Halb neun Uhr morgens. Die Lone Rockers gehen ins Wasser. Der älteste Schwimmer ist 83, die jüngste 45. Gleich werden sie sich von der Strömung ins Meer hinausziehenlassen, einmal quer durch die Bucht schwimmen und auf dem Rückweg den Lone-Rock-Felsen umkreisen, nach dem sie sich nennen. Vielleicht werden sie von dem Schwarm Delphine begleitet, der seit Sonnenaufgang vor Convent Beach herumtollt. Es wäre nicht das erste Mal.
Insgesamt dreizehn Strände umgeben Yamba, das alle so aussprechen, als hätten sie ein unsichtbares Kaugummi im Mund, Jiäähmpah. Etwa eineinhalb Autostunden südlich des populären Byron Bay ist das Küstenstädtchen in New South Wales nicht nur kleiner, sondern auch ein bisschen verschlafener. Drei Kinder sitzen nebeneinander auf einer blauen Bank und löffeln halbierte Passionsfrüchte.
Seniorinnen mit Boogie-Board
Vor dem Tresen des Kiosks warten Erwachsene. Viele von ihnen haben als Teenager auch mal dahinter gestanden und an den Sonntagen den Gästen Kaffee und Saft und getoastete Sandwiches verkauft. Neben meinem Hocker hockt ein Golden Retriever. Ein Mann mit Kleinkind auf dem Arm geht langsam in die Wellen. Ein Junge mit Boogie-Board latscht vorbei. Hinter ihm drei Seniorinnen, ebenfalls mit Boogie-Board.

Jetzt kommen Zac und Claire mit ihren Kindern vorbei. Ihr Restaurant Karrikin, in dem gestern Abend kein Tisch mehr zu bekommen war, steht zum Verkauf, was schade ist, weil man dort vorzüglich und modern, aber typisch australisch isst. Weiß thront der Leuchtturm auf dem Hügel über uns, dahinter die Norfolk Pines, die es hier überall an der Küste gibt und die James Cook irrtümlicherweise für geeignet hielt, aus ihnen Masten für Schiffe zu bauen. Man möchte meinen, man ist in einem Roman von John Irving gelandet.
Nur das Meer ist nicht so türkis, wie es hier alle gewohnt sind. Aus dem Clarence River strömt schon seit Monaten wegen der übermäßig starken Regenfälle sedimentreiches Wasser, das dem Meer die Farbe der Ostsee verleiht. „Schwimmen, Surfen, Wandern und Garnelensandwiches, dafür sind wir hier berühmt,“ erzählt Diane von den Lone Rockers. Sie ist hier aufgewachsen, erst vor ein paar Jahren in ihren Heimatort zurückgezogen. Viele ziehe es zurück, sagt sie, nachdem sie anderswo studiert und gelebt hätten. Inzwischen ist Yamba von 6.400 Einwohnern auf rund 8.000 angewachsen.
Auch Garry Snodgrass ist nach Jahren in der internationalen Luxushotellerie wieder hier. Früher managte er unter anderem das Soneva Gili auf den Malediven und ein Privathotel auf Fidschi, heute betreibt er The Surf, das Hotel seiner Cousins. Auf der Poolterrasse macht gerade eine Gruppe Yoga. In der Lounge sitzen Gäste und trinken Kaffee. In den Grünpflanzen huscht ein Blauohr-Honigfresser umher und steckt seinen Schnabel in die Blüten. Garnelenfischer fahren raus aufs Meer.
Wie in einem Sechzigerjahrefilm
1968 befand sich in diesem Gebäude noch das Café Ritz, das bald in ein Surf-Motel umgebaut wurde. 2010 wurde es für knapp zwei Millionen australische Dollar verkauft und für weitere 2,8 Millionen zu einem Zwölf-Zimmer-Boutiquehotel im Stil der Sechzigerjahre ausgebaut, samt dieser Dachterrasse mit Café und kleinem Pool. Luxushotels hätten in Australien weniger Bedeutung als Boutiquehotels, sagt Snodgrass.

Man glaubt es ihm sofort. Ein paar Häuser weiter befindet sich das neueste von ihnen, das Il Delfino Seaside Inn, vom Condé Nast Traveller als beste Neueröffnung des Jahres 2025 ausgezeichnet. Inhaberin Sheree Commerford ist unter anderem Stylistin, und so wirken die Zimmer des ehemaligen Appartementhauses auch wie aus einem mondänen Sechzigerjahrefilm an der Amalfiküste. Unrenoviert kosten Häuser in dieser Lage inzwischen zwischen vier und sechs Millionen australische Dollar.
Am Nachmittag fahren wir zum Pippi Beach, benannt nach den Muscheln, die Pippi heißen, und von dort zum Spooky Beach, der so heißt, weil es da angeblich tatsächlich spukt. Unterwegs halten wir im Bay Street Local Café und kaufen Croissants, Kaffee, Wasser. Dann geht es weiter Richtung Angourie (ausgesprochen Ängärrih), das unter Surfern lange Zeit ein streng gehütetes Geheimnis war. Es soll sogar vorgekommen sein, dass Autos mit auswärtigen Kennzeichen die Reifen durchstochen wurden.

Aber ein Geheimtipp ist das hier alles schon lange nicht mehr. Auch der Blaue und der Grüne Pool, große natürliche Süßwasserbecken, die beim Bohren nach Mineralien gefunden wurden, sind inzwischen als kleine Lagunen beliebte Ausflugsziele. Am Grünen Pool kraxeln zwei Männer die Felsen empor, sie wollen da runterspringen. Und tun es dann auch, unter Beifall.
Etwas später halten wir am Yuraygir-Nationalpark und laufen auf dem Shelley Beach Walk. Dieser Spazierweg führt parallel zum Meer die Küste hoch. Im Lauf des Nachmittags durchwaten wir einen Strom, dessen Wasser die Teebäume braun gefärbt haben. Sehen hoch über uns die Fischadler kreisen. Wildblumen strecken ihre roten Köpfe in die Herbstsonne.
Auf dem Rückweg kommt uns ein französischer Teenager entgegen. Er will am Shelley Head campen. Am Back Beach gehen Surferinnen durch die Dünen. Eine sagt zur anderen lakonisch: „Wenn’s läuft, läuft’s.“ Achtzig Prozent aller Australier leben am oder in der Nähe des Meeres, und von denen betrachten gefühlte hundert das Meer als Verlängerung ihres Lebensraums. Wer da nicht schwimmt oder wenigstens schwimmen will, ist entweder krank oder nicht ganz dicht.

Am frühen Abend spielt vor dem Pacific Hotel ein Junge auf einer Gitarre. Besucher sitzen drinnen, schauen aufs Meer, essen Pommes, trinken ein Bier, vertreiben sich die Zeit zwischen Sonntagnachmittag und Sonnenuntergang. Nur in der Clarence River Fishermen’s Co-operative, etwa zehn Minuten die Ausfallstraße runter, herrscht ein Hauch von Hektik. Gleich schließt der Laden. Noch bis 18 Uhr gibt es Austern, Sandwiches, Fisch und gekochte Medium King Prawns für 35 Dollar das Kilo. Wir greifen zu und tragen unsere Einkäufe auf die Dachterrasse von The Surf.
Die Garnelen sind frisch gekocht und ungepult. Auf dem Tresen stehen bereits Zitronen, Butter, Mayonnaise. Wir pulen, schmieren, klappen zu, beißen rein und essen. „Das berühmte beste Garnelensandwich“, sagt Diane. Recht hat sie. Die Sonne geht unter. In der Ferne sehen wir die Trawler wieder hinausfahren. „Morgen wieder schwimmen?“, fragt ein anderer Lone Rocker. Klar, nickt die Runde. Morgen wieder schwimmen. Wie jeden Tag.
