Mit dem Einzug ins Halbfinale wurde es nichts, in den Herzen der Olympia-Fans ist das Curling-Team aber angekommen. Marc Muskatewitz und Co. sind völlig zu Recht die Helden der deutschen Wohnzimmer.
Zugegeben: Wären die Olympischen Spiele ein Schulhof, man würde die Curler eher nicht in der Ecke der coolen Kids suchen. Die Snowboarder hätten dort allein schon wegen ihrer Lässigkeit einen Stammplatz. Die Eisschnellläufer sind ebenfalls gerne gesehen, weil sie mit ihren XXL-Oberschenkeln wohl selbst Wassermelonen knacken können. Und dann erst die Biathleten. Schaut mal, die dürfen sogar mit einer Waffe rumlaufen!
Bei einem genaueren Blick auf die Talente und Charakter-Eigenschaften, und darauf kommt es im Leben wie im Sport ja an, klettert das Curling-Team in der Street-Credibility-Nahrungskette dann aber doch ganz schnell ganz weit nach oben. Die einen mögen höher springen, die anderen sind wahnsinnig schnell oder räumen auf dem Kirmes-Schießstand garantiert den größten Plüschbären ab. Warum trotzdem die Curler die wahren Popstars dieser Winterspiele sind, haben die vergangenen Tage wieder einmal eindrucksvoll bewiesen.
Man denkt: Das könnte ich doch auch
Marc Muskatewitz, Benjamin Kapp, Felix Messenzehl, Johannes Scheuerl und Mario Trevisiol klingen nicht nur wie die Gewinner einer bayrischen Deutschland-sucht-den-Superstar-Version. Ihnen flogen bei den Olympischen Spielen tatsächlich aus zahlreichen deutschen Wohnzimmern die Herzen nur so zu. Dass es die Curling-Boyband nicht in den Recall, bei Olympia offiziell Halbfinale genannt, schafften, ist tragisch und traurig. Helden dieser Spiele sind sie trotzdem. Und das hat gleich mehrere Gründe.
Zunächst einmal erscheinen die Curler einfach herrlich bodenständig. Jeder Ottonormal-Zuschauer dürfte sich schon einmal bei dem Gedanken ertappt haben, dass er das, was diese Curler da im Eisstadion von Cortina treiben, auch könnte. Ein bisschen Wischen, ein paar Steine schieben, und zack: bei Olympia dabei. Muskatewitz und Co. leben den Traum eines jeden Couch-Potatoes und geben Anlass zur Hoffnung. Man müsste sich nur mal aufraffen und wäre einer Olympischen Medaille plötzlich sehr nah. Aber morgen ist ja auch noch ein Tag.
Curling sorgt für große Gefühle
Dass diese Annahme bei gerade einmal 750 aktiven Curling-Athleten in Deutschland auf der einen Seite gar nicht so abwegig ist, passt ins Bild. Der Weg zu olympischen Ehren ist in steinlosen Sportarten definitiv steiniger. Auf der anderen Seite soll und darf die sportliche Leistung aber nicht unterschätzt werden. Den Curlern gelang auch bei diesen Winterspielen etwas, woran viele andere Sportlerinnen und Sportler in massenkompatibleren Disziplinen scheiterten: Sie schürten Emotionen. Die Olympia-Fans in Deutschland, darunter auch der Autor dieses Textes, erwarteten nichts und fieberten dann plötzlich richtig mit.
Als Skip Muskatewitz sein Team mit einem Zauberstoß gegen Kanada in die Verlängerung rettete, stand nicht nur Mats Hummels, wie dieser bei Instagram schrieb, schreiend und mit geballter Faust im Wohnzimmer. Der Weltklasse-Spinner gegen Tschechien hat es völlig zu Recht zu einem Internet-Hit geschafft, „gut gestellte Guards“ sind inzwischen ganz normale Gesprächsinhalte. Und wenn dann auch noch ARD-Kommentator Marc Drumm im Überschwang der Gefühle „die tolle Wischarbeit von Jojo Scheuerl“ feiert, ist Curling endgültig in den Herzen angekommen. Sport kann so schön sein.
Ein „Fuck off“ reicht schon zu einem Skandal
Dazu passt auch, dass das olympische Curling-Turnier zwischenzeitlich sogar wegen eines vermeintlichen Skandals in die Schlagzeilen geriet. Bei der Partie zwischen Kanada und Schweden bekamen sich die Athleten nach einer verbotenen Doppelberührung verbal in die Haare, der Kanadier Marc Kennedy ließ sich dabei zu einem „Fuck off“ hinreißen. Dass dieser Ausruf, der auf jedem Schulhof und bei jedem Fußballspiel dieser Welt in dieser oder ähnlicher Form zigfach fällt, schon zu einem Eklat reichte, zeigt die fast schon kindliche Unschuld dieser Sportart. Das sagt man nicht!
Wie auf Kommando erbrachten Deutschland und Schweden kurz später dann den Beweis, dass Curling immer noch eine Gentlemen-Sportart ist. Nachdem Wischer Scheuerl (könnte es einen besseren Namen für diesen Job geben?) im Eifer des Gefechts einen schwedischen Stein berührt und verschoben hatte, einigten sich die Curler auf der Bahn einfach darauf, die Position händisch wieder zu ändern. Kann ja mal passieren, dazu brauchen wir keinen Schiedsrichter. Und das alles in Zeiten des VAR und Fußzehen, die sich vermeintlich im Abseits befinden und so den Jubel von Zehntausenden zunichtemachen. Einfach herrlich.
Muskatewitz, Kapp, Messenzehl, Scheuerl und Trevisiol haben diese Olympischen Spiele bereichert und ohne aufwendige und gespielte Kampagnen an den Geist des Sports erinnert. In wenigen Tagen werden sie vermutlich wieder in Allgäuer Hallen vor 30 bis 40 Zuschauern spielen. Verdient hätten sie mehr, wahre Popstars glänzen aber eben auch in ganz kleinen Clubs.
