Olympia 2026: Unruhe im deutschen Eishockeyteam nach USA-Spiel

Vor wenigen Tagen, als in Mailand im Eishockeyturnier der Männer noch keine Partie gespielt worden war, ist Nico Sturm gefragt worden, wie er zur Lösung der Kapitänsfrage in der Nationalmannschaft steht. Der Dreißigjährige lobte artig Leon Draisaitl, der von Bundestrainer Harold Kreis erstmals mit der Aufgabe betraut wurde, als „Aushängeschild unserer Sportart“ und „wahrscheinlich einen der drei, vier besten Spieler“ der Gegenwart.

Sodann folgte eine ausführliche Einlassung zu Moritz Müller, der zuletzt stets bei Großereignissen das Team anführte und bereits Verantwortung übernommen habe, „als wir international noch in den Niederungen waren“. Tenor der 1:45 Minuten langen Lobrede auf den Verteidiger war die Aussage, dass Müller keinesfalls entmachtet worden sei und dass die Entscheidung gegen den Charakterkopf der Kölner Haie, der im November seinen 40. Geburtstag feiern wird, auch mit Blick auf den „Alterswechsel“ erfolgte.

Medaillen für AIN werden im Medaillenspiegel nicht aufgeführt. Aufgrund der Dopingmanipulationen, eines in manchen Ländern nicht oder nur unzureichend existierenden Kontrollsystems und der teilweise bislang nicht nachweisbaren verbotenen Substanzen übernimmt die Redaktion keine Gewähr für die Richtigkeit der Angaben. Eingefrorene Proben dürfen zehn Jahre lang nachkontrolliert werden. Mit dem endgültigen Ergebnis ist erst nach Ablauf der Verjährungsfrist 2036 zu rechnen.

Überhaupt brauche „Mo gar keinen Buchstaben auf dem Trikot, um ein Leader zu sein“. Wenn er in der Kabine oder fernab des Eises etwas sagt, „dann hören wir zu“.

Am Sonntagabend hatte Müller, der in den ersten beiden Begegnungen mit Dänemark (3:1) und Lettland (3:4) nur zu Kurzeinsätzen gekommen war, Redebedarf – und das weniger zu dem Aspekt, dass er über die rund elf Minuten, die er aktiv mitmischte, zu den wenigen Deutschen gehörte, die sich mit Verve gegen die zweite Niederlage stemmten. Nach dem 1:5 im Duell mit den Amerikanern las Müller der eigenen Auswahl, die in seinen Augen noch kein Winner-Team ist, die Leviten.

Entnervt stapft Leon Draisaitl in die Kabine

In den vergangenen Wochen, so stellte er fest, sei viel davon gesprochen worden, „wie gut diese Mannschaft ist“. Das sei richtig, doch leitete er aus diesem Maßstab dringenden Handlungsbedarf ab: „Wir haben tolle Eishockeyspieler, die mit zu den Besten der Welt gehören. Aber wir können nicht denken, dass jedes Mal, wenn jemand von denen auf dem Eis ist, wir ihm die Scheibe geben und dann passiert ein Wunder.“

Unter anderem Draisaitl war einen Tag nach seinem glücklosen Auftritt gegen Lettland kein maßgeblicher Faktor. Die hartgesottenen Brüder Matthew und Brady Tkachuk nahmen ihn mitunter in Manndeckung, checkten ihn ein ums andere Mal heftig, versuchten, ihn mit Wortgefechten zu provozieren. Als das Geschehen im Schlussabschnitt keine Hoffnung auf eine Trendwende machte, gönnte Kreis dem Top-Mann bewusst mehr Schonzeit: „Wir brauchen seine Energie im nächsten Spiel.“ Entnervt stapfte Draisaitl hinterher wortlos in die Kabine.

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An diesem Dienstag (12.10 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zu Olympia 2026, in der ARD und bei Eurosport) treten die Deutschen in der Viertelfinalqualifikation gegen Frankreich an, die bei einer Tordifferenz von 5:20 noch keinen Punkt holten. Müller machte deutlich, dass sich seine Kritik nicht gegen die Stars in der Kabine richtete, ihm aber eine mit ihrer Nominierung verbundene Denkweise missfällt. Sie müssten aufhören, nach jeder Puck-Eroberung „etwas kreieren“ zu wollen und stattdessen „geduldig sein, auch mal abwarten, bis der Gegner einen Fehler macht und das dann ausnutzen“.

Auf diesem Niveau brauche es „geradliniges Eishockey“; eine Formulierung, die Müller mehrmals wiederholte. Sie müssten immer erst auf die sicherste Art und Weise die Scheibe aus der Gefahrenzone herausbringen, „dann gehen wir selbst. Das sind Grundtugenden, die uns immer ausgezeichnet haben.“ Nico Sturm stimmte ihm inhaltlich zu. „Weil wir jetzt die Spieler haben, die auch Spielmacher sind, kommen wir manchmal ein bisschen von unserem System weg“, sagte der Angreifer der Minnesota Wild, „und das ist immer noch verteidigen und hinten stabil stehen und nicht in Schönheit sterben.“

Für Müller stehen bis heute 214 Länderspiele zu Buche, mehr Erfahrung hat keiner seiner Mitstreiter vorzuweisen. Er war schon 2007 in Frankreich dabei, als den Deutschen bei der B-Weltmeisterschaft der Wiederaufstieg gelang. Er gehörte danach unter Bundestrainer Marco Sturm zu den engagiertesten Kräften, die die Wandlung vom Außenseiter zum Favoritenschreck vorantrieben.

„Da muss diese Mannschaft noch hinkommen“

Bei den Winterspielen in Pyeongchang und der WM in Finnland vor drei Jahren vergoss Müller Tränen darüber, dass es jeweils „nur“ zum Gewinn der Silbermedaille genügte. Die historischen Bezugspunkte setzte er am Sonntag bewusst. Die stärksten deutschen Mannschaften, die er erlebt habe, seien jene von 2018 und 2023 gewesen.

„Da muss diese Mannschaft noch hinkommen“, sagte er. Dass Müller weder auf einzelne Szenen einging noch individuelle Fehler anprangerte, passte zu seinem Verständnis von „einer für alle, alle für einen“. Seine Kritik galt dem Kollektiv: „Ich meine alle.“ Sie hätten das Potential, jedem Konkurrenten Paroli zu bieten, zugleich müsse man „demütig genug sein, dass wir gegen jeden hier verlieren können“.

Kreis sagte, angesprochen auf Müllers Aussagen, dass ihn dessen Worte gewundert hätten. Der Bundestrainer war bedacht, vor allem Zuversicht zu verbreiten. Der 67-Jährige erhob das ansehnliche erste Drittel zur „Benchmark“, während Müllers Verteidiger-Kollege Moritz Seider festhielt, „dass man so ein bisschen mit einem blauen Auge davongekommen ist“. Auch Stürmer Tim Stützle bekannte, „dass wir auf jeden Fall noch einige Schippen drauflegen müssen, damit es hier weitergeht“.

Den Gold-Favoriten USA, Kanada und Schweden gehen die Deutschen, die in der Gruppe C wegen des direkten Vergleichs die Nase gegenüber Dänemark und Lettland vorn hatten und Tabellenzweiter wurden, fürs Erste aus dem Weg. Stattdessen bekämen sie es in der Runde der letzten Acht mit der Slowakei zu tun, gegen die sie beim Deutschland-Cup im November in Landshut 3:0 gewannen. Noch lebt der Medaillentraum.

Auch auf ihrer Kurs Richtung Finale von Pyeongchang gegen die Olympischen Athleten aus Russland (3:4 nach Verlängerung) hatten die Deutschen die Vorrunde mit nur einem knappen Erfolg (gegen Norwegen) beendet. Vor allem Müller muss man nicht daran erinnern.