Marco Rubio der Historiker | FAZ

Es überrascht nicht, dass die Rede des Außenministers der Vereinigten Staaten von Amerika auf der Münchner Sicherheitskonferenz mit stehendem Applaus und einem Lob des Konferenzleiters bedacht wurde. Wolfgang Ischinger registrierte sofort den „Seufzer der Erleichterung“, der durch das Publikum gegangen war. Wo Vizepräsident J. D. Vance im Vorjahr seine Verachtung für Europa kaum zurückgehalten hatte, zeigte sich Rubio konziliant. Sein Lob für die historischen Errungenschaften der „Alten Welt“ und deren enge Verbindung zu den Vereinigten Staaten, die Rubio ein „Kind Europas“ nannte, schafft zumindest rhetorisch eine Grundlage, auf der man aufbauen kann, um die transatlantischen Beziehungen zu „reparieren“, wie es der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz am Vortag formuliert hatte.

Das alles ist gut und sollte nachklingen in den Ohren derer, die das transatlantische Verhältnis und die zivilgesellschaftliche Substanz der amerikanischen Gesellschaft vorschnell abschreiben. Es kann aber bei allem Aufatmen auf europäischer Seite nicht darüber hinwegtäuschen, dass Rubio zwar Vances Provokation entschärfte, sich aber keineswegs von den gedanklichen Prämissen des „Kulturkampfes“ der MAGA-Bewegung, von dem Merz in München gesprochen hatte sprach, absetzte. Rubio wiederholte nicht nur aktuelle Kernpunkte der Trumpschen Ideologie wie die Schmähung von Deindustrialisierung, Masseneinwanderung und Klimaschutz, sondern verfeinerte die Mischung aus Nationalismus und Anti-Internationalismus, die Trump in seiner Einführungsansprache als Präsident vor gut einem Jahr propagiert hatte. Auch wenn Rubio nicht (wie Trump) explizit den „Geist der Frontier“ und den Glauben an den „exzeptionellen“ Charakter der Vereinigten Staaten beschwor und stattdessen deren europäische Wurzeln hervorhob, so betonte er doch, und mehr noch als Trump, die Erfolgsgeschichte der „westlichen Zivilisation“, welche die Welt befriedet und bereichert habe.

Als wäre Amerika vor 1492 nicht besiedelt gewesen

Historiker beidseits des Atlantiks dürfen sich die Augen reiben. Schon bei Trump hatten die Vereinigten Staaten die Sklaverei nicht eingeführt, sondern abgeschafft. Sein Außenminister spinnt nun den Faden fort. Indigene Ursprünge der amerikanischen Gesellschaften und deren kulturellen Reichtums, für den der Publizist Charles C. Mann im Titel eines 2005 publizierten, elf Jahre später ins Deutsche übersetzten Buches die Chiffre „1491“ geprägt hat, mit der Jahreszahl des Jahres vor der Landung von Kolumbus in der Karibik, tauchen nicht auf. Das passt dazu, dass Trump die Errichtung einer gigantischen Kolumbus-Statue vor dem Weißen Haus angekündigt hat.

Diese Statue von Christoph Kolumbus wurde am 6. Juli 2020 im Hafen von Baltimore geborgen, nachdem Demonstranten sie gestürzt und ins Wasser geworfen hatten.
Diese Statue von Christoph Kolumbus wurde am 6. Juli 2020 im Hafen von Baltimore geborgen, nachdem Demonstranten sie gestürzt und ins Wasser geworfen hatten.Nino Mangione/AP

Ausschließlich der „christliche Glaube“ scheint bei Rubio das Substrat der westlichen Kultur auszumachen, und das ohne gewaltsame Reconquista, erzwungene Konversionen und Eliminierung der einheimischen Gesellschaften unter dem Zeichen des Kreuzes. Man braucht gar nicht Werner Herzogs legendären Film „Aguirre“, mit Klaus Kinski in der Hauptrolle, zu bemühen und kann weniger provokante Erzählungen wie die von Cabeza de Vaca und Bartolomé de Las Casas zitieren, um Fragezeichen zu setzen. Mit vermeintlicher Wokeness hat das nichts zu tun. Immerhin lernen heute amerikanische Schüler in den meisten Bundesstaaten, dass die „westliche“ Begründung der Vereinigten Staaten aus einer komplexen Wechselwirkung von gewaltsamer Eroberung und Rassismus ebenso wie von interkulturellem Austausch und reziprokem Lernen resultierte. Und schon Wilhelm von Humboldt, in seinen linguistischen Forschungen, und sein Bruder Alexander, in der Aufarbeitung seiner Amerikareise, haben die außereuropäischen Kulturen in den Amerikas zu schätzen gewusst.

Ebenso wie die MAGA-Ideologen schiebt Rubios Ansprache die Ergebnisse jahrzehntelanger und andauernder Forschung beiseite. Man könnte das einem Außenminister nachsehen, nur ist es Rubio selbst, der aus Miami gebürtige Sohn und Vertrauensmann kubanischer Exilanten, der ausführlich historische Begründungen bemüht. Es fällt auf, dass seine Münchner Rede alle jüdischen und Islamischen Beiträgen zur europäischen Kultur außen vor lässt, als wenn es sie nie gegeben hätte. Vielleicht könnte der Stab des bilingualen, Englisch und Spanisch sprechenden Außenministers einmal einen Besuch in Andalusien und Sevilla, Orten, die Rubio nannte, arrangieren.

Jüdische Traditionen kommen nicht vor

An Rubios Bild des europäisch-amerikanischen Kulturtransfers erstaunt vielleicht am meisten, dass die jüdischen Traditionen und Einflüsse auf die europäische Kultur ebenso ungenannt bleiben wie das Wirken von Gelehrten, Emigranten und Flüchtlingen aus dem nationalsozialistisch beherrschten Europa mit jüdischem Hintergrund auf die Gesellschaft der Vereinigten Staaten, von der Psychoanalyse und Politikwissenschaft bis hin zur Geschichtswissenschaft und Kunst. Die Traditionen eines Rudolf Serkin und László Moholy-Nagy, Leo Strauss (auf den sich amerikanische Neokonservative gerne berufen) und Hans Morgenthau, einer Hannah Arendt und Gerda Lerner, eines Fritz Stern und George Mosse fehlen.

Kann hundert Jahre nach der Geburt von Fritz Stern (hier 2013 im Berliner Wissenschaftskolleg mit Joschka Fischer) der Anteil deutsch-jüdischer Emigranten am transatlantischen Kulturtransfer weggedacht werden?
Kann hundert Jahre nach der Geburt von Fritz Stern (hier 2013 im Berliner Wissenschaftskolleg mit Joschka Fischer) der Anteil deutsch-jüdischer Emigranten am transatlantischen Kulturtransfer weggedacht werden?Helmut Fricke

Eine Vernachlässigung der Idee „nationaler Interessen“, wie sie Rubio betonte, könnte man aus ihren Schriften und Wirken kaum ableiten, am ehesten gab es noch bei vielen Emigranten eine Wertschätzung des Internationalismus, dessen Konkretisierung durch Präsident Woodrow Wilson vor einem Jahrhundert seit langem in ihren Fallstricken und Widersprüchen – hier liegt Rubio nicht daneben – kritisiert wird. Der „Wilsonian Moment“, wie ihn der in Harvard lehrende Historiker Erez Manela in einem Buch von 2007 auf den Punkt gebracht hat, war trügerisch, nur nicht in dem radikalen Sinne, wie es die MAGA-Anhänger suggerieren. In Davos hat nicht Trump, sondern der kanadische Premierminister Mark Carney ausgesprochen, dass die Geschichte der internationalen, regel-basierenden Ordnung „teilweise falsch war“.

Dass Rubio und Carney sich auf die Geschichte einlassen, ist ehrenwert. Wer sich nach Vorbildern umsieht, die den Europäern aus solcher Sicht die Leviten gelesen und an die Notwendigkeit des „burden sharing“ innerhalb der westlichen Allianz erinnert haben, mag schon bei John F. Kennedy nachschlagen. Wenn man es aber ernst meint mit der geschichtlichen Reflexion über die derzeitigen Erosionen der transatlantischen Allianz, wird man um zwei Folgerungen kaum herumkommen können.

Erstens, die wechselhafte Geschichte der europäisch-amerikanischen Beziehungen ebenso wie jene der amerikanischen Nationalstaatsgründung widersprechen den ideologischen Vereinfachungen der MAGA-Bewegung, auch in der diplomatischen Version von Rubio. Zweitens kann die mechanische Metapher von der „Reparatur“ des transatlantischen Verhältnisses uns nicht davon entheben, gerade jetzt die historische und gesellschaftswissenschaftliche Forschung nicht weniger als unsere Lehre für die jüngste Generation der Studierenden einzuspeisen in die transatlantischen Dialoge, das heißt zu streiten und zu diskutieren. Im intellektuellen Austausch wird es dafür der Bereitschaft bedürfen, beidseits des Atlantiks alte Interpretationen zu überprüfen, sei es die der Amerikanisierung Deutschlands oder die der Internationalisierung der zwischenstaatlichen Ordnung. In diesem Austausch werden wir gedanklich ein Bewusstsein von historischer Kontingenz und damit von der Möglichkeit und Notwendigkeit, die gegenwärtigen Krise zu überwinden, wiedergewinnen können.

Andreas W. Daum ist Professor für Neuere Geschichte an der State University of New York.