Deutschland hat 80 Millionen Fußballtrainer, heißt es. Alle zwei Jahre hat dieses Land offenbar auch 80 Millionen Modekritiker. Immer dann nämlich, wenn Olympische Spiele anstehen, werden die Outfits, die Adidas den Athleten bereitstellt, auseinandergenommen. So auch dieses Mal, anlässlich der Spiele in Milano Cortina. Da ist die Sache mit dem Angler-Look, diesem Poncho mit passendem Schlapphut, beides in Schwarz, darauf neonfarbener GER-Buchstabensalat. So schickte Adidas „Team D“ also am vergangenen Freitag raus zur Eröffnungszeremonie.
Man einigte sich recht schnell darauf, dass die Entwürfe komplett danebengegangen waren. Um das Stimmungsbild kurz in Auszügen abzubilden: Katarina Witt verlor im ARD-Studio die Fassung („Ist das ein Poncho, ist das ’ne Tagesdecke oder ’ne Luftmatratze?“). Der Rodler Max Langenhan witzelte bei Instagram: „Vielleicht bringt mir einer ’ne Angel mit.“ Und der Bobfahrer Joshua Tasche warf sich beim Eröffnungsrundgang durch Cortina zu Boden, wie der Fisch am Haken. Die Kommentare waren verheerend, in den sozialen Medien, in den Onlineforen, auf den Nachrichtenseiten, im Fernsehen. Als seien die Outfits für Deutschland eine Blamage und diesem Land nicht würdig. Dieser großen Modenation. Die doch so berühmt ist für ihr feines Gespür für Farben und Schnittführung. Das Gegenteil ist der Fall, aber dazu gleich.
Denn klar, die Adidas-Uniform ist hässlich. Interessanterweise wird schlechte Mode in diesem Land aber immer nur zu den Olympischen Spielen diskutiert. Dann – also alle zwei Jahre – besinnen sich die Deutschen plötzlich auf ihr Äußeres. Wie sie damit in der Welt wirken könnten, was andere mit Blick auf ein Outfit denken mögen. So geht das seit Jahren.
Wenn das Presseecho beispielhaft für die Stimmung im Land stehen kann, dann kamen vor den Angler-Looks die „schweißfleckenfreundlichen Fledermausärmel“. So stand es in der „Welt“ über die Outfits zu den Sommerspielen in Paris, 2024. Davor war Peking, 2022: Da schrieb die „SZ“, die deutschen Athleten würden im Stadion einlaufen wie „farblich zu heiß gewaschene Clowns“. Davor, anlässlich Pyeongchang, 2018, bezeichnete, wieder die „Welt“, die Athleten in Adidas als „Rentner-Gang auf Altersheimflucht“. Die „taz“ schrieb: „Nicht so augenkrebserregend wie sonst.“ „Schnittig oder spießig?“, fragte die „SZ“ angesichts der schlichten Jacken mit dem großen Germany-Claim 2016, als die Spiele in Rio de Janeiro ausgetragen wurden. Und die F.A.Z. zitierte 2014, anlässlich Olympia in Sotschi, einen Kreativchef: „Als hätte jemand einen Wodka-Mix getrunken und ins Stadion gekotzt.“ Und ja, auch die Autorin dieses Textes ließ sich über die Looks in London (2012) und Sotschi (2014) aus.

Irgendetwas ist nämlich immer falsch. Zu schlicht, zu wild, zu grau, zu rot oder eben zu wenig rot, die Olympia-Outfits glücken nie. Vielleicht können sie gar nicht glücken. Klar, der aktuelle Aufschlag ist keine modische Offenbarung, aber müsste nicht genau das im Land der Dichter und Denker eine Auszeichnung sein, auf die viele immer so stolz sind? Mode gerät hier schnell in den Verdacht der Oberflächlichkeit. Auch nicht gerade tiefgründige Menschen bekunden deshalb gern, wie wenig sie von Mode verstehen. Hässliche Outfits müssten also eigentlich eine Genugtuung sein. Schaut her, liebe Völker der Erde, so unwichtig ist uns das Äußere wirklich. Stattdessen ist das Gezeter jedes Mal groß.
Warum die Deutschen so mit Mode hadern?
Die Gründe für dieses gespaltene Verhältnis zu Mode stecken, wie bei allem, zumindest zum Teil, in der Vergangenheit. Der schöne Schein war gemäß protestantischer Weltanschauung unnötig. Nach dem Zweiten Weltkrieg lag die Schnittmacherkunst in Deutschland endgültig brach, die Nazis hatten die vor allem jüdisch geprägte Schneiderzunft vertrieben und ermordet. Weil Mode so weiblich konnotiert ist, musste sie in Westdeutschland, wo die alten Rollenmuster in Neufassung aufgelegt wurden, dann automatisch belächelt werden. Die Achtundsechziger waren grundsätzlich skeptisch gegenüber allem Kapitalistischen – und somit auch gegenüber der modeproduzierenden Industrie.
Im wiedervereinigten Deutschland entbrannte dann ein Streit über das bisschen Modeautorität in diesem Land. Die alten Städte wie Düsseldorf und München waren auf einmal uncool. Berlin meinte, es besser zu können. Während also die Deutschen mit Mode haderten, verfestigten sich in Paris die Strukturen. In New York, London und Mailand entstanden mit den Jahrzehnten neue.

Sicher, auch bei uns setzten sich zwischenzeitlich ein paar Pflänzchen durch, wie Krokusse im Schnee. Allen voran natürlich Jil Sander und Wolfgang Joop. Gut möglich, dass die besten Zeiten der deutschen Mode im späten 20. Jahrhundert liegen, als auch Escada etwas war, Rena Lange, Bogner, Strenesse. Selbst die Adidas-Looks anlässlich der Olympischen Spiele waren damals keine Katastrophe. Die Mäntel, mit denen die Damen 1984 in Sarajevo aufwarteten, kommen auf Fotos auch heute noch gut rüber. Obwohl bunt, obwohl mit grafischen Mustern. Wir können es also doch.
Jeder Versuch, auf diesen Grundlagen eine nationale Mode-Identität zu schaffen, scheiterte aber letztlich am Unwillen der Deutschen, Design als etwas Positives anzuerkennen. Die German Angst vor Mode konnte nur im Funktionslook enden, Softshelljacken, Fußbettsandalen, Hosen, die sich mit Reißverschlüssen in Shorts verwandeln – wie praktisch und bequem. Nur so hatte Bekleidung, zumindest für den Mainstream, einen Sinn.
Ein Fall von Größenwahnsinn
Natürlich, besonders die Szene in Berlin blüht, trotz aller Umstände und Unkenrufe seit Jahrzehnten. Größer als die Anerkennung ist aber weiterhin das Misstrauen. Auf die Berliner Modewoche darf herabgeschaut werden, wie es zum Beispiel bei der Berlinale – womöglich aber selbst bei einer Caravanmesse – niemand wagen würde. Wie gesagt, mit Mode kann man es hierzulande schwer recht machen, siehe die Olympia-Outfits.
Wir sind eben – leider – keine große Modenation. Alle zwei Jahre aber sollen wir uns trotzdem modisch messen, mit Frankreich (aktuell sportliche Puffer-Teile in Sandtönen und Himmelblau), Italien (viel Grau, im Stil des Quiet-Chic-Trends) und den USA (Preppy-Ostküsten-Vibes). Die Idee ist geradezu größenwahnsinnig. Im Hinblick auf große Mode hat die größte Volkswirtschaft der Europäischen Union vielleicht die Bedeutung von Belgien, das immerhin Dries Van Noten zu seinen heimischen Designern zählen kann, eine Marke, die in Paris wie in ihrer Heimat Antwerpen gleichermaßen geliebt wird.

Es ist jedenfalls bezeichnend, dass die Deutsche Presse-Agentur im Zuge der Aufregung um die Olympia-Angler-Looks den schrillen Harald Glööckler um eine Einschätzung bat. Als sei das Thema Trash-Entertainment. Da stehen wir in Sachen Mode also.
Deshalb – selbst wenn Adidas auf die unsäglichen Schlapphüte verzichtet hätte, wäre es wohl weniger ausgelacht worden für Pudelmützen? Für Stirnbänder? Für Balabonnets?

Immerhin, die kollektive Häme trifft nur ein Unternehmen, nicht die Sportler, die sich ja selbst über diese Kleidungsstücke lustig machen, in wirklich witzigen „Outfits of the Day“, wie der Rodler Max Langenhan sie regelmäßig via Instagram sendet. Die meisten Sportler sind auch nie im Angler-Look zu sehen und dafür umso öfter im gut geschnittenen Bogner-Skianzug, mit goldenem Uvex-Helm auf dem Kopf. Auch bei Olympia sind Deutsche unter den Stilprägenden.
Die Ponchos sind aber durchaus für etwas gut – mal abgesehen von der Tatsache, dass sie auch für die Athleten der Paralympischen Spiele entworfen wurden und damit mal ein Beispiel für inklusives Design sind. Viele Millennial-Frauen in den Großstädten freuen sich derweil dieser Tage, schon bei leichtem Nieselregen die Capes der Marke Vivi Mari rauszuholen. Sie sind oversized, gemustert, passende Schlapphüte gibt es auch. Sie sehen der Adidas-Olympia-Variante zum Verwechseln ähnlich. Das eine Produkt ist – im Alltag – top, das andere – auf der Bühne – ein Flop. Letztlich hält Adidas uns also den Spiegel vor: die Deutschen in Ponchos und Schlapphüten auf der großen Bühne, das sind wir.
