren Bann. Wer einmal anfängt, bleibt meistens dran, Folge für Folge.
Dabei ist das Erzählte selten wirklich neu. Die Fakten sind bekannt und die Gerichtsprozesse abgeschlossen. Das Gesehene sollte deshalb an der Börse keine Rolle mehr spielen. An den Finanzmärkten gilt eine einfache Annahme: Öffentliche Informationen sind schnell eingepreist. Oder anders ausgedrückt: Ist ein Skandal bekannt, sollte er sich längst im Aktienkurs eines Unternehmens niedergeschlagen haben. Denn der Markt, so jedenfalls die Theorie, reagiert schnell und effizient. Er lässt sich nicht noch einmal überraschen, schon gar nicht von der Nacherzählung eines längst bekannten Falls. Und damit könnte der Text an dieser Stelle enden. Nur stimmt diese Theorie offenbar nicht ganz.
Die Wahrheit ist: Alte Unternehmensskandale können durchaus noch Jahre später ihre Wirkung entfalten. Das zeigt eine neue Studie der Universität Regensburg. Die Wissenschaftler untersuchten zwölf Netflix-Skandal-Dokumentationen über börsennotierte Unternehmen und analysierten die Kursentwicklung der jeweils betroffenen Aktien – vor und nach Veröffentlichung. Zu den ausgewählten Filmen gehörten unter anderem Dokumentationen über den Abgas-Skandal bei Volkswagen, über die Abstürze zweier 737-Max-Maschinen von Boeing sowie über das Modelabel Abercrombie & Fitch und dessen umstrittene Unternehmenskultur, die über Jahre hinweg heftig kritisiert worden war.
Die meisten Fakten waren vor den Veröffentlichungen auf der Streamingplattform längst bekannt. Und doch reagierten die Aktienmärkte erstaunlich empfindlich. Nach der Veröffentlichung fielen die Kurse bei zehn der zwölf Unternehmen. Und zwar deutlich. Im Schnitt verloren die Aktien innerhalb von drei Monaten etwa 15 Prozent ihres Werts. Besonders hart traf es Abercrombie & Fitch: Der Kurs fiel nach der Veröffentlichung um 72 Prozent.
Allerdings ist die Stichprobe der Studie klein, und viele der untersuchten Aktien befinden sich in der Hand von Privatanlegern. Doch ein Befund bleibt. Der Markt reagiert nicht nur auf neue Informationen, sondern auch auf alte Geschichten. Dokumentationen funktionieren eben anders als schnelle Nachrichten. Sie rufen Bekanntes wieder ins Gedächtnis und verdichten es für ein Millionenpublikum. Und so dürfte so mancher Vorstand inzwischen nervös durch die eigene Unternehmensvergangenheit scrollen. Nicht aus Angst vor neuen Enthüllungen. Sondern weil die nächste gut gemachte Nacherzählung von der eigenen Firma handeln könnte.
