Bobpilotin Laura Nolte: Gold verloren, Silber gewonnen – Sport

Monobob ist „kein Wettkampf für Herzschwache“, sagt Bundestrainer René Spies, das Olympiafinale auf der Bahn von Cortina war imstande, nicht nur bei den Zuschauern kurz den Puls hochzutreiben. In drei Läufen lag Laura Nolte aus Unna, 27 Jahre, in Führung. Nach dem letzten hielt sie die Hand hoch und zeigte mit Daumen und Zeigefinger einen Zentimeterabstand an: Um vier Hundertstelsekunden hatte sie Gold verloren und Silber gewonnen.

Vor vier Jahren in Peking war Nolte Olympiasiegerin im Zweierbob, aber im Soloschlitten selbstverschuldet aus den Medaillenrängen gerutscht. Diesmal war es die Brillanz der mittlerweile 41-jährigen Elana Meyers Taylor, einer fünfmaligen Weltmeisterin und Koryphäe ihres Sports mit Nerven wie Lenkseilen, die sie um eine Winzigkeit abfing. Ihre US-Kollegin Kaillie Armbruster Humphries, 40, wurde als Dritte ebenfalls zur Siegerehrung gebeten.

Der Monobob ist das Metier der Frauen. Und die Aufgabe ist tückisch: Das Gefährt wiegt 163 Kilogramm. Es muss per Muskelkraft in Bewegung und in Schwung gebracht werden – auf zwei schnellen Beinen, allein, ohne die Hilfe von Anschiebern wie in den Zweier- und Viererwettbewerben in Anspruch nehmen zu können. Es gibt Gründe, warum die Pilotinnen den Sommer mit Schnellkraft- und Sprinttraining verbringen. Bevor sich Laura Nolte im Alter von 17 Jahren erstmals in dem Gerät auf Glatteis begab, ist sie in Dortmund Leichtathletin gewesen.

„Im Monobob kann alles passieren“, sagt Nolte. Das gilt besonders für den neuen Eiskanal von Cortina d’Ampezzo, dessen oberer Teil höchste Ansprüche stellt. Nach der ersten S-Kurve folgt ein enges Hufeisen, bevor es ab Kurve vier auf einen Abschnitt geht, der nicht grundlos „Labirinti“ heißt. „Weil man weniger Speed und Gewicht auf der Hinterachse hat, rutscht der Bob mal schneller“, hatte Nolte nach den ersten Testläufen im Herbst erkannt. Je leichter ein Bob, desto größer die Probleme, fand auch Johannes Lochner, der die schweren Männer-Mannschaftsschlitten steuert, für die Kolleginnen sei es besonders schwer.

Entscheidend ist das Fahrgefühl, weil der Monobob ein Einheitsschlitten ist. Von allen Disziplinen im Eiskanal gilt dieser Wettbewerb, was die Ressourcenverteilung betrifft, deshalb als länderübergreifend am egalitärsten. Das Material ist für alle gleich – für die Jamaikanerin Mica Moore ebenso wie für Nolte –, sieht man von einigen Details und der Behandlung der Kufen ab. Auf die Kunst der Pilotin kommt es an.

Meyers Taylor schließt im Ziel die beiden Kinder in die Arme

Laura Nolte war nach den ersten beiden Läufen am Sonntag zufrieden gewesen, abgesehen von einigen Kleinigkeiten, wie sie sagte: „Jeder macht hier Fehler, man muss halt die wenigsten machen.“ Sie hielt ihre Teamrivalin Lisa Buckwitz, 31, aus Berlin in Schach, die am ersten Tag eine falsche Kufenwahl getroffen hatte und sich am anderen Tag noch von Platz sechs auf vier verbesserte.

Und zunächst blieben auch die US-Amerikanerinnen Elana Meyers Taylor und Kaillie Armbruster Humphries auf Distanz. Im dritten Lauf am Montagabend fuhr Nolte dann erneut Bahnrekord – den Meyers Taylor allerdings umgehend brach, Armbruster Humphries kam auf dieselbe Zeit. Der Vorsprung Noltes schmolz von 22 auf 15 Hundertstelsekunden. Im vierten Lauf siegten dann Erfahrung und Routine, Meyers Taylor fand die schnellste Linie. Sie sicherte das erste Olympiagold ihrer langen Karriere und schloss im Ziel ihre beiden Kinder in die Arme.

Für Meyers Taylor sind es bereits die fünften Winterspiele, und sie hat nun jedes Mal Medaillen gewonnen. Armbruster Humphries trat früher für den kanadischen Verband an, den sie 2018 nach einer juristischen Auseinandersetzung und Mobbing-Vorwürfen gegen Trainer verließ, um sich dem Team USA anzuschließen. Sie ist die Olympiasiegerin im Zweierbob von Vancouver 2010 und Sotschi 2014, in Peking 2022 sicherte sie sich Gold bei der Olympiapremiere im Monobob. Erst im Januar hat sie, inzwischen Mutter eines kleinen Sohnes, ihr erstes Weltcuprennen seit drei Jahren gewonnen: „Die jungen Mädchen lassen uns am Start alt aussehen“, hat sie gesagt, „also muss ich im Fahren auf Touren kommen.“

Elana Meyers Taylor und Kaillie Armbruster Humphries waren Avantgardistinnen der Bob-Szene, in einem Metier, das bei Olympischen Spielen bis zu Beginn des 21. Jahrhunderts den Männern vorbehalten war. Als der Weltverband IBSF 2014 den Viererbob-Wettbewerb der Männer auch für gemischte Teams öffnete, waren sie die ersten Frauen, die in den großen Schlitten sprangen.

International durchgesetzt wurde dann für Frauen im Winter 2020/21 allerdings das Solo-Gefährt, zunächst zu Unrecht als „Anfängerbob“ verunglimpft. Die Diskussionen sind längst verebbt. Laura Nolte hat nun auch hier ihr Gefühl für Bahn, Bob und Geschwindigkeit bewiesen. Und ihre Lieblingsdisziplin, der Zweierbob, in dem sie mit Deborah Levi 2022 Gold gewann, geht erst am Freitag los.