Theaterstück über Frauen in der Kunst: Wenn die Muse rebelliert

Es ist Valentinstag und Männer laufen mit riesigen Blumensträußen durch die Straßen, gleichzeitig wurde gerade erst die Dunkelfeldstudie veröffentlicht, die Männern ein massives Gewaltproblem attestiert. Um Gewalt dreht sich auch das Stück „Ich liebe dich nicht, du inspirierst mich“, das am 14. Februar im Ballhaus Prinzenallee Premiere feierte – allerdings um eine subtilere Form von Gewalt.

Das kleine interkulturelle Theater in Berlin-Wedding gilt noch als Geheimtipp. Das Publikum an diesem Abend ist jung, divers, kunstaffin, und damit die perfekte Zielgruppe für Elli Treptows kritische Auseinandersetzung mit der Figur der Muse. Treptow, Jahrgang 2001, arbeitet unter anderem als Tänzerin und Schauspielerin für größere Produktionen, „Ich liebe dich nicht“ ist ihre zweite Regiearbeit im Ballhaus.

Das riesenhafte Gebilde aus kaputten und gespendeten Bettlaken weckt Assoziationen an ein unbeschriebenes Blatt Papier, aber auch an biedere Unterröcke. Wegen eines Krankheitsausfalls steht Treptow selbst auf der Bühne und spielt neben Prijana Kumar und Karoline Sachslehner eine der drei Frauen, die es satt haben, immer nur die Inspirationsquelle von irgendwelchen selbst ernannten Genies zu sein.

Man hört eine männliche Stimme aus dem Off, der die Musen anruft, die drei Frauen rollen mit den Augen, dann tanzen sie mit aufgesetztem Lächeln ein paar Schritte. Sachslehner entledigt sich ihres Kleides, darunter trägt sie ein mit bunter Farbe beschmiertes T-Shirt und Shorts. Aus der Muse wird ein mansplainender Künstler, der das Publikum mit seinen misogynen Ansichten volllattet. Tja.

Wut muss man sich leisten können

War dann wohl doch keine Liebe, sondern bloß Projektion. Oder es war zwar schon Liebe, aber keine, von der beide in der Beziehung im gleichen Maße profitiert hätten. Die Darstellerinnen bringen Frauen wie die schwedische Autorin Victoria Benedictsson ins Spiel, die den berühmten Dramatiker Henrik Ibsen inspiriert haben soll. Oder die Physikerin Mileva Marić, bei der man sich bis heute uneins ist, ob sie entscheidende Erkenntnisse zu Einsteins Relativitätstheorie beigesteuert hat.

Zelda Fitzgerald, Lucia Moholy: Die Liste an Frauen, deren Talent von ihren männlichen Mitstreitern und Ehemännern im Keim erstickt, überschattet oder geklaut wurde, lässt sich beliebig fortsetzen. Doch die Wut, die bei so viel Ungerechtigkeit entsteht, muss man sich erstmal leisten können, erklärt Prijana Kumar. Und das sei umso schwerer, wenn man nicht nur Frau, sondern auch Migrantin ist.

Dann aber werden die drei Darstellerinnen doch noch wütend und werfen ein altes Messingbett mit so viel Wucht um, dass es fast im Publikum landet, anschließend zelebrieren sie ihre Schwesternschaft. Das ist natürlich alles sehr verdienstvoll, trotzdem setzen sich die Künste ja nicht erst seit gestern mit dem Thema auseinander. Für manche dürfte der Abend deshalb auch etwas erkenntnisarm sein. Dafür ist er abwechslungsreich inszeniert und macht mit gerade mal 45 Minuten Länge neugierig auf den nächsten. Nur, dann bitte noch etwas mutiger werden.