
Über wen reden heute alle?
Über Lucas Pinheiro Braathen, den Skifahrer, der für Brasilien Gold gewann. Im Riesenslalom am Samstag gelang ihm mit der Startnummer 1 ein überragender erster Lauf, von dem er im zweiten Durchgang zehrte. Am Ende wies er mehr als eine halbe Sekunde Vorsprung auf den Schweizer Marco Odermatt auf. Es wurde die erste Medaille Brasiliens bei Winterspielen. „O cara do ski“, nennt ihn O Globo, der Ski-Typ.
In Wahrheit wuchs Pinheiro Braathen in der Nähe von Oslo auf, startete bei den Spielen in Peking noch für Norwegen. Weil er Zoff mit seinem nationalen Verband hatte, wechselte er in das Heimatland seiner Mutter. Brasilien hat gar keinen Skiverband, weswegen er auf Crowdfunding angewiesen ist, um sein Training, seine medizinische Betreuung und seine Olympia-Teilnahme zu zahlen. Darin ist er gut. Pinheiro Braathen ist Model, trägt Röcke (manchmal sind es eher Säcke), kreiert sogar selbst Mode.
Bei der Siegerehrung in Bormio zeigte er eine Tanzeinlage in Skischuhen. Als er im Anschluss ein TV-Interview auf Englisch gab, wurde ihm ein Handy gereicht, an dem Alberto Tomba zugeschaltet war. Die italienische Skilegende gratulierte Pinheiro Braathen, der sich auf Italienisch bei ihm bedankte. Tomba lachte und sagte: „Du weinst wie ich.“
Wer wird heute wichtig?
Johannes Høsflot Klæbo könnte, nein: dürfte das neunte Olympiagold seiner Karriere gewinnen. Denn im Langlauf führt kaum ein Weg an Norwegen vorbei, in der Staffel schon gar nicht. Da könnte einer der vier rückwärtslaufen, und das Ergebnis wäre wohl das Gleiche.
Eine größere Chance, Klæbo vom Rekord abzuhalten (eher: ihn zu verzögern), existiert am grünen Tisch. Es geht um Wachs-Gate. Finnland hat Protest gegen Klæbos Sprint-Sieg eingelegt. Die Norweger durften beim Vorlauf dank einer Ausnahmegenehmigung eine Wachsmaschine (Vorsicht vor Verleser: Wachs-, nicht Wasch-) benutzen. Markus Cramer, Italiens Nationaltrainer, stimmte zu. „Diese Wachsmaschine ist ein klarer Vorteil, man hat in sehr kurzer Zeit den Wachs neu aufgezogen, das ist wie ein neuer Ski“, sagte er der Sportschau. Norwegens Wintersport ist zuletzt durch ein paar Mogeleien aufgefallen. Bei der Heim-WM der Skispringer tricksten sie bei den Anzügen, was die Verantwortlichen später zugaben.
Stand Sonntagfrüh hat Klæbo aber noch acht olympischen Goldmedaillen, genau wie drei seiner Landsleute: die frühere Langläuferin Marit Bjørgen, die mit einer Ausnahmegenehmigung Asthmamedikamente nahm, der einstige Biathlet Ole Einar Bjørndalen, der mal einen Doping-Test versäumte, und der ehemalige Langläufer Bjørn Dæhlie, der nach seiner Karriere unter Dopingverdacht geriet.
Was machen die Deutschen?
Es war lange nicht klar, jetzt steht fest: Die zweifache Silbersiegerin Emma Aicher tritt im Riesenslalom an. Das gab der DSV bekannt. Sie wird nicht die Favoritin sein, ist aber eine Allrounderin, mit der man rechnen muss. Ihre unaufgeregte, ja beinahe unterkühlte Art, Ski zu fahren, nennt ihr Förderer Wolfgang Maier im Gespräch mit der ZEIT „einen extrem rationalen Bewegungsstil“. Der sei wohl, wie auch ihr außergewöhnliches Kurvengefühl, angeboren oder „vom lieben Gott“ gegeben.
Im Biathlon, dem Oktoberfest unter den Wintersportarten, gehen Justus Strelow und Philipp Nawrath in der Verfolgung auf Scheiben- und Medaillenjagd. Die erfolgsverwöhnten deutschen Fans müssen sich aber damit abfinden, dass ihre Flintenmänner und -frauen Außenseiter sind.
Die 3:4-Niederlage gegen Lettland der Eishockeymänner am Samstag bedeutet: Um ins Viertelfinale einzuziehen, muss noch einiges passieren. Der Modus ist allerdings so kompliziert, dass ich auf einen Erklärungsversuch verzichte. Ich denke von Spiel zu Spiel. Um 21.10 Uhr treffen Leon Draisaitl und seine Mitstreiter heute auf die Stars aus den USA. Die Frauen treten die Heimreise an. Gegen Kanada war im Viertelfinale nach dem 1:5 Schluss. Doch das Tor gegen die Übermacht beflügelt die deutsche Mannschaft, schreibt Christof Siemes, der das Spiel in Mailand gesehen hat.
