Wie sich die Persönlichkeit auf Häufigkeit und Inhalte sexueller Fantasien auswirkt – Wissen

Zu den oft gehörten Floskeln aus dem mit Floskeln üppig versorgten Reich der körperlichen Liebe zählt auch dieser Satz: Das größte Sexualorgan des Menschen befindet sich zwischen seinen Ohren. Die Rede ist natürlich vom Gehirn, und diese Plattitüde ist absolut zutreffend. In der neuronalen Kommandozentrale des Menschen läuft alles zusammen – Gefühle, Begierden, Empfindungen und so gut wie alles andere, was ein Individuum ausmacht. Das Gehirn produziert und beherbergt selbstverständlich auch die intimen, sexuellen Fantasien eines jeden Menschen. Es ist so etwas wie der Saal, in dem das geheime erotische Kopfkino läuft, das so gut wie jeder erlebt, über das aber kaum gesprochen wird. So argumentieren jedenfalls Psychologen um William Chopik von der Michigan State University in einer aktuellen Studie im Fachblatt Plos One, in der sie ein paar Aussagen über sexuelle Fantasien servieren. Konkret haben die Forscher untersucht, wie die Persönlichkeit mit Häufigkeit und grobem Inhalt sexueller Träumereien korreliert.

An der Studie der Psychologen nahmen 5225 Erwachsene im Alter von 18 bis 94 Jahren teil. Mithilfe eines entsprechenden Fragebogens wurde zunächst die Persönlichkeit der Probanden erfasst. Dazu setzten die Psychologen auf das weithin verbreitete und etablierte Big-Five-Modell. Dieses zerlegt den Charakter in fünf Dimensionen, nämlich Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Neurotizismus sowie Verträglichkeit. Außerdem gaben die Teilnehmer der Studie in Fragebögen Auskunft über ihre sexuellen Fantasien. In diesem Fall wurden vier Dimensionen unterschieden: explorative sexuelle Fantasien, wie an einer Orgie teilzunehmen; intime Fantasien, wie im Freien in romantischer Atmosphäre mit einem Partner Sex zu haben; unpersönliche oder distanzierte Fantasien, wie anderen beim Sex zuzusehen; sowie sadomasochistische Vorstellungen.

Wie eng hängen Wunsch und Wirklichkeit zusammen?

Der deutlichste Zusammenhang zeigt sich mit Gewissenhaftigkeit. Hohe Werte in dieser Persönlichkeitsdimension gingen mit im Verhältnis selteneren sexuellen Fantasien in allen vier Bereichen einher. Je gewissenhafter jemand war, desto weniger Programm bot das erotische Kopfkino also an. Ein ähnlicher, wenn auch etwas schwächerer Zusammenhang zeigte sich mit Verträglichkeit.  Menschen mit ausgeprägter negativer Emotionalität, also hohem Neurotizismus, gaben mehr Fantasien in allen vier Bereichen zu Protokoll. „Besonders Menschen mit depressiven Persönlichkeiten haben von häufigeren sexuellen Fantasien berichtet“, schreiben die Psychologen um Chopik. Warum das so ist, sei schwer zu interpretieren. Vielleicht seien sexuelle Fantasien ein Weg, um etwas Positivität ins Denken zu bekommen, so die Psychologen.

Offenheit für Erfahrungen zeigte keinen signifikanten Zusammenhang mit Häufigkeit und Inhalt sexueller Fantasien. Ein verblüffender Befund, so die Forscher. Schließlich stehe diese Charakterdimension mit Kreativität in Verbindung. Und wenn Menschen einen besonderen Hang zur Imagination haben, sollte das doch auch für sexuelle Fantasien gelten. Würde man zumindest erwarten, so die Psychologen. Auch Extraversion zeigte keinen eindeutigen Zusammenhang mit Häufigkeit und Inhalt sexueller Fantasien.

(Foto: Illustration: Stefan Dimitrov, Fotos: imago images)

Bisher gebe es kaum Forschung über den Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und sexuellen Fantasien, so die Autoren um Chopik in Plos One. Darauf wiesen auch Mark Allen und Emma Walter in einer Meta-Analyse im Fachjournal Psychological Bulletin hin, die 2018 erschienen ist. Für diese Arbeit werteten die Forscher Studien aus, um den Zusammenhang von Charakter und sexuellem Verhalten zu bewerten. Zum Thema Fantasien fanden Allen und Walter fast keine Publikationen. Jene wenigen, die sie auswerten konnten, legten nahe, dass Offenheit für Erfahrungen, Extraversion und Neurotizismus mit häufigeren Fantasien in Verbindung stehen. Allerdings seien diese Effekte kaum belastbar. Andere Studien, die seit 2018 zum Thema erschienen sind, haben teils widersprüchliche Ergebnisse produziert.

Ein paar Erkenntnisse rund um das Kopfkino lassen sich aber wohl doch zusammenfassen. In einer 2023 in Current Opinion in Psychology erschienenen Überblicksarbeit berichten Justin Lehmiller und Aki Gormezano zum Beispiel, dass die überaus meisten sexuellen Fantasien alles andere als selten und außergewöhnlich seien. Die meisten Menschen haben also erotische Bilder und Vorstellungen im Kopf, die sehr viele andere auch haben. Das anzuerkennen, so Lehmiller und Gormezano, könnte Scham lindern, die viele angesichts ihrer imaginierten Begierden empfinden.

Bekannt seien mehrere Hauptthemenbereiche sexueller Fantasien, so die Wissenschaftler in Current Opinion in Psychology. Dazu zählen unter anderem Sex mit mehreren Partnern gleichzeitig, sadomasochistische Praktiken, das Spiel mit sexuellen Tabus, nichtmonogame Beziehungen, emotional-romantische Erfüllung sowie das Ausloten der Grenzen der eigenen sexuellen Identität. Die Fantasien von Männern und Frauen unterscheiden sich im Durchschnitt. Demnach zeigen Männer in ihrer Vorstellung größeres Interesse an sexuellen Tabus, während Frauen häufiger von masochistischen Praktiken sowie davon träumen, das Objekt der Begierde zu sein.

Lehmiller und Gormezano weisen in ihrer Überblicksarbeit allerdings darauf hin, dass lediglich ein schwacher Zusammenhang zwischen Fantasien und Verhalten bestehe. Die Forschungsliteratur dazu lege nahe, „dass Fantasien weder eine notwendige noch eine ausreichende Vorbedingung für entsprechendes Verhalten sind“, schreiben sie in Current Opinion in Psychology. Mit anderen Worten: Das, wovon Menschen träumen, ist nicht unbedingt das, was sie auch wirklich machen oder machen wollen. Manche sexuelle Fantasie könnte also ein reiner Selbstzweck sein, der süße und geheime Erregung schenkt. Manchmal ist es schließlich so, dass Sehnsüchte in der Vorstellung schöner und aufregender sind als ihre tatsächliche Erfüllung.