Deutsche Skispringerinnen bei Olympia im Formtief: „Es tut sehr, sehr weh“ – Sport

Katharina Schmid saß auf einer weißen Bank hinter dem Auslauf der Großschanze in Predazzo, sie weinte, vergrub das Gesicht in den Händen. Ihre Familie war da, auch Freunde. Doch dann mussten sie mitansehen, wie Schmid, zweimalige Olympiazweite, siebenmalige Weltmeisterin, nach 96,5 Metern einfach auf den Aufsprunghügel plumpste. Aus und vorbei, ihr letzter Wettbewerb bei Winterspielen, schon nach dem ersten Durchgang. Platz 42. Später sagte die 29-Jährige, die Emotionen weiterhin durch jedes Interview mit sich schleppend: „Dass es jetzt so endet, ist hart. Es tut sehr, sehr weh. Ich hätte gerne noch einen zweiten Sprung gehabt, um mich ein bisschen anders hier zu verabschieden.“

Nach ihrem Sprung winkte sie noch ins Publikum, verbeugte sich. Nicht nur ihre Liebsten hätten der deutschen Fahnenträgerin noch einmal einen erhebenden Moment gewünscht, so wie bei der Eröffnungsfeier vor eineinhalb Wochen in Predazzo. „Ich bin froh, dass meine ganze Familie und Freunde da sind, ich will nachher erstmal zu denen gehen. Ich glaube, die brauche ich heute“, sagte Schmid noch. Es war ein Abend, an dem noch viele Tränen flossen.

Schmid, die so viel für das deutsche Frauenskispringen getan hat, die es nach dem ersten Olympiasieg von Carina Vogt durch ihre Erfolge weiter in die Öffentlichkeit getragen hat, hört nach dieser Saison auf. Sie möchte anderes sehen als nur Schanzen, die Familie in Oberstdorf soll von April an endlich mehr im Vordergrund stehen. Nun ist Schmid aber auch zu einer Symbolfigur für die olympische Formschwäche der deutschen Springerinnen geworden.

Sie reisten am Montag mit dem Gefühl nach Hause, exakt zum Höhepunkt in ein riesiges Loch gefallen zu sein. In der Weltcup-Gesamtwertung stehen Selina Freitag, Agnes Reisch und Schmid ja auf den Plätzen fünf, sieben und acht, sie reihten Podestplätze in Serie aneinander. Im Normalschanzen-Wettbewerb in Predazzo kamen Freitag und Reisch immerhin noch auf Rang sieben und neun, im Mixed verpassten sie dann zusammen mit Philipp Raimund und Felix Hoffmann Bronze um exakt 1,2 Punkte, also 60 Zentimeter.

„Wir sind bitter enttäuscht, da brauche ich auch nichts schönreden“, sagt Bundestrainer Kuttin

Schon da waren ihre Leistungen zu schwankend, der erste Sprung von Freitag war viel zu kurz. Am Sonntagabend auf der Großschanze erlebten die Frauen beim zweiten Olympiasieg der Norwegerin Anna Odine Stroem, die schon auf der Normalschanze gewonnen hatte, dann den Tiefpunkt. Schmid verabschiedete sich völlig frustriert nach dem ersten Durchgang, Reisch landete am Ende immerhin noch auf Platz zehn, Freitag wurde 17., Juliane Seyfarth 23. „Wir sind bitter enttäuscht, da brauche ich auch nichts schönreden. Wir werden sehr viel daraus lernen“, sagte Bundestrainer Heinz Kuttin.

Dabei hatten sich gerade die DSV-Springerinnen auf diese Premiere, den ersten olympischen Frauen-Wettbewerb von der Großschanze, gefreut. Eigentlich hatten sie die besseren Medaillenchancen als die Männer um Raimund. Doch dann kam ein Problem nach dem nächsten. Schmid kam schon im Training überhaupt nicht mit der Schanze zurecht, sie haderte damit, überhaupt kein Gefühl für die Anlage zu bekommen. Die Großschanze mit ihrem sehr flachen Anlauf verzeiht tatsächlich nichts, wer den kleinsten Fehler beim Absprung macht, der kommt überhaupt nicht ins Fliegen.

Selina Freitag galt als wohl größte deutsche Medaillenhoffnung und war nach ihren Sprüngen ratlos: „Es ist hart, nach so einer Vorleistung ohne Medaille und nicht so zufrieden nach Hause zu fahren.“
Selina Freitag galt als wohl größte deutsche Medaillenhoffnung und war nach ihren Sprüngen ratlos: „Es ist hart, nach so einer Vorleistung ohne Medaille und nicht so zufrieden nach Hause zu fahren.“ (Foto: Daniel Karmann/dpa)

Reisch hat schon länger mit Rücken- und Knieproblemen zu kämpfen, sie konnte sechs Wochen lang kaum Krafttraining machen. „Ich kann fünf Minuten sitzen ohne Lehne und dann muss ich mich hinlegen. Sobald ich hier mit den Interviews fertig bin, muss ich mich hinlegen. Wenn ich in der Anfahrt bin, zwickt es, wenn ich am Schanzentisch andrücke, zwickt es“, sagte sie am Sonntagabend. Außerdem verzichtete sie am Samstagmorgen auf ihren Trainingssprung und begründete dies ehrlich: „Ich habe heute meine Tage bekommen. Dann bin ich immer super ängstlich.“ Reisch erntete für ihren offenen Umgang mit dem wichtigen Thema Periode im Spitzensport auch respekt- und haltlose Kommentare im Internet, als Stimmungsaufheller diente das sicher nicht.

Und Freitag, die als wohl größte deutsche Medaillenhoffnung galt, war nach ihren Sprüngen ratlos: „Ich habe keine Ahnung, warum es nicht so läuft. Ich bin heute total entspannt gewesen, viel entspannter als bei der kleinen Schanze“, sagte die 24-Jährige. „Ich war körperlich und kraftmäßig auf dem Höhepunkt. Es ist hart, nach so einer Vorleistung ohne Medaille und nicht so zufrieden nach Hause zu fahren.“

Der Balanceakt, das richtige Maß zwischen Be- und Entlastung zu finden, dürfte in die Fehleranalyse eingehen

Kuttin hatte im Januar zwei Planungsoptionen gehabt. Die stressige Reise zu den Springen in Asien kurz vor den Winterspielen in Angriff zu nehmen, um weitere Weltcuppunkte und Sprünge für die Vorbereitung zu sammeln. Oder sich zu Hause in Ruhe auf Predazzo vorzubereiten. Andere, wie die nun erfolgreichen Norwegerinnen, ließen die lange Reise aus. „Wir haben es durchgezogen“, sagte Kuttin, hinterher sei man generell immer schlauer. Aber auch die Reiserouten hin zu einem Großereignis – und der Balanceakt, das richtige Maß zwischen Be- und Entlastung zu finden – dürfte in die Fehleranalyse eingehen.

Die Bilanz ist jedenfalls, wie auch Sportdirektor Horst Hüttel zerknirscht feststellte, sehr unbefriedigend: „Wir sind nicht zufrieden. Die Mädels waren physisch fit, das Teamklima war echt gut. Aber ab dem Training hier ist es uns entglitten.“

Das Quartett ist am Montag ziemlich schnell abgereist, noch vor dem abendlichen Team-Wettbewerb der Männer. Nur weg von diesen Pechschanzen in Predazzo. Auch die Überlegungen, nach Cortina oder Mailand zu fahren, um dort noch Wettkämpfe anzuschauen, wurden ad acta gelegt. „Sie brauchen jetzt ein bisschen Luft“, sagte Trainer Kuttin, „Ende dieser Woche stehen zwei Konditionseinheiten an, dann wieder Springen. Wir haben noch viel vor heuer.“

Das gilt auch für Schmid, die sich besonders auf das Skifliegen in Planica freut, den letzten Weltcup. Danach wird sie alles sacken lassen, ihre ganze große Karriere. Und wer weiß, ob sie nicht bald in anderer Funktion zurückkehrt. Gespräche mit dem SC Oberstdorf über eine hauptamtliche Stelle im Nachwuchsbereich liefen, erzählte DSV-Sportdirektor Hüttel. Und wenn es mit allen Trainerscheinen klappt, dann stünden ihr auch im Verband „alle Türen offen“. Aber in Predazzo dürfte Schmid wie auch alle anderen am Sonntagabend jenen Satz von Agnes Reisch unterstrichen haben, der die Bilanz der deutschen Frauen gut zusammenfasste: „Ich will jetzt erst mal eine Woche nichts vom Skispringen hören.“