Film „Meine Frau weint“: Die Geschichte ist der Dialog

Ein Film kann auf Handlung verzichten, aber nie auf Atmosphäre. Fast hält man es für selbstverständlich, dass Spannung oft gerade dann ansteigt, wenn nichts passiert und alles nur in der Luft liegt. Die Filme von Angela Schanelec stellen solche Selbstverständlichkeiten immer wieder infrage.

Auf den ersten Blick wirken sie oft wie strenge ästhetische Experimente, verschlossen und fast unverständlich. Auf den zweiten erweisen sie sich als Schatztruhen für Entdeckungen, man muss sich nur ein wenig mittragen lassen vom Rhythmus der Bilder und ihrer ganz besonderen Stimmung. Man begreift etwas darüber, wie sich Geschichten formen, etwa aus einer einzigen Einstellung auf fließendes Wasser heraus oder darüber, wie Schnitt, Musik und Sprache im Film zusammenspielen.

Mit „Meine Frau weint“ ist Schanelec nach „Ich war zuhause, aber…“ (2019) und „Music“ (2023) das dritte Mal im Wettbewerb der Berlinale vertreten. Für „Ich war zuhause, aber…“ erhielt sie den Silbernen Bären für die Beste Regie, für „Music“ gab es einen fürs Beste Drehbuch. Ob es diesmal zum Goldenen Bären reicht, den ihr die eingeschworene Gemeinschaft ihrer Ver­eh­re­r*in­nen schon lange zusprechen will?

Der Film

„Meine Frau weint“:

19. 2., 10 Uhr, Urania

21. 2., 20 Uhr, HdBF

22. 2., 17.45 Uhr, Urania

Was im Katalog als Handlungsangabe zu „Meine Frau weint“ steht – „Ein gewöhnlicher Arbeitstag auf der Baustelle. Den 40-jährigen Kranführer Thomas erreicht ein Anruf von seiner Frau Carla, er soll sie im Krankenhaus abholen. Dort trifft er sie weinend an und erfährt, dass sie einen Autounfall hatte …“ – umreißt ziemlich genau das, worauf der Film verzichtet. Buchstäblich inszeniert Schanelec um dieses Szenarium herum.

In Facetten zerlegt

So gibt es zwar die Baustelle beziehungsweise das provisorisch eingerichtete Büro mit zwei Schreibtischen, und es gibt den Kranführer und auch den Anruf seiner Frau Carla. Aber den eigentlichen Ablauf der Ereignisse und ihre zugehörigen Dialoge und Aktionen präsentiert Schanelec wie inspiriert von Picassos Phase des analytischen Kubismus: zerlegt in Facetten, die Emotionen reduziert und das Ganze neu zur Collage zusammengesetzt.

Außer Kranführer Thomas (Vladimir Vulević) und Frau Carla (Agathe Bonitzer) tritt ein Panorama von Figuren in Erscheinung, Andrée (Birte Schnöink), Karen (Pauline Rebmann), Claudia (Clara Gostynski) und einige mehr. Nicht immer sind sie mit Namen und Stellung im sozialen Gefüge erkennbar. Aber alle bekommen ihren Platz im Film mit wenigstens einem kleinen Monolog.

Manchmal geht es dabei um so banale Dinge wie ein blaues Sofa, das sich Andrée gekauft hat und dessen Preis von 2.000 Euro sie hoch findet. Immer wieder wird David erwähnt, dessen Vater fast den Nobelpreis für Literatur gewonnen hätte. An einer Stelle erzählt Thomas von seiner ersten Freundin und seinen zwiespältigen Gefühlen, als sie schwanger wurde.

Genau das ist anders als in den bisherigen Schanelec-Filmen: Diesmal dominiert der Dialog. Zwar gibt es immer noch die meditativen Zwischenschnitte etwa auf Rote Johannisbeeren, die unter einem Wasserhahn gewaschen werden. Menschen fahren auf dem Fahrrad über Wege, die in ihrer atmosphärischen Realität fast überhöht wirken. Es gibt auch eine Tanzszene, in denen drei Figuren zu Leonard Cohens „Lover, Lover, Lover“ eine erstaunlich ausgefeilte, mitreißende Choreografie präsentieren.

Aber im Wesentlichen besteht „Meine Frau weint“ aus einem Reigen von „Sprechakten“, denen Schanelec den Anschein lässt, vom Papier zu stammen, selbst wenn sie umgangssprachlich gehalten sind. So kommt eine faszinierende Mischung aus Natürlichkeit und Künstlichkeit zustande, die einmal mehr dort Spannung erzeugt, wo man sie gar nicht vermutet hätte.