Angriff auf Schauspieler am Bochumer Schauspielhaus – Kultur

„Wie weit darf man gehen, um die Demokratie vor der Zerstörung zu schützen?“, fragte das Schauspielhaus Bochum vor der Premiere des Stücks „Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten“ von Tiago Rodrigues, das Mateja Koležnik inszeniert hat. Bei der Premiere am vergangenen Wochenende entschieden zwei Zuschauer die Frage mit: Auf die Bühne darf man auf jeden Fall gehen.

Beim Schlussmonolog der Figur Romeu (gespielt von Ole Lagerpusch), ein rechtspopulistischer Politiker, erklommen zwei Männer die Bühne und versuchten, den Schauspieler von dort herunterzuzerren. Was wiederum von Lagerpuschs Kollegen unterbunden werden konnte.

Zuvor, das berichten mehrere Medien, hatte es während des Monologs schon Unmutsbekundungen aus dem Publikum gegeben. Martin Krumbholz, Kritiker des Theaterportals „Nachtkritik“, berichtet etwa von einer Frau, die „Aufhören“ skandierte. Offenbar flog auch eine Orange Richtung Schauspieler. Die Dramaturgin musste das aufgebrachte Publikum schließlich beschwichtigen.

Künftig soll es Publikumsgespräche nach der Vorstellung geben

Erregt hatte die Zuschauer offenbar der Inhalt des Monologs. Romeu (wohlgemerkt: die Figur) schwurbelt AfD-artige Dinge, schimpft gegen Homosexuelle und sagt Sätze wie: „Ich muss die Wahrheit sagen. Deswegen lassen Sie mich ganz offen fragen: Wenn sich die Minderheiten ständig über unser Land beschweren, warum bleiben sie dann hier?“

Der Inhalt des Stücks des portugiesischen Regisseurs und Dramatikers Rodrigues (der seit 2022 auch das Theaterfestival in Avignon leitet) ist provokant, aber ziemlich originell gedacht: Bei einem Familientreffen in Gedenken an die Portugiesin Catarina Eufémia, die am 19. Mai 1954 tatsächlich von Faschisten erschossen wurde, soll nun jedes Jahr nach dem Essen ein Faschist erschossen werden. So will es die krude Familientradition, so will es das Gesetz der Rache. Doch Romeu, der Faschist, kommt diesmal davon – und hebt zum Schlussmonolog an.

„Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten“ wurde bereits 2021 in der Regie des Autors bei den Wiener Festwochen gezeigt, damals auf Portugiesisch, es war auch schon in Frankreich zu sehen, offenbar unter verstärktem Einsatz von Sicherheitskräften. Die Inszenierung in Bochum nun ist die deutschsprachige Erstaufführung. Mit einem derartigen Tumult hatte man dort eher nicht gerechnet.

In einem Statement ließ das Schauspielhaus wissen: „Dass ein Schauspieler in Ausübung seiner künstlerischen Arbeit körperliche Angriffe erfahren musste, hat uns zutiefst erschreckt, wir erachten diese Übergriffigkeit als vollkommen inakzeptabel.“ Man begreife sich als „Ort der künstlerischen Auseinandersetzung“, aber eben auch als „geschützter Raum.“ Künftig soll es nach den Vorstellungen Publikumsgespräche geben.