Am 26. Mai 2019 fuhr Samer Tawk in El-Arz westlich seines Heimatortes Bsharri Ski. Es lag noch ein wenig Schnee, er wollte noch einmal das Gefühl des Winters spüren. Das Skigebiet in Libanon bietet Pisten auf über 2000 Metern Höhe, oft mit guter Schneelage bis weit ins Frühjahr hinein. Auch die letzten Überreste des Arz ar-Rabb stehen hier, des Waldes der Zedern Gottes, sie sind ein Unesco-Weltkulturerbe. Die Zeder, in der Antike auch verwendet für den Palast- und Schiffsbau, hat im Land eine fast mystische Bedeutung, sie ziert die Flagge und das Wappen Libanons.
Tawk bog dort abseits der Piste ins offene Gelände ab – ein fataler Fehler. Jeden Tag denkt er an den Moment, als er auf einem Steilstück zu nah an eine Kante kam, die er von oben nicht sah, abrutschte, 13 Meter in die Tiefe stürzte und fast starb. Keine Zeder stand dort, um ihn aufzuhalten. Er besitzt ein Video von dieser Szene, schaut es sich jeden Tag an. Weil er aus dem Fehler seines Lebens lernen möchte. Und weil er Mut daraus schöpft.
Am Freitag ist Tawk bei den Olympischen Spielen in Tesero gestartet, im Intervallrennen über zehn Kilometer Freistil. Als allerletzter der 113 Läufer ging er in die Loipe, auf Platz 107 kam er ins Ziel. 9:13 Minuten hinter dem norwegischen Wunderläufer Johannes Hosflot Klaebo. Er trug einen Extrastrumpf am linken Bein, auch die Arme schmerzten immer stärker auf der tiefen Strecke. Den letzten Anstieg kroch er mehr hinauf, als dass er ihn skatete. „Es war okay, aber ich habe fast all meine Verletzungen gespürt“, sagte Tawk später der SZ: „Der Kurs war so hart, aber ich bin so froh, auf dieser olympischen Strecke gelaufen zu sein. Es war einer der schönsten Momente in meinem Leben.“
Brüche, innere Blutungen, Teillähmung – Leistungssport scheint ausgeschlossen: „Und nun bin ich bei Olympia.“
Einem Leben, von dem er vor sechseinhalb Jahren gedacht hatte, es sei nun vorbei. Passanten fanden ihn schwerstverletzt, schleppten ihn zu ihrem Jeep, fuhren ihn ins Krankenhaus. Es dauerte lange, fast zu lange. Die Ärzte diagnostizierten einen vierfachen Beckenbruch, innere Blutungen, sein Herz schlug noch 20 Mal pro Minute. Sein Ellbogen war gebrochen, alle Sehnen drumherum waren gerissen. Seine Hand war gebrochen, das stellten sie aber erst zwei Monate später fest. Sein Ischiasnerv war eingeklemmt, die Rückenmuskeln funktionierten nicht mehr richtig. Seine Harnröhre war zerrissen, sein linkes Bein zu 40 Prozent gelähmt.
„Ich hätte eigentlich nicht mehr am Leben sein dürfen“, sagt Tawk. Die Ärzte sagten, dass er nie wieder ganz gesund werden wird. Irgendwann wieder Leistungssport treiben? Keine Chance.
Tawk lag zehn Tage im Krankenhaus, danach drei Monate zu Hause im Bett. Er durfte sich in dieser Zeit nicht bewegen, nicht aufstehen, keinen Schritt machen, nicht mal zur Toilette. Und er hatte viel Zeit, nachzudenken. „Ich habe jeden Tag, jede Sekunde in meinem Krankenbett gedacht, dass ich nie wieder skifahren kann. Ich habe daran gedacht, wie der Doktor mir sagte, dass ich nie wieder skifahren kann. Und nun bin ich bei Olympia“, sagt Tawk in Tesero.

Zum zweiten Mal, denn 2018 in Pyeongchang war er der erste Skilangläufer überhaupt aus dem Libanon bei Winterspielen. Das war in seinem ersten Leben. In seinem zweiten Leben fällt es ihm auch sechs Jahre nach dem Unfall schwer, aufzustehen, seinen Alltag zu bewältigen. „Wenn ich morgens aufwache, bin ich steif, wenn ich Auto fahre oder trainiere, schmerzen meine Beine und Hände.“ Aber er habe einen Weg gefunden, „die Schmerzen zu akzeptieren, sie sogar zu genießen, weil ich meinen Körper durch sie spüre. Und einfach Gott zu danken, dass ich am Leben bin.“
Tawk kämpfte sich zurück nach seinem Sturz, auf eigene Faust, Verbandsstrukturen gibt es im Libanon kaum. Er versuchte noch im ersten Jahr, wieder auf Langlaufski zu stehen, kam ein paar Meter weit, fiel um. Dreieinhalb Jahre nach seinem Horrorsturz fühlte er sich wieder besser. 2022 war er als Trainer bei den Winterspielen in Peking. Aber er wollte wieder selbst in die Spur.
„Mein Körper hat sich nicht erholt und wird sich auch nicht mehr erholen. Es wird nie mehr gut sein.“
Tawk überlegte monatelang, ob er 2026 bei den Paralympics starten sollte, aber er wollte es noch einmal zu den Olympischen Spielen schaffen, es sich selbst beweisen, dass er dort nochmal ein Langlaufrennen beenden kann. „Und jetzt bin ich hier“, sagt der 27-Jährige in der warmen Sonne, „bei wundervollem Wetter, vor einer wundervollen Kulisse, auf einer wundervollen Strecke.“
Die Olympischen Spiele sind nun für Tawk vorbei, er möchte sie nun genießen, zuschauen, bis er am 20. Februar zurück nach Libanon fliegt. Er werde, erzählt er zum Schluss, dann vielleicht eine Woche Pause machen – und danach weitertrainieren. Sein Ziel ist die Nordische Ski-WM 2027 in Falun. Er wird sich akribisch darauf vorbereiten, im Sommer auf seine Rollerski steigen, Radfahren, laufen, wandern, ins Fitnessstudio gehen. Er kennt das ja.
„Mein Körper hat sich nicht erholt und wird sich auch nicht mehr erholen“, sagt Tawk, bevor er seine Langlaufski packt und geht: „Es wird nie mehr gut sein.“ Aber er spürt seinen Körper, jeden Tag.
