Mathias Hafele, 43, kontrolliert seit Beginn dieser Saison hauptamtlich für die FIS, den Internationalen Skiverband, die Anzüge der Skispringer. Zuvor war er selbst in dem Sport aktiv, nach seiner aktiven Karriere war er als Servicetechniker des österreichischen und später des polnischen Teams tätig.
DIE ZEIT: Herr Hafele, halten wir Sie gerade von der Arbeit ab?
Mathias Hafele: Im Moment geht es. Aber in den vergangenen Tagen hatte ich mit einem Kollegen, der mich unterstützt, Vollalarm. Vor den Olympischen Spielen reichen alle Nationen neue Anzüge ein. Das ist nötig, weil sie hier bei Olympia werbefrei sein müssen und somit anders als bei den Weltcup-Springen. Wir mussten deshalb alle Anzüge der Skispringer und Skispringerinnen sowie der nordischen Kombinierer dem sogenannten technical approval unterziehen, der technischen Kontrolle. Das heißt: Die Delegationen der Athletinnen und Athleten kamen nach einer von uns festgelegten Reihenfolge zu uns in ein Hotel in Predazzo, legten uns die Anzüge vor und wir begannen unsere Arbeit. War alles in Ordnung, erhielten die Anzüge einen Chip und die Person, der er gehört, darf am Wettkampf teilnehmen.
ZEIT: Wie viele Anzüge haben Sie vor den Spielen gechippt?
Hafele: Jede Athletin und jeder Athlet durfte zwei Anzüge chippen lassen. Davon haben nur sehr wenige Springerinnen und Springer keinen Gebrauch gemacht. Bei den Spezialspringern haben wir um die 100 Anzüge gechippt. Bei den Frauen sind es ähnlich viele. Bei den Kombinierern weniger, da sind ja nur 36 Starter zugelassen.
ZEIT: Wie lange dauert so eine Prozedur?
Hafele: 15 Minuten pro Anzug. Wir haben uns den Tag eingeteilt, wir haben eine Mittagspause gemacht und waren am Abend gegen 19 Uhr fertig. Insgesamt brauchst du dafür drei volle Arbeitstage mit entsprechenden Überstunden. Das ist ein volles Programm, Langweile habe ich hier keine, an keinem Tag. Denn nach dieser Prozedur wartet ja noch die Arbeit an der Schanze, quasi die Kontrolle der kontrollierten Anzüge.
ZEIT: Dafür haben Sie ein eigenes Messzentrum direkt an der Schanze. Wo steht es dort?
Hafele: Wir haben hier zwei Container, die stehen direkt am Auslauf der Schanze. Einer für das Skispringen, einer für die Kombination. Wir sind daher ganz nah dran an den Sportlerinnen und Sportlern.
ZEIT: Sind diese Container geräumig?
Hafele: Da drin ist es gemütlich. Wir sind es gewohnt, unter diesen Bedingungen, in so einer Enge, zu arbeiten. Aber was soll ich klagen: Es ist schön warm da drin, es liegt sogar ein Teppich aus, dazu haben wir dort ein paar Tische, etwas zum Trinken, ein paar Snacks und fertig.
ZEIT: Was messen Sie alles bei den Anzügen?
Hafele: Die wichtigste Messstelle ist das top of the leg, das Ende des Beinstoffs. Im Sommer haben wir bereits alle Körpermaße der Athletinnen und Athleten – Arm-, Beinlänge, Körpergröße – mit 3D-Scannern gemessen. Wir wissen also ganz genau, wie lang das Bein der einen oder das der anderen ist. Der Anzug darf die Länge des Beins bei den Männern nur um einen Zentimeter überschreiten, bei den Frauen darf er zwei Zentimeter nicht unterschreiten. Genau gemessen wird auch der Schritt. Der Athlet muss sich bei der Kontrolle während des Wettkampfs breitbeinig in unser Schrittmessgerät reinstellen. Der Anzug darf bei Männern an dieser Stelle maximal vier Zentimeter Luft haben, bei den Frauen maximal fünf. Das gilt aber auch für den gesamten Körper. Der Schritt ist aber die neuralgische Stelle, der Stoff dort wirkt im Flug wie ein Segel. Wer hier schummelt, erarbeitet sich einen echten Vorteil.
ZEIT: Bisweilen scheint es, als verfügten eine Springerin und
ein Springer im Schritt über ein besonders großes Polster. Täuscht der
Eindruck?
Hafele: Kann eigentlich nicht sein, denn den
Schritt begutachte ich ganz besonders aufmerksam. Aber so ein Anzug ist
ja auch beweglich, da kann manchmal schon der Eindruck entstehen, er sei
an dieser Stelle zu weit.
ZEIT: Bei der Vierschanzentournee und auch wieder hier vor den Winterspielen machte eine Geschichte Schlagzeilen, bei der es darum ging, dass manche Springer in ihren Penis Hyaluronsäure spritzen, um ihn aufzublähen, um somit mehr Weite im Schritt erreichen zu können. Auch mit Schaumstoff, der um die Hoden gelegt wird, soll schon gearbeitet worden sein. Ist da was dran?
Hafele: Diese Geschichte hat mich amüsiert. Die ist meiner Meinung nach aber nicht seriös. Das war eine super Schlagzeile, Penis-Gate und so weiter, das ja.
ZEIT: Aber?
Hafele: Das ist völliger Quatsch. Da ist nichts dran, glauben Sie mir.
ZEIT: Wie können Sie Schummlern auf die Schliche kommen?
Hafele: Indem ich den Anzug ganz genau inspiziere. Dafür habe ich Messpunkte für die Schrittmessung und weitere Messgeräte, die ich selbst entworfen habe. Mein Messkonzept habe ich in den vergangenen Jahren entwickelt, ich arbeite weiter daran, es zu optimieren.
ZEIT: Was sind das für Messgeräte, mit denen Sie arbeiten?
Hafele: Es sind Maßbänder mit Display für die Bein- und Armlänge, aber auch von mir entworfene Plexiglasschablonen, die ein bisschen wie sehr große Geodreiecke aussehen. Beim Top-of-the-Leg-Messvorgang messe ich erst die Mitte des Knies aus, dafür lege ich den Anzug auf einen Tisch, mache an der Seite einen Strich und dann wird der Umfang gemessen, der muss zudem 90 Grad zur Oberschenkelachse messen. Ich kontrolliere auch den Armabschluss – der muss sich bei 90 Grad in der Achse einpendeln, dafür habe ich eine Schablone. Der Schuhausschnitt muss mindestens zehn Zentimeter hoch sein, auch dafür habe ich eine Schablone. Insgesamt verfüge ich über vier Schablonen und zwei Messgeräte, mit denen ich die Punkte markieren kann, an denen ich das Maß nehme.
ZEIT: Wie erstellen Sie Ihre Schablonen?
Hafele: Ich bin in der Lage, in 3D zu zeichnen und habe einen 3D-Drucker. Damit erstelle ich die Prototypen. Die fertige Plexiglasschablone lasse ich schließlich von einer Firma fräsen.
ZEIT: Das klingt extrem versiert und extrem technisch, um nicht zu sagen, nerdig …
Hafele: … oh ja, meine Frau sagt mir immer wieder, ich sei definitiv ein Nerd. Mit den Messungen sowieso, aber auch sonst dreht sich bei mir alles ums Skispringen. Ich bin ja jetzt seit mehr als 20 Jahren in diesem Business, zuerst als aktiver Weltcup-Springer. Da habe ich mir schon selbst meine Anzüge geschneidert. Nach meinem Rücktritt begann ich als Servicetechniker für die Österreicher, das habe ich 17 Jahre gemacht. Danach war ich in derselben Funktion für das polnische Team zuständig. Und seit dieser Saison kontrolliere ich die Anzüge.
