Italien: Mann wirft Gold in den Müll – Gesellschaft

Man kann Marie Kondo, die japanische Aufräumkönigin, doof finden, weil ihr Postulat, sich von möglichst vielen Dingen zu trennen, radikal ist und nicht sehr nachhaltig. Aber ein Tipp ist dann doch wertvoll. Sie rät, Dinge, bei denen man nicht weiß, ob man sie behalten soll, in die Hand zu nehmen, zu prüfen und sich zu fragen: „Does it spark joy?“ Bereitet mir das Freude? Nein? Weg damit! Wegwerfen als ein bewusster Akt.

Hätte das doch der Italiener aus Torre Lapillo in Apulien beherzigt, der gerade 20 Goldbarren im Wert von 130 000 Euro in einen Müllcontainer geworfen hat. Der 57-Jährige hatte sie in einer Büchse aufbewahrt, die er, ohne einen Blick auf deren Inhalt zu werfen, entsorgte. Tags darauf fiel ihm ein, dass das sehr dumm war, da war der Müll schon abgefahren. Die alarmierten Carabinieri wühlten sich furchtlos durch die Deponie – und fanden die Büchse, die zwar zerbeult war, aber immer noch voll Gold.

Schön doof, denkt man da, wer wirft denn so etwas Wertvolles weg? Ein Haufen Leute muss man nach einem Blick ins Archiv sagen. Da findet sich James Howells aus Wales, der 2013 eine Festplatte entsorgte, auf der 8000 Bitcoins und das Passwort dazu gespeichert waren. Heute wären sie 450 Millionen Euro wert. Zwölf Jahre lang suchte er die Deponie von Newport ab, im vergangenen Jahr gab er auf. Die Festplatte bleibt unter 1,4 Millionen Tonnen Müll begraben. Eine Frau aus Virginia rettete einen Lottoschein aus dem Müll, der ihr 110 000 Dollar brachte, eine Frau aus Kentucky ein 80 000-Dollar-Rubbellos. Eheringe, Diamanten, Geldbündel wurden weggeworfen – und zuweilen wiedergefunden.

Ein eigenes Genre des achtlosen Wegwerfens ist der Kunstmüll. Im niederländischen Lisse entsorgte ein Techniker zwei Bierdosen, ein Kunstwerk von Alexandre Lavet. In Italien warf eine Putzfrau zwei Mülleimer weg, eine Skulptur von Paul Branca. Andere berühmte Entsorgungswerke: ein gefüllter Aschenbecher von Damien Hirst, ein großformatiges Bild des Künstlers Keiji Usami in der Universität Tokio, eine Installation aus leeren Flaschen und Crackern von Goldschmied & Chiari in Bozen. Bis auf Usamis Bild konnte alles gerettet werden.

Natürlich hatte sich die Kunst da längst ihrer selbst angenommen. Gavin Turk, der zu den bedeutendsten englischen Künstlern der Moderne gehört, hat Skulpturen geschaffen, die wie Müllsäcke aussehen, aber schwarz lackierte Bronzeklumpen sind. Vergangenen Oktober wurden fünf davon für 112 000 Euro bei Sotheby’s versteigert. Turk sieht sie als Impuls, den eigenen „verschwenderischen Konsum“ zu hinterfragen. „Wir definieren uns durch das, was wir wegwerfen, und umgekehrt werden wir durch das dekonstruiert, was wir in unseren heiligen Museumssälen ausstellen.“ Menschen sollten über den Wert von Kunst nachdenken. Schon landet man wieder bei Marie Kondo. Ihr „Does it spark joy?“ ließe sich demnach wohl am besten übersetzen mit: Ist das Kunst oder kann das weg?