Das iranische Kino der Gegenwart war in den letzten Jahren ein starker Faktor auf der Berlinale. Aktuell kann es das nicht mehr wirklich sein. Zu brutal ist die Repression auch gegen die iranische Kunst- und Kulturszene. Ein Regisseur wie Jafar Panahi gewann zuletzt mit „Ein einfacher Unfall“ die Goldene Palme der Filmfestspiele von Cannes 2025.
Er drehte die Groteske heimlich und ohne Genehmigung in Iran, inspiriert auch wohl von seinem letzten Gefängnisaufenthalt. Mit dem Thriller nahm er auf humorvolle und unterhaltsame Weise filmisch Rache an einem Regime, das zum Erhalt seiner Herrschaft ungeniert massenmörderisch agiert, wie sich jetzt zum Jahreswechsel 2025/26 erneut zeigte.
Zusammen mit dem inzwischen im Hamburger Exil lebenden Regisseur Mohammad Rasulof (verurteilt in Iran zu acht Jahren Haft und zusätzlich zu Peitschenhieben) gab Panahi eindeutige Statements ab. Beide solidarisierten sich mit den Protesten in Iran im Januar. Und wie andere zeigten auch sie sich in ihren Erklärungen vom ausgeübten Massenterror der Klerikalfaschisten entsetzt.
„Cesarean Weekend“:
Do.19.2., 17:30 Uhr, Delphi Filmpalast
Sa.21.2., 20:00 Uhr, Cubix 8
„Roya“:
Mi.18.2., 21:30 Uhr, Urania
Do.19.2., 10:00 Uhr, Cubix 9
Fr.20.2., 19:00 Uhr, Cubix 7
Sa.21.2., 10:15 Uhr, Colosseum 1
So.22.2., 10:00 Uhr, Cubix 9
Immerhin schafften es dennoch zwei kleinere Produktionen mit iranischem Background auch 2026 zumindest in Nebenreihen des Berliner Festivals. Die Spielfilme „Roya“ (Panorama) von Mahnaz Mohammadi und „Cesarean Weekend“ (Forum) von Mohammad Shirvani könnten dabei von ihren ästhetischen Anlagen her kaum unterschiedlicher sein.
Gefangen in Evin
So setzt „Roya“ ganz und gar auf Realismus, die filmische Nachempfindung eines Traumas, das eine jüngere Frau erlitt, als sie ins berüchtigte iranische Evin-Gefängnis in Teheran verschleppt wird. Mohammadis Regie stellt möglichst authentisch Szenen nach, die sich in dem vom iranischen Geheimdienst betriebenen Isolier- und Foltertrakt des riesigen Evin-Gefängniskomplexes zutragen.
Der Spielfilm zeigt, wie die Lehrerin Roya (dargestellt von Melisa Sözen) unter Erniedrigung und Folter gezwungen werden soll, ihrer oppositionellen Haltung vor laufender Videokamera, abzuschwören. Und wie sehr sie in einer Zwischenphase im Hausarrest mit elektronischer Fußfessel über die weiter drohende Verschleppung durch den iranischen Sicherheitsapparat leidet.
Mahnaz Mohammadi ist eine iranische Regisseurin, die selbst im Evin-Gefängnis inhaftiert war. Die mehrfach verurteilte engagierte Menschenrechtsaktivistin ist in Iran mit Berufsverbot belegt. Bislang hatte sie überwiegend Dokumentarfilme produziert. Laut Presseheft hat Mohammadi „Roya“ ohne Genehmigung und heimlich gedreht.
Der Mut der oppositionellen iranischen Kulturszene und einer Filmemacherin wie ihr ist herausragend und bewundernswert. Dennoch ist an „Roya“ aus filmischer Sicht zu hinterfragen, ob das Werk nicht zu sehr der dokumentarischen Form verhaftet bleibt? Der naturalistische Stil setzt sehr darauf, beim Publikum emotionale Betroffenheit hervorzurufen und es von den Grausamkeiten des Islamistenregimes zu überzeugen.
Moralisch und politisch ist das völlig nachvollziehbar, doch ästhetisch schränkt sich die Regisseurin dadurch in ihren Mitteln erheblich ein. Der Spielfilm als Medium böte ästhetische Freiheiten, die den Bildern der Unfreiheit entgegengesetzt werden könnten, hier aber doch relativ ungenutzt bleiben.
Am Kaspischen Meer
Das gegenteilige Verfahren wendet Mohammad Shirvani in seinem absurd-surreal anmutenden Spielfilm „Cesarean Weekend“ an. Sein Film wirkt eher über Atmosphärisches, den Sound, allegorische Bild- und Körpersprache. Die aufgerufene Ästhetik dominiert über einen wie auch immer realistischen Plot.
Fuck your existence – zwei ältere Herren treiben im Swimmingpool und palavern
„Fuck your existence“ – zwei ältere Herren treiben im Swimmingpool und palavern in einem seltsam entrückten selbstbezüglichen Diskurs. Umgeben und beobachtet werden sie von jungen Frauen und Männern, die passiv am Beckenrand lungern.
Die Dialoge der älteren Männer im Pool sind dramaturgisch unterlegt und unterbrochen vom Livespiel eines Folkmusikers, was die Künstlichkeit der gesamten Situation noch erheblich steigert. Das Treibgut im Wasser, die zwei Älteren – der eine stark behaart, der andere bohemehaft mit Hut – sind der anwesenden Jugend offenbar völlig fern.
Kein Leid, kein Spektakel
„Ich wollte keinen Film machen“, sagt Regisseur Shirvani, „der die Situation in Iran erklärt oder das Leiden zum Spektakel macht.“ Symbolisch überspitzt und unwirklich scheint tatsächlich vieles in diesem „Cesarean Weekend“. Das Verhältnis zwischen den Generationen ist gestört, und das zwischen Frau und Mann ohnehin.
Zwei extrem schlanke junge Männer laufen albernd rückwärts, im iranischen Kontext fast schon aufreizend nackt, nur mit Badehose bekleidet, Richtung Strand zum Ufer des Kaspischen Meers. Sie benehmen sich linkisch, kindisch, tollen herum, zelebrieren ihre männliche Freundschaft. Sie schlagen Purzelbäume auf abgemähten Feldern und krabbeln auf allen Vieren zwischen Schafen herum. Unwirklich geistern sie durch die Ruinen verlassener Orte und Landschaften, sind Teil dieser alles wieder überwuchernden Natur.
Die junge städtische Frau erwartet ein Baby. Das schon geborene Kleinkind tappt, von den von sich selbst faszinierten Männern in den Badehosen vergessen und unbeachtet, in die Wellen des Kaspischen Meers. Versinkt es darin oder doch nicht? Die Wackelkamera deutet manches nur an, vieles bleibt assoziativ, vage.
Es ist ein rätselhaftes Wochenende in diesem Sommerhaus in der Nähe des Kaspischen Meers im Norden Irans, in das sich diese Stadtgesellschaft mit ihren paternalistischen Konflikten begeben hat. In theatral überzeichneten Szenen legt der Spielfilm diese bloß, um sie mit den im Schwimmbecken als einer Art Agora planschenden Vätern ad absurdum zu führen.
Anklänge an Godard
„Cesarean Weekend“, erinnert an Jean-Luc Godards „Weekend“, das filmische Meisterwerk nihilistisch-pointierter Gesellschaftskritik von 1967 – und erweitert dieses hier aktuell um eine iranische Variante. Doch zeigt der cäsarische Despotismus des Teheraner Islamistenregime nun zum Jahreswechsel 2025/26 eine in diesem Ausmaß kaum für vorstellbar gehaltene Gewalt.
Vor dieser tritt auch die Kunst paralysiert zurück. „Zum jetzigen Zeitpunkt der Premiere des Films“, sagt der Filmer Shirvani, „hat das Land ein historisch beispielloses Massaker an Protestierenden erlebt, ist von einer Brutalität umgeben und gefangen, die den Einwohnern weder Schutz noch Würde bietet.“
Für Donnerstagnachmittag (19. 2.) hatte die Berlinale eine Solidaritätsveranstaltung mit den Regisseuren Panahi und Rasulof angekündigt. Sie wurde inzwischen wieder abgesagt. Ob der Zehntausenden in Iran Ermordeten, Verletzten und in Folterknäste Verschleppten fehlen auch den Unerschrockensten derzeit offenbar die Worte.
