Das olympische Eishockey-Turnier hat alles zu bieten, was diesen Sport faszinierend macht: Rasanz, Raffinesse, Rigorosität. Doch die Deutschen dürfen nicht mehr mitmachen, und das zu Recht. Sie erreichten lediglich in kurzen Momenten jenes Qualitätsniveau, das auf einer solchen Bühne Voraussetzung ist.
Wer die Partien sah, die auf die Niederlage des Teams von Bundestrainer Harold Kreis gegen die Slowakei folgten, konnte erkennen, woran es der deutschen Auswahl mangelte: Die Begegnungen zwischen Kanada und Tschechien (4:3) sowie den USA und Schweden (2:1) waren Eishockey-Werbeshows in Überlänge – Last-minute-Glückseligkeit und Tränen der Enttäuschung inklusive. Dass nahezu alles, was aktuell in der nordamerikanischen Profiliga (NHL) Rang und Namen hat, in Mailand dabei ist, wertet die Winterspiele auf – und zeigt dem Deutschen Eishockey-Bund (DEB), wie weit sein Männerteam von der Spitze entfernt ist.
Medaillen für AIN werden im Medaillenspiegel nicht aufgeführt. Aufgrund der Dopingmanipulationen, eines in manchen Ländern nicht oder nur unzureichend existierenden Kontrollsystems und der teilweise bislang nicht nachweisbaren verbotenen Substanzen übernimmt die Redaktion keine Gewähr für die Richtigkeit der Angaben. Eingefrorene Proben dürfen zehn Jahre lang nachkontrolliert werden. Mit dem endgültigen Ergebnis ist erst nach Ablauf der Verjährungsfrist 2036 zu rechnen.
Von Leon Draisaitl wird vor allem das Bild des Fahnenträgers im Regenponcho bleiben. Auf dem Eis entsprach sein Einfluss trotz der Tore und Vorlagen den Erwartungen nicht. Ihm misslang es, die anderen durch sein Zutun besser zu machen. Kreis setzte über weite Strecken auf eine NHL-Achse, vertraute der ersten und zweiten Reihe in einem Maße, das Alternativen marginalisierte.
Fehlender Kollektivgedanke beim DEB-Team
Ein Wettbewerb unter maximalem Druck verlangt jedoch nach mehr Linien, die Verantwortung tragen. Für die Spieler aus der Deutschen Eishockey Liga (DEL) wurde die Situation zur Frusterfahrung: Kai Wissmann, Jonas Müller, Lukas Kälble oder Marc Michaelis agierten fehleranfällig. Sie verloren die Scheibe in Momenten, in denen sie auf diesem Niveau nicht verloren gehen darf.
Ob ihnen das Vertrauen fehlte oder ob der Bundestrainer ahnte, dass ihre Grenzen gegen die Weltelite offengelegt würden, ist müßig zu erörtern, weil es zur gleichen Erkenntnis führt. Die DEL definiert ihren Status gern über Zuschauerzahlen und wirtschaftliche Stabilität. In Mailand zählt beides nicht. Bei den Olympischen Spielen lautet die Frage, ob Tempo, Handlungsschnelligkeit und Präzision internationale Spitzenklasse darstellen. Die Antwort fiel für die Deutschen ernüchternd aus.
Am Ende lagen die Ursachen neben individuellen Defiziten auch in konzeptionellen Schwächen. Die DEB-Auswahl bestand aus Profis, die auf dem Eis nie einen Kollektivgedanken entwickelten. Moritz Müller brachte es als Erster treffend auf den Punkt, als er feststellte, man verfüge über gute Spieler, aber nicht über eine gute Mannschaft. Zwischen Talent und Teamgeist liegen Organisationsarbeit, Rollenklärung und die Bereitschaft, Abläufe bei Bedarf zu justieren.
Es war Kreis’ Versäumnis, dass er die Notwendigkeiten nicht entschlossener vermittelte. Damit ist die Debatte aber nicht erledigt. Wer perspektivisch zumindest ein bisschen aus dem langen Schatten von König Fußball treten will, benötigt mehr als symbolische Bilder. Er braucht ein Konzept für die Generation von morgen, das internationale Maßstäbe reproduziert, statt sie lediglich zu bestaunen. Die Tage in Mailand stellten für das deutsche Eishockey keinen Ausrutscher dar: Sie waren eine realistische Standortbestimmung.
