Das Staffelrennen lief exakt 36:02 Minuten, als die schwedische Skilangläuferin Ebba Andersson eine Abfahrt hinunterfuhr – und plötzlich einen Salto vollführte. Bei ihrem Sturz löste sich der rechte Ski, er fuhr die Loipe allein hinunter. Schlimmer noch: Die Bindung war abgerissen, haftete nur noch am Schuh. Andersson joggte also hinter ihrem Ski her, prüfte ihn, sah, dass sie nicht mehr mit ihm fahren konnte. Dann rannte sie, welch ein Bild, auf einem Ski die Loipe entlang, den anderen in der Hand, bis nach einer geschlagenen Minute ein Betreuer kam.
Der Betreuer, der während seines Spurts zu ihr auch selbst kopfüber in den Schnee gestürzt war, brachte ihr einen neuen Ski. Und dann durfte Andersson, die zweite Läuferin der Schwedinnen nach Starterin Linn Svahn, wieder das tun, was ihre originäre Aufgabe auf der Loipe ist: langlaufen, und nicht entlanglaufen. Die im Ziel wartende Nummer drei, Frida Karlsson, verdrehte da schon bedient die Augen, sie kam später wegen Unwohlseins nicht zur Pressekonferenz. Der Rückstand war jedenfalls viel zu groß geworden, Norwegens Staffel lief unverhofft zu Gold. Die großen Favoritinnen aus Schweden kamen nach einer Aufholjagd von Karlsson und Schlussläuferin Jonna Sundling immerhin noch auf Platz zwei ins Ziel. Das Lächeln der Schwedinnen bei der Siegerehrung war dennoch gequält.

:„Ich hätte eigentlich nicht mehr am Leben sein dürfen“
Eine Skifahrt und ein Sturz in die Tiefe: Samer Tawk wäre bei einem schweren Unfall fast gestorben. Nun schafft es der Libanese im olympischen Langlauf ins Ziel. Voller Schmerzen und weit hinter dem Sieger – doch darum geht es nicht.
Andersson schleppte sich zur Pressekonferenz: „Es ist sehr schwierig, hier zu sitzen, aber Teil dieses Spiels. Ich möchte jetzt einfach zum Hotel zurück, duschen und meine negativen Emotionen für heute abschütteln.“ Was sie gedacht habe, nachdem ihr Ski den Hang hinuntergefahren und nicht mehr zu gebrauchen war? „In diesem Moment sind viele Emotionen durch meinen Körper und Geist geflossen. Es war ein komplettes Desaster. Ich habe nur versucht, so schnell wie möglich den Hügel hinunterzurennen.“
Die Strecke in Tesero gilt als schwierig und sehr tückisch, wegen ihrer vielen Anstiege und kurvigen Abfahrten. Der Regen am Samstag weichte den ohnehin sulzigen Schnee weiter auf. Andersson, die bereits bei einem Anstieg mit ihrem Ski hängengeblieben und gestürzt war, erlebte einen gebrauchten Tag. Sie sei „sehr tricky auf der Abfahrt“ unterwegs gewesen, gab aber sportlich zu: „Es lag alles an mir, nicht an den Bedingungen.“
„Das, was Ebba gemacht hat, habe ich in der Form noch nie gesehen“, sagt Bundestrainer Schlickenrieder verdutzt
Die deutsche Olympiasiegerin von Peking 2022, Katharina Hennig Dotzler, äußerte sich dagegen kritischer: „Ich bin dankbar, in der Abfahrt stehen geblieben zu sein, weil es kriminell war.“ Schon auf der ersten Runde waren mehrere Läuferinnen gestürzt. Bundestrainer Peter Schlickenrieder, dessen deutsche Staffel auf dem vierten Platz gelandet war, sagte verdutzt: „Das, was Ebba gemacht hat, habe ich in der Form noch nie gesehen. Dass man da gefühlt einen Kilometer zu Fuß läuft, bis man einen Ski bekommt.“
Während die Norwegerinnen sich nach dem Rennen feiern ließen und mit Kronprinz Haakon über die Bedingungen philosophierten, waren die Schwedinnen bedient. Und bekamen tröstende Worte von den Siegerinnen, die sie vermutlich gar nicht hören wollten: „Ich fühle mit ihr, das ist keine schöne Situation für sie“, sagte Astrid Öyre Slind in Richtung Andersson. Dann ging eine der unglücklichsten Silbermedaillengewinnerinnen dieser Winterspiele ins Hotel, um diesen Tag einfach wegzuduschen.
