Der Legende nach war es Heiner Müller, der 1995 als erster Stipendiat der frisch sanierten Villa Aurora das „Exit“-Schild im Salon überklebte, wie es auf der Fotografie von Brigitta Maria Mayer noch zu sehen ist. Müller änderte es, da der berühmte DDR-Dramatiker das Wort „Exit“ als Ausweg ablehnte. Bis heute steht dort stattdessen „Exil“. Die einstigen Besitzer der Villa Aurora, der deutsche Schriftsteller Lion Feuchtwanger und seine Frau Marta, besaßen in ihrem Leben drei Bibliotheken an drei verschiedenen Orten, von denen sie zwei verloren – beide Male auf der Flucht vor den Nationalsozialisten. Und wieder schwebte ein Großteil ihrer letzten Bibliothek in Gefahr, als am 7. Januar 2025 das verheerende Feuer in Pacific Palisades ausbrach und den idyllischen Stadtteil im Norden von Los Angeles Richtung Malibu fast vollständig zerstörte und in eine leere Wüste verwandelte.
Wie durch ein Wunder wurde die Villa Aurora verschont. Wer das noch nicht wieder eröffnete Haus seither besuchen durfte und auf der Terrasse mit Blick auf den Ozean stand, kann angesichts der verbrannten Nachbargrundstücke kaum glauben, wie das Kulturerbe der Feuersbrunst standhalten konnte. Die Villa Aurora, die vor dreißig Jahren als Stipendiatenresidenz für Literaten, Komponisten und bildende Künstler eröffnet wurde, ist ein magischer Ort. Das spürt nicht nur, wer mit der Direktorin Claudia Gordon durch die Salons und Zimmerfluchten der Villa spaziert, die von den Restaurierungsarbeiten noch sehr in Anspruch genommen sind.

Die Erfindung Hollywoods
Auch in Gesprächen mit ehemaligen Fellows wird man mit lebhaftesten Erinnerungen konfrontiert. Der Konzeptkünstler Philipp Lachenmann war vor mehr als zwanzig Jahren Stipendiat der Villa Aurora, doch wenn er davon erzählt, klingt es, als sei dies gestern gewesen. Auch der Sachbuchautor Thomas Blubacher war 2002 in der Villa zu Gast. Seine Erinnerungen haben ihn nicht losgelassen, weshalb er 2022 das Buch „Weimar unter Palmen“ über „die Erfindung Hollywoods und das Erbe des Exils“ verfasste.

Viele weitere Fellows, wie die Autorin Sharon Dodua Otoo oder die Comic-Künstlerin Anna Haifisch, haben den Prachtband „Villa Aurora: Exil, Kunst und Freiheit in Los Angeles“ (hrsg. von Claudia Gordon und Jakob Scherer, Distanz Verlag, Berlin 2025, 240 S., br., 40,– €) mit Fotografien von Todd Gray und Mike Kelley um zahlreiche Wort- und Bildbeiträge ergänzt. Zugleich taucht das Buch in die bewegte Geschichte der 1927 am hügeligen Paseo Miramar errichteten Villa ein.
Nach dem Erwerb durch die Feuchtwangers wurde das im Spanish Revival Style errichtete Anwesen 1943 zum Fixpunkt der deutschsprachigen Emigrantenszene. Eine leicht verblichene, mit Schreibmaschine getippte Einladungsliste gibt einen Einblick, wer sich an einem Abend hier versammelte: Chaplin, die Brüder Mann, Werfel, Huxley, Lubitsch, Döblin, Marcuse, Peter Lorre. Die Zusammenkünfte beschränkten sich nicht auf den Salon. Oft fanden im Arbeitszimmer im ersten Stock Lesungen statt, bei denen aus Manuskripten vorgetragen wurde. Thomas Mann moderierte die deutschsprachigen Abende, Chaplin die englischsprachigen.

Als während des Kriegs nächtliche Ausgangssperren galten, kam hier regelmäßig ein kleiner Kreis zusammen, um die mitternächtlichen Radionachrichten zu hören. Bis zur Ausstrahlung spielte man zur Nervenschonung Scharade oder warf Darts auf ein Schild mit Hitlers Konterfei an der Wand. Manchmal lud Marta die Gäste auch in das kleine Hinterzimmer gegenüber der Pfeifenkammer der Orgel. Dort verwahrte sie in einem Wandschrank eine Sammlung Sherry-Gläser, die noch heute dort stehen.
Marta Feuchtwanger überlebte ihren Mann um fast dreißig Jahre und starb 1987 mit 96 Jahren. Noch zu Lebzeiten richtete sie an der University of Southern California das Feuchtwanger-Archiv ein, das Briefe, Fotografien, Manuskripte und viele weitere Kostbarkeiten aus dem Künstlerhaushalt verwahrt. S.N. Behrman schrieb in seinen Memoiren, dass Los Angeles durch die vielen europäischen Exilanten damals so viele Künstler beherbergte wie Florenz zur Zeit der Renaissance.
Das Vermächtnis von Marta und Lion Feuchtwanger wird in der Künstlerresidenz Villa Aurora aufs Schönste bewahrt. Nach der großen Geburtstagsparty im Herbst kommt das größte Geschenk aber erst noch: die lang ersehnte und hoffentlich baldige Wiedereröffnung des seit den Bränden vom 7. Januar 2025 geschlossenen Hauses.
